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Recherche, Arbeitsprozesse und Auseinandersetzungen im und mit dem TANZ und vor Allem die daraus entstehenden Werke und die damit verbundenen Künstlerpersönlichkeiten sichtbar und erlebbar zu machen, ist eines der zentralen Themen von SEEDance, der Trägergesellschaft von TANZweb.org.


Das Schreiben von TANZ und die Interpretation dieser "Texte" und deren Autoren durch die Tanzkünstler (aber auch die Rezeption dessen in Wort und Bild) liefern Gesellschaften und Individuen gleichermaßen authentische Ansätze für Gestaltungs- und Überlebensstrategien des Einzelnen in einer zeitgenössischen Wirklichkeit und der Fiktion und Vorbereitung einer nahen Zukunft.


Die Kunstform TANZ konzentriert sich weitgehend auf die letzte Bastion des Individuums zur Bestimmung seiner Identität in einer globalen und weitgehend virtuellen Welt: den eigenen Körper und dessen unverwechselbare Abgrenzung, Dynamik und Bewegung in Raum und Zeit.


Aufbauend auf die Erfahrungen und Erfolge von tanZwebkoeln.de soll beginnend in 2014 mit der konsequenten Ausweitung zunächst auf die südliche Rheinschiene, sukzessive das proklamierte Tanzland NRW in seinen einzelnen Hochburgen, Zentren und Ballungsgebieten erfasst und begleitet werden.


Das NRW KULTURsekretariat (Wuppertal) | Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen fördert die Sichtbarmachung von Tanzstädten und -regionen in NRW in Kooperation mit TANZweb.org


Als Ziel haben wir uns als Unternehmen TANZweb.org, gemeinsam mit privaten Mäzenen und Förderern, vorgenommen, das "TANZwebNRW.de" (und darüber hinaus) in naher Zukunft in ein europäisches Netzwerk einzubinden.



 

CHRONISCHE ENDORPHIN ENTLEERUNG

„Paradisus?“ Ein Performanceprojekt von Emanuele Soavi Incompany und Analogtheater 


Nachtkritik

Von Nicole Strecker

 

HIER GEHT ES ZUM VIDEOTRAILER

 

Vielleicht sollte alles nur ein Gag sein. Vielleicht wollte sich der Philosoph Platon einfach einen Jux erlauben und eine völlig abstruse Idee zur Macht der Erotik entwickeln, als er in seinem berühmten Dialog „Symposium“ seiner Figur, dem vom Schluckauf befallenen Redner Aristophanes, die Idee vom erotisch dauerbeglückten Kugelmenschen in den Mund legte? Ein rollendes Sexspielzeug. Hicks.

 

Platon müsste staunen, welche Erregungswellen sein kleines schräges Gedankenexperiment bis heute schlägt – speziell auf Tanzbühnen, auf denen naheliegenderweise die Körperthemen „Liebe, Sex, Schwulsein“ rauf-und-runterreflektiert werden, wie auch das Verhältnis von Gemeinschaft und Individuum.

 



 

Auch auf der Bühne von Emanuele Soavi und Daniel Schüßler hockt nun wieder so ein Kugelmenschlein, aber es ist glücklicherweise keines, das allzu sehr vom philosophischen Tiefsinn beschwert ist. Mit babyseligem Lächeln kauern Soavi und sein Tänzerkollege Federico Casadei auf erdverdrecktem Boden. Zwei Körper, miteinander verbunden durch eine banal-heutige Schlumpf-Klamotte: einem kükengelben Kapuzenpullover. Arme, Beine räkeln elegant wie Schlangen darunter hervor, es gibt kein Hinten oder Vorn.

 

Und dann kommt kein zürnender Spaltergott Zeuss darnieder gefahren, sondern ein relaxter Schauspieler Daniel Schüßler, der der Kreatur einen Apfel reicht. Die Verführerfrucht genügt für Zoff in der Einheit, ihre Teilung muss sein.
Womit man flugs vom philosophischen Gastmahl im biblischen Garten Eden gelandet ist. Heiliger Mythen-Mashup! So geht das den ganzen Abend. Das Männertrio Soavi, Schüßler und Casadei fuhrwerken als Theatergötter auf ihrer Bühne herum. Jeder von ihnen kreiert seine eigene Vision vom Paradies, die Kollegen spielen ein bisschen mit, ehe man sich dank konkurrierender Vorstellungen gegenseitig aus dem Arkadien vertreibt.

 

 

Soavi imaginiert den Urknall mit seinem typisch feingliedrig-schnellen Tanzstil, der immer schön-perfekte Form und regelloses Chaos zugleich ist. Pure Tanzfreude und selbstironische Distanz. Er holt sich Casadei und gemeinsam kreiseln, sausen sie als bewegungsbegeistertes Körpergeschoss unberechenbar über die Bühne, knallen mit dem Torso gegeneinander. Zwei Glückssterne auf Kollisionskurs, freudetrunkener Götterfunken.

Später spürt Tänzer Federico Casadei als nasser Fisch dem Urquell von Bewegung nach: wilde Wellenbewegungen als Anfang allen Tanzes. Und Schauspieler Daniel Schüßler sinniert derweil über eine Endorphin-Maschine, an die man sich anschließen lassen könnte und die für permanente gute Laune sorgen könnte. Ein chronisches High-Sein. Aber wer wollte das, wenn es kein Abschalten mehr gibt? Nichts ist ohne sein Gegenteil gut - das ist nun mal die Dialektik des Lebens.

 

 



 

 

So entwickelt das Trio viele kraftvolle Einzelszenen und gerade das angekündigt „Surreal-Komödiantische“ an diesem Abend funktioniert. Auch das Theater selbst als Elysium mit vielen Fragezeichen wird inszeniert, wenn das Trio sich eine einzelne Tür ohne Wände auf die Bühne holt und mit einer durchgeknallten Tür-auf-Tür-zu-Choreografie die Kinderkomik des Klippklapp-Boulevard parodiert. Gute-Laune-Terror im Volkstheaterparadies.
Nur: Worauf die drei Heilewelt-Sucher jenseits einer amüsanten Mythen-Dekonstruktion und Plünderung von Paradies-Fantasien hinaus wollen, bleibt nebulös. Erstaunlich auch, dass trotz der Mitwirkung des sonst so sozialkritisch engagierten Analogtheaters kaum mal die Wirklichkeit und ein Gegenwartsbezug in die lustig-sündige Fiktion einsickert. „Paradies“ ergo „Vertreibung“ ergo „Flüchtlinge“? Nichts davon zu sehen. Offenbar galt es, jeden zeitgeistigen Opportunismus zu vermeiden. Statt dessen lieber das Theater als Chance zum Eskapismus vor der überpräsenten Realität. Damit verpufft der launige Luftschloß-Zauber allerdings auch so schnell wie die weißen Wölkchen aus der Nebelmaschine, mit denen sich „Ariel“ Soavi in einer Szene sein Tänzer-Walhalla schafft.

 

 

Gegen Ende schließt sich der Kreis. Die Apokalypse dräut und Daniel Schüßler präsentiert sich nackt, das Geschlecht zwischen die Beine geklemmt, so dass es nicht zu sehen ist, zu einem der Wesendonck-Lieder von Richard Wagner. Er bewegt die Lippen zum Playback einer weiblichen Gesangsstimme. Eine bizarr-androgyne Diva, die ihren Liebesschmerz schmachtend ausstellt – auch das eine Variante eines zweigeschlechtlichen „Kugelmenschen“.

 

Von Platon zu Wagner zu Schüßler-Soavi. Das Paradies als Utopie von ich-entgrenzender Liebe und metaphysischer Einheit. Kein Witz. Eine Menschheitssehnsucht.

 

 


 

SOEBEN ZU ENDE GEGANGEN:

NACHTKRITIK “MOMENTUM”*

*erschienen anlässlich der Uraufführung in Bonn

 

Einmal niemand werden!

 

von Melanie Suchy

 

HIER GEHT ES ZUM VIDEO-TRAILER DER PREMIERE

 

 

Das neue Stück von Cocoon Dance füllt das komplett unmöblierte Theater im Ballsaal in Bonn mit Fleisch. Aber „Momentum“ macht das Männertrio nicht nackt, sondern lässt es uralt und ewig neu wirken

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Auf den Anfang kommt es an. Gelingt diese Einheit, dieses Beisammensein, dieses Imtaktsein – oder nicht? Gelingt es, das Einfache oder Primitive oder Ursprüngliche glaubhaft werden zu lassen, oder wird es gewollte Show?
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“Momentum”, der Titel, deklariert das Ungetrennte. Es stehen auch keine Stühle für die Zuschauer bereit. Sondern die verteilen sich im leeren Bühnenraum des Theaters im Ballsaal mit seinem schwarzen Holzboden instinktiv am Rand, die Rücken zur Mauer gekehrt. Die drei Tänzer liegen reglos bäuchlings am Boden. Würde man ihre Umrisse mit Kreide zeichnen, wären es Tote. Von oben Heruntergefallene. Ihre Köpfe sind mit Tüchern verbunden, die Gesichter unkenntlich gemacht.

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Die erhellende Aufmerksamkeit des Lichts wandert im Raum und schaltet sich manchmal komplett an und aus. Ein träges Blinzeln. Der Sound aber geht durch, ununterbrochen pumpt ein einfacher dumpfer Beat, der nach einer Weile eine Diastole hinzubekommt und einem erregten Herzschlag noch ähnlicher wird, einen Fluss erzeugend. Diese Köpfe am Boden, denkt man nun, horchen an einem Schwangerenbauch: an der Erde, dem Untergrund. Es ist aber dann ihr eigenes Inneres, das die Männer bewegt.

 


 
©TANZweb.org_Klaus Dilger


 

Den Eindruck von Höhle, von Innenraum, bestätigen die von Marc Brodeur niedrig gehängten lampenartigen Scheinwerfer und der tiefe Elektrobeat, den DJ Franco Mento bumpern lässt und der mit der Zeit mehrere Schichten auflegt, dicker wird und mal wieder flacher und dessen Impuls Beine und Köpfe einiger Zuschauer mitwippen lassen. Wie im Club. Techno.

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Nach einer Weile zucken die Rücken der Liegenden. Etwas will sich aus dem Rumpf drücken, die Körper wirken angespannt, wie Vulkane vor dem Ausbruch. Doch sie explodieren nicht, sondern durchlaufen eine Art Evolution als Kreaturen. Robben, krabbeln, flitschen, zittern, wellen und wölben sich. Ihr innerer Beat sitzt im Bauch, im Becken, langsam, schnell, ziellos, anfallartig, im eigenen Takt, selten in dem der Musik. Sie treiben durch den Raum, nah am Boden. Etwas scheint sie auf geheime Weise zu verbinden. Man ahnt, dass die drei eine Art Entwicklung absolvieren werden von der Nullposition hin zum Zweibeinertum. Doch das wird zum Glück auf unerwartete Weise nie ganz erreicht, jedenfalls nicht bis zum zivilisationssteifen oder -schlabbrigen Ende. Schon lange vorher erkennt man, diese Wesen brauchen den aufrechten Gang gar nicht.

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Die können und wollen so kopf- und sprachlos bleiben: wunderbare, grausliche Regression. Das totale Im-Moment-Sein, erst umspült vom Beat, dann ihm ausgeliefert, vereint.

 


Die Choreographie von Rafaele Giovanola, kombiniert mit den dramaturgischen Ideen von Rainald Endraß, gibt diesem “Rohen” (Endraß) im Laufe der gut 45 Minuten die eine und andere Form, die auch das Männliche dieses Kraft- und Daueraktes noch mehr betont.

 

Tiger im Tank

 

Die Tänzer mutieren zu geschmeidigen Vierbeinern, durchqueren den Raum, rollen, vibrieren im Sitzen und auf den Knien. Manchmal schrauben sie sich in die Höhe, erreichen den Stand, aber nichts hält sie dort, sie gleiten sofort wieder herab. Auf und ab und doch wieder auf. Sie fassen  aneinander an, Hand an Hand, Rücken an Rücken, lehnen, schieben, lüpfen den anderen. Immer im Takt wippend und immer noch anonym. Àlvaro Esteban, Werner Nigg und Andi Xhuma schwitzen. Die Arme um Nacken und Schultern gelegt, die Füße überkreuz schwingend, rechts, links, erinnern sie an Fußballertorjubel oder Volkstanz. Überschwang. Schon mit dem direkten Kontakt der drei hat sich etwas verändert, das Höhlengeheimnis ist verschwunden, sie sind mehr Mensch. Konsequenterweise rupfen sie sich später auch die Tücher von den Gesichtern, schauen auffordernd in die Runde, die Knie bouncen, die Köpfe nicken discomäßig zur Musikmechanik. Ja. Ja. Ja. Das Nicken hört nicht auf.

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Es zuckt am Ende dieser langen Nabelschnur, mit der die drei Herren noch mit dem Anfang, jener Einheit, verbunden sind. Darin erkennt man, und das ist das Großartige und sehr Zeitgemäße an “Momentum”, beides: die Lust, in dem Moment, in dem blinden Beat, in dem Tanz, in der Menge rückhaltlos aufzugehen; und das Schreckliche, die Sucht, das Aufgeputschte, das Pushen, die Affirmation. Nicht denken. Weiter, weiter, weiter!

 


 


01.06., Donnerstag, 20 Uhr, Studiobühne I

Marje Hirvonen, Köln

Trinity

Konzept und Choreographie: Marje Hirvonen

Tanz: Anika Bendel, Johanna May, Anni Taskula und Lena Visser


‘‘Trinity’’ ist eine Art Collage aus unterschiedlichsten weiblichen Körpern, Körperbildern und Mythen. Ein weiblicher Körper wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet, erlebt, dargestellt und repräsentiert. Es mischen sich kulturelle Prägungen, gesellschaftliche Rollen, biologische Gegebenheiten und durch Religion vermittelte Mythen und Symbole. Von Mutter Erde über die Heilige Maria bis hin zu Lilith und Maria Magdalena wird an den Klischees der Weiblichkeit gerüttelt, sie werden neu zusammengestellt und kombiniert. „Trinity“ wird zu einer Reise in die Weiblichkeit: eine Frage nach dem Ursprung des Frauseins und eine Erforschung der weiblichen Facetten.


Marje Hirvonen, geboren in Finnland, lebt seit 2008 in Köln. Sie studierte Bühnentanz an der Hochschule für Musik und Tanz Köln. Als Tänzerin und Choreographin arbeitet sie in verschiedensten Projekten sowie in Kooperation mit Künstlerinnen und Künstlern unterschiedlicher Disziplinen in NRW und im Ausland. „Trinity“ ist ihre erste abendfüllende Produktion.


Im Foyer zur Studiobühne I zeigt der Fotograf Rafael Andrade Cordova, Köln, an diesem Abend Arbeiten zur Produktion „Trinity“. Cordova ist einer der Begründer der 686 Galerie, die sich der Interaktion mit dem öffentlichen Raum widmet. In seiner Arbeit für ‘‘Trinity’’ spielt der Begriff der Schönheit und dessen Bedeutung in der Wahrnehmung des Körpers eine prägende Rolle.


Die Produktion wurde gefördert durch: Kulturamt der Stadt Köln, Kunststiftung NRW, Förderprogramm der Sparkasse KölnBonn. Sie wurde realisiert mit freundlicher Unterstützung von: ZAIK, TanzFaktur.


Eintritt: 11,- € /erm. 6,- €              

Im Anschluss ChoreographinnenTALK:

Marje Hirvonen im Gespräch mit der Choreographin Ilona Pászthy 

www.ip-tanz.com    


GESTERN, DEN 01.06., Donnerstag, 20 Uhr, Studiobühne I

Marje Hirvonen, Köln

Trinity

Konzept und Choreographie: Marje Hirvonen

Tanz: Anika Bendel, Johanna May, Anni Taskula und Lena Visser


Mit „Trinity“ eröffnete die Fabrik Heeder gestern die diesjährige Ausgabe der Nachwuchs-Reihe „FIRST STEPS“.

Hier zeigen wir die Videoimpressionen der Premiere in Köln vor einem Jahr.

EIN STÜCK ÜBER DAS AUFSTEHEN


MIRA5 IM RAHMEN VON „FIRST STEPS“ IN DER FABRIK HEEDER


Nachtkritik von Klaus Dilger


HIER GEHT ES ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN


Als die Zuschauer ihren Platz rund um die Lichtarena aus Leuchtstoffröhren in der Krefelder Fabrik Heeder einnehmen, bilden die beiden Performer Charlotte Petersen und Dong UK Kim längst schon ein menschliches Kartenhaus mit ihren Körpern. Minutenlang stützen sie sich so, als könnten sie ohne den anderen stehend kein Gleichgewicht finden, wechseln langsam die Positionen bis nur noch die Arme die Verbindung der Gegengewichte darstellen, um letztlich zu Boden zu fallen, als sie einander entgleiten.


©TANZweb.org_Klaus Dilger


Zaghaft beginnen sie, zunächst Dong UK Kim später Charlotte Petersen, ihre Eigenständigkeit zu entdecken, nähern sich einander wieder an, aus Gesten vorausgegangener Abhängigkeiten entwickeln sich erste zarte Umarmungen, kurzes Halten und Tragen aber auch Vereinnahmung und Besitzergreifung. Auch dort, wo der Eine dem Anderen temporären Halt schenkt, werden sich gleichzeitige Abhängigkeiten nicht wiederholen. Diese daraus resultierenden Augenblicke gehören zu den schönsten des knapp fünfzig Minuten dauernden Stückes der Choreographin Julia Riera und Julia Franken, die auch für die Bühne verantwortlich zeichnet.


©TANZweb.org_Klaus Dilger


Ungefähr zur Hälfte des Abends kommt es zu einem gewollten Bruch: Petersen zeigt mit weit aufgerissenen Augen und (zunächst noch) stummem Schrei dem sich anklammernden UK Kim, wer hier die „Muckis" in der Licht-Arena hat, aus der sich dieser auf allen Vieren davonschleicht, um wenig später  zurück zu kehren und im Viereck um die frühere Partnerin zu rennen. Es ist ein emanzipatorischer Prozess, ein Prozess der Findung der hier beginnt und der jenseits der inhaltlichen Metaphern auch offenbart, welch tänzerische Qualitäten die Performer auf völlig unterschiedliche Arten und Weisen besitzen.


Es ist ein behutsam choreographierter Abend um Beziehung und Emanzipation, um Fallen und Aufstehen, um Identität und Vertrauen, der von den Protagonisten überzeugend interpretiert wird und zu dem Philip Mancarella den stimmigen Soundtrack komponiert hat, der der Performance im besten Sinne eine cinematographische Ebene verleiht.

Ein Ausschnitt hieraus wurde im Mai 2017 als Bestes Duo beim Festival „SoloDuo NRW&Friends 2017“ ausgezeichnet.

 

„CO2 and otherToxins“

Bianca Mendonças „CO2 and otherToxins“

bei der Reihe First Steps in der Fabrik Heeder


Von Bettina Trouwborst


Der Mundschutz am Einlass ist kein Luxus. Wer sensible Sinne hat, könnte ihn brauchen. Nicht nur, um sich gegen den Sandstaub zu schützen, der von der Bühne ins Publikum wabert. Auch, um Distanz zu schaffen zwischen der körperlichen Pein, die sich auf den Zuschauer übertragen will. Denn auf der Bühne durchleben Bianca Mendonça, Thais de Almeida Prado und Katharina Geyer den Erstickungstod. Ihre gemeinsame Produktion „CO2 and other Toxins“ (Konzeption/künstlerische Leitung: Bianca Mendonça), die sie jetzt bei dem Nachwuchsformat First Steps in der Fabrik Heeder in Krefeld vorstellten, ist ein Requiem für die Natur im Südosten Brasiliens. Atemnot als künstlerischer Ausdruck für Vergiftung, aber auch für das Ausgeliefertsein.


Die Performance bezieht sich auf die schlimmste Umweltkatastrophe in dem südamerikanischen Land: Im November 2015 brach in der Landschaft von Mariana in dem über 850 Kilometer langen Fluss Rio Doce ein Damm und vergiftete die gesamte Flora und Fauna mit chemisch verseuchtem Lehm. Ursache war die Privatisierung von Land: Private Unternehmen können in Brasilien das Recht kaufen, natürliche Ressourcen auszubeuten. Die Folgen für die Bevölkerung macht Bianca Mendonça, geboren in São Paulo, unmittelbar spürbar.




©TANZweb.org_Klaus Dilger


„CO2 and other Toxins“ ist keine Protestaktion, keine wütende Anklage. Mehr ein leises Trauern voller Resignation, das den Zuschauer physisch und auch emotional einbeziehen will. Berühren kann die Arbeit allerdings nicht, dafür kommt sie zu verhalten daher. Sie ist keinesfalls ein Tanzstück – eher Aktionskunst, installative Performance.


Bianca Mendonça, die Darstellende Kunst an der Universität von São Paulo und Tanzvermittlung an der Hochschule für Musik und Tanz Köln studierte, arbeitet mehr mit theatralen und bildnerischen als mit tänzerischen Mitteln. Die Wahl-Kölnerin reiht Tableau an Tableau. Zu Beginn pumpen zwei Frauen einen Ballon auf, bis er platzt. Dann sitzt das Trio auf drei roten Hockern in einem Lichtquadrat und pumpt immer schneller Luft in seine Lungen, gerät aus dem Atemrhythmus und in Atemnot, fällt schließlich auf dem Boden in sich zusammen. Dort simuliert es Ersticken: synchrones Luftanhalten, immer wieder – für den Zuschauer ein langatmiges und beklemmendes Prozedere. Auch die anschließenden Körperskulpturen und das verzögerte Blitzlichtgewitter mit liegenden und posierenden Körpern im Staub vermögen nicht recht zu fesseln.


©TANZweb.org_Klaus Dilger



Einfälle werden lose nebeneinander montiert: Sand rieselt von oben in einem Lichtstrahl auf die Bühne – ein schönes Zeit-Symbol. Eine Figur mit Fisch-Maske bewegt sich einem Spot entgegen – ein surrealer Moment. Der Abend gewinnt an Dichte, als Thais de Almeida Prado in einem Schutzanzug Sand auf dem Boden verteilt. Sie malt eine mäandernde Flusslandschaft mit einigen rätselhaften Zeichen hinein. Parallel kreiert Bianca Mendonça an einem Overhead Projektor Bizarres: Bilder verschütteter Menschen, Mikrokosmen mit amöbenartigen Wesen, die sie durch die Zugabe von dunkler Farbe und Öl „vergiftet“. Dazu erzeugt Katharina Geyer an einem Mikrofon mit einer Schüssel und verschiedenen Materialien unangenehme, traurig-hohle Klänge. Als Bianca Mendonça die Projektion öffnet und sich über Bühne und Wände eine lehmig-braune Landschaft ergießt, findet der Abend doch noch als Gesamtkunstwerk zu sich. „CO2 and other Toxins“ ist ein durchwachsener Abend, bei dem aber ein starkes bildnerisches Potenzial deutlich wird.

Freundlicher Beifall von der nur spärlich besetzten Zuschauertribüne.


 


„One must still know how to disappear“





Josefine Patzelt und Lenah Flaig beschließen die Reihe First Steps in der Fabrik Heeder mit ihrem Stück „One must still know how to disappear“



HIER GEHT ES ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN


Von Bettina Trouwborst


Ein Erotik-Thriller? Die elektronische Musik schwillt bedrohlich an, während sich zwei langhaarige Blondinen in schwarzer Wäsche im Halbdunkel unter einer Glühbirne gegenüber sitzen. Eher nicht, denn die beiden ziehen sich Kleidungsstück um Kleidungsstück wieder an – und lassen sich dabei nicht aus den Augen. Blaue Jeans, weißes Top, schwarze Sneakers – sie sehen fast aus wie Zwillinge. Eine strategische Maßnahme, wie wir bald erfahren werden. Denn Anweisung Nummer drei des  Philosophen Jean Baudrillard in der Kunst des Verschwindens lautet: Finde eine andere Person und versuche, sie zu kopieren. Textfragmente des Franzosen liest nämlich eine Stimme aus dem Off in leicht süffisantem Ton. Und bringt die beiden Tanzkünstlerinnen Josefine Patzelt und Lenah Flaig an ihre psychischen und physischen Grenzen. Ihr gemeinsamer choreografischer Erstling mit dem Titel „One must still know how to disappear“ vibriert vor Spannung: ein philosophisch motivierter Tanz-Krimi. Die kaum merkliche sanfte Ironie macht ihn umso reizvoller.



©TANZweb.org_Klaus Dilger



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Die beiden jungen Frauen geraten mehr und mehr in den Sog der Stimme (Ralph Günther). Ganz entspannt-genüsslich philosophiert sie über Formen des Verschwindens in englischer Sprache. Die Metamorphose sei ein gutes Mittel, eine Form zu verlassen, sich zu verwandeln und eine neue anzunehmen – wie der Tanz. Der Tod dagegen sei keine gute Variante: „One must still know how to disappear“, so das Credo. Dann  zerfetzten harte Crash-Geräusche die freundliche Stimme.


Die hohe Kunst von Josefine Patzelt und Lenah Flaig liegt darin, dass sie die Gedanken des Philosophen aufnehmen, ohne sie zu illustrieren. Mehr noch, sie lassen sich von ihnen tänzerisch antreiben und schließlich beherrschen. Ihr zeitgenössisches Bewegungsidiom, das die beiden als starke Tänzerinnen ausweist, ist geprägt von Elementen des Streetdance. Mit den eckigen  Arm-Gesten, abrupten Richtungswechseln und dem federnden Körper vermitteln die Tanzsequenzen etwas Marionettenhaftes. Man könnte die Frauen als Marionetten dieser Stimme sehen, die eine wachsende mentale Macht auf sie ausübt. Oder auch nicht. Denn das Stück lässt Interpretationsspielraum in alle Richtungen.



©TANZweb.org_Klaus Dilger


©TANZweb.org_Klaus Dilger



Immer neue, oft kryptische Akzente setzten die beiden Nachwuchschoreografinnen. Und gestalten so eine dichte, knisternde Atmosphäre. Einen Spannungsbogen, der nicht locker lässt. Dramaturgisch geschickt, führen sie Requisiten oder Aktionen ein, die im späteren Verlauf eine Bedeutung gewinnen.


Und sich zu einem fulminanten Finale verdichten. Während Lenah Flaig auf cool macht und hinter einer Sonnenbrille verschwindet, wie es der akustische Partner als jugendliches Gehabe missbilligt, schreibt Josefine Patzelt mit Kreide an verschiedenen Stellen auf den Boden – für den Zuschauer nicht lesbar. Später, nachdem insbesondere Patzelt Giselle-artig bis zur totalen Erschöpfung getanzt hat, erscheinen die beiden Frauen in einem düsteren Tableau in einer Zwischenwelt.  In schwarzen Kleidern bewegen sie sich in einem Licht-Rechteck mit Kreide-Inschrift wie auf einem Grab. Die ganze Bühne ein Friedhof? In Zeitlupe, erst angstvoll gekrümmt, dann wie erlöst, bewegen sie sich einem Lichtstrahl entgegen. Auf dem Weg ins endgültige Verschwinden oder in die Transformation? Vieles bleibt unergründlich.



Die Performance von Josefine Patzelt und Lenah Flaig hat zweierlei, das vielen zeitgenössischen Arbeiten fehlt: Geheimnis und Tiefgang. Sie setzt einen eindrucksvollen Schlusspunkt, nein, ein Ausrufezeichen, unter das Nachwuchsformat First Steps des Krefelder Kulturbüros in der Fabrik Heeder. Und zeigt, wie lohnend es sein kann, Anfängern eine Plattform zu bieten.


©TANZweb.org_Klaus Dilger
 

„Here I Am" - Uraufführung
FREIraum Ensemble, Köln


Innenhof der Fabrik Heeder, Eingang C, Virchowstraße 130, 47805 Krefeld

Samstag, 29. Juli 2017
Freitag, 4. August 2017
jeweils 20 Uhr, Einlass 19.30 Uhr

Krefeld TANZT zeitgenössisch

Foto: Horst Klein

In der Outdoor-Performance „Here I Am" nimmt das FREIraum Ensemble die Zuschauerinnen und Zuschauer mit auf eine Reise in den Innenhof der Fabrik Heeder. Sie wurde 1906 als Tapetenfabrik errichtet und ist seit 1989 unter Leitung des Kulturbüros der Stadt Krefeld als Kulturzentrum in Betrieb.

Seit 1989 präsentiert das Kulturbüro regelmäßig zeitgenössischen Tanz auf den Bühnen der Fabrik, doch die sachliche Architektur im Außenbereich wurde bisher selten tänzerisch bespielt. Hier eröffnen sich nun in ungewohnter Umgebung neue Einblicke, auch in die Vergangenheit und Gegenwart des Ortes, aber nicht nur das.

Bei einer Aufführung sieht das Publikum die Tänzerinnen und Tänzer üblicherweise auf einer Bühne. Dort stehen sie strahlend im Mittelpunkt. Was aber passiert hinter den Kulissen? Das FREIraum Ensemble rückt mit „Here I Am" das Leben freischaffender Tänzerinnen und Tänzer in ihrem Alltag des Konzipierens, Trainierens und Probens in den Blick. Es geht um das Leben „dazwischen", das Leben hinter und neben den Auftritten und letztlich um die Frage, wieso jemand überhaupt auf die Bühne will. Beobachten Sie das leidenschaftliche Ringen zweier Tänzerinnen, zweier Tänzer und eines Streichquartetts mit ihrer Arbeit und ihrem Alltag in einer besonderen Kulisse.

Produktion: FREIraum Ensemble, Köln
Leitung: Arthur Schopa
Konzept: Ruben Reniers, Arthur Schopa
Performance: Ronja Nadler, Ruben Reniers, Arthur Schopa, Emily Welther
Musik: N.N.
Zusätzliche Sounds: Jörg Ritzenhoff
Kostüme: Hannah Rinaldi

Eine Produktion im Auftrag des Kulturbüros der Stadt Krefeld.

Der Eintritt zur Veranstaltung ist frei.
Die Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer wird jedoch auf 150 begrenzt.

Hinweise für die Zuschauerinnen und Zuschauer
Es gibt keine Bühne und keine Bestuhlung, das Ensemble bewegt sich frei im Innenhof der Fabrik Heeder. Bei schlechtem Wetter wird die Veranstaltung unter Umständen den Bedingungen gemäß modifiziert.