Maskentausch

Maskentausch – Die Kompanie Delfos Danza Contemporanea aus Mexiko ist für nur einen Abend zu Gast beim schrit_tmacher justDANCE! Festival. In ihrem preisgekrönten Stück „Cuando Los Disfraces Se Cuelgan (When The Disguises are Hung Up)“ beschäftigen sie sich mit den Masken, die alle Menschen tragen.

 

Nachtkritik von Natalie Broschat

 

Jeder Mensch trägt eine Maske und jeder Mensch spielt eine Rolle. Eine Rolle, die ihm gegeben ist, die er zu erfüllen hat oder die er sich selbst auferlegt. Wie und wer ist man, wenn diese Masken und Rollen abgelegt werden? Die sechs TänzerInnen der Delfos Danza Contemporanea tun es. Claudia Vista, Johnny Millán, Daniel Marín, Roseli Arias, Karla Nuñez und Augustín Martinez wollen ihre eigene Person sein und hinterfragen deswegen ihre Persona, ihre zur Schau gestellte Maske und deren Rolle. Die Persona macht den Menschen sozialverträglich und passt ihn an gesellschaftliche Strukturen und Normen an. Doch das Tragen dieser Persona, mindert einerseits die Individualität, hilft andererseits aber bei der Identitätssuche. Ein Dilemma? Es geht um den richtigen Sitz; nur dann kann ein Mensch zwischen etlichen Stimmungen, Farben und Tönen changieren und seine Identität hinterfragen und festigen. Die Delfos Danza Contemporanea will genau das erzählen.

Die mexikanische Choreografin und Tänzerin Claudia Vista gründete die Kompanie 1992 zusammen mit ihrem Kollegen Victor Manuel Ruiz. Seitdem verzeichnen sie große Erfolge in Südamerika. Mit „Cuando Los Disfraces Se Cuelgan (When The Disguises are Hung Up)“ tourten sie bereits durch die ganze Welt. Und obwohl das Stück schon etwas älter ist (Premiere war 2009), ist das Publikum im niederländischen Heerlen begeistert.

Vielleicht gerade weil es ein Stück aus Südamerika ist. Ein nicht-europäischer Tanzabend, den man hier nicht findet. Es ist ungewohnt, was da alles auf der Bühne geschieht. Das mag daran liegen, dass Mexiko ein riesiges Land mit vielen kulturellen und politischen Einflüssen und über 60 anerkannten Nationalsprachen ist. Diese Vielfalt schlägt sich auch in den darstellenden Künsten nieder und stellt hiesige Sehgewohnheiten auf die Probe. Denn der europäische, zeitgenössische Tanz arbeitet vor allem mit Reduktion, eindeutigen Linien und klaren Entscheidungen. Mit bestimmten Masken und Rollen, wenn man so will.

Hier nun aber ein Abend,  eine Stunde, den die Delfos Danza Contemporanea auf der Bühne vollgepackt hat, – und zwar so richtig. Manchmal erstrahlt die Bühne lila, kurz danach komplett in Grün. Die Kostüme sind dezent-pompös und die einzelnen Szenen eröffnen immer neue Tanzwelten, in denen kurze Geschichten über das Sein mit oder ohne Persona erzählt werden.

In einigen Episoden wird dies offensichtlicher verhandelt als in anderen. Auch legt die Kompanie Masken in Form von Kostümen an und nicht ab – oder doch nicht? Sehen wir am Anfang die TänzerInnen noch in fleischfarbenen Unterhosen, so sind sie bald auffallend kostümiert. Sie sind Marionetten und werden vom jeweiligen Tanzpartner am Rücken nach oben gezogen oder in bestimmte Positionen gerückt. Oder ihre Jacken sind am Rücken aneinander genäht; so dass sie dem anderen  nicht entfliehen können und mit ihm zurecht kommen müssen. Mit ihrer Persona, ihrem Schatten, ihrem anderen Ich, der Gesellschaft oder schlicht dem Leben. Und schon im nächsten Bild können sie sich auch der Jacke und somit den gesellschaftlichen Normen entledigen. Dies wird tänzerisch auf höchstem Niveau dargestellt.

Dort agiert auch der ganz besondere Tanzpartner des Stücks: Das Licht. Von Kompaniemitbegründer Victor Manuel Ruiz designt erhellt es nicht nur die Leere vor dem dunklen Bühnenhintergrund in sich umarmenden Formen, sondern wirft auch geometrische Muster auf den Tanzboden. Eines von vielen Symbolen in „Cuando Los Disfraces Se Cuelgan (When The Disguises are Hung Up)“. Denn Licht steht auch für Erleuchtung und Selbsterkenntnis. Das, was einen zum Ich-Sein bringt. Genauso wie das Ziel: Leben in Freiheit. Auf der Bühne dargestellt durch Vogelkäfige, aus denen man entlassen werden will. Die TänzerInnen der Delfos Danza Contemporanea legen im übertragenen Sinne ihre Kostüme dafür ab.

Es sind schöne Bilder und tolle Bewegungen, die in diesem besonderen Stück für das menschliche Maskentragen gefunden werden. Die Musik erstreckt sich bis hin zu klassischen Stücken von Bach und Vivaldi. Die Kostüme von Eloise Kazan reichen von fleischfarbener Unterwäsche hin zu barocken Gewändern, detailreichen Totenmasken und den ambivalenten Jacken. Die Choreografien weisen gleichermaßen moderne wie auch klassische Ballettelemente auf. Doch geht manches zwischen all dem, was auf der Bühne passiert, verloren. Um die gesamte Tiefe und Schönheit der Choreografien, der Körper, der Kostüme, der Musik, der Symbole und der Geschichte greifen zu können, möchte man sie manchmal anhalten und ganz europäisch reduzieren.

Oder besser noch, man passt sich an, setzt die europäische Maske ab und die mexikanische dafür auf.

Von |2018-03-09T00:38:35+00:007. März, 2018|