Zwangsjacken für Engel

Festival Schrittmacher in Aachen: Die „2Faced Dance Company“ aus Großbritannien eröffnet mit ihrem dreiteiligen Abend „Run“

Eine Nachtkritik von Nicole Strecker

 

HIER GEHT ES ZU DEN VIDEOIMPRESSIONEN

Es ist schon kurios: Da gelingt es einem Festivalleiter, einige Bignames aus dem Choreografen-Jetset einzuladen, und dann eröffnet er sein Event gar nicht mit den gewonnenen Weltstars wie Sidi Larbi Cherkaoui oder Hofesh Shechter, sondern mit einer, zumindest in Deutschland, ‚Noname-Gruppe‘. Nein, eigentlich ist das ganze Schrittmacher-Festival ein kurioses Phänomen: Da erfindet Kurator Rick Takvorian in einer Stadt, in der der Tanz elf Monate im Jahr praktisch nicht stattfindet, ein Tanzfestival – und er straft alle Theorien Lügen, die behaupten, Tanz brauche kontinuierliche Publikumsarbeit. Da pusselt er nun schon 23 Mal (bisher noch unverständlicher Weise) weitgehend unbeachtet vom überregionalen Feuilleton sein Liebhaberprogramm zusammen – und die Zuschauer strömen in Scharen in die kurstädtische Grenzregion, seit Jahren ist „Schrittmacher“ ausverkauft. Da zieht Takvorian durch diverse Locations der Stadt und darüber hinaus bis in die Niederlande, zieht in die coole – auch im Wortsinne, weil: kaum beheizbare – Industriehalle Stahlbau Strang – und die Zuschauer behalten eben die Wintermäntel an, ziehen hinterher. Wer so geliebt wird, darf was riskieren: die „2Faced Dance Company“ aus Großbritannien etwa, mit ihrem dreiteiligen Abend „Run“.

Stück Nummer eins: „From Above“ von Choreografin und Kompaniechefin Tamsin Fitzgerald. Sie gründete vor bald 20 Jahren das reine Männerensemble in Hereford im landwirtschaftlich geprägten Westen Englands, engagiert sich im Community-Dance-Bereich und so, wie sie sich zunächst dafür einsetzte, mehr Männer für den Tanz zu begeistern, so ermutigt sie seit einigen Jahren nun mehr Frauen zu Choreografieren nach der Devise: ‚Nimm das, du Macho-Choreografenwelt!‘ Für sie selbst bedeutet das offenbar auch: Geschlechterklischees aufzubrechen und vermeintlich ’schwere‘ Streetdance-Jungs als weich-fluide Schutzbedürftige zu zeigen, als „Digital Natives“, die mit der ständigen Überinformation nicht mehr klarkommen.

From Above“ – das meint die neue Himmelsmacht: das Dauer-Geflimmer unserer Informationsgesellschaft 2.0. Drei beleuchtbare Platten hängen drückend über der Bühne, verbreiten gleißend-weißes Licht, flackern nervös und werden per rasselndem Kettenzug von den Tänzern in immer neue Positionen gebracht. Sie erinnern an die Sonnensegel eines Satelliten, die uns mit Abermillionen von Daten versorgen. Wie ein elektronisches Teilchen im Strudel von ‚Big Data‘ krümmt, ruckelt, verdreht sich ein einzelner Tänzer zunächst unter der Lichtquelle, mehr futuristische Kreatur als Mensch. Sein fremdbestimmtes Wirbeln wird fortgesetzt von drei Männern, die ihn hochheben, schweben lassen, im Lauf auf ihre Schultern stellen, auf den Knien balancieren. Spektakuläre Hebefiguren, Körperwürfe durch die Luft, geschmeidige Bodenrollen. Eine sanfte Manipulation, der sich das Individuum allzu bereitwillig hingibt. Der Mensch auf dem Weg zum Cyborg, gesteuert von den unsichtbaren Energieströmen der digitalen Schwarmintelligenz.

Ein spannendes, tanzaffines Thema, das Tamsin Fitzgerald anfangs auch vielversprechend umsetzt. Doch je länger der Flow-Tanz dauert – Streetdance-Moves, aber in der soften Anmutung des Modern Dance -, desto beliebiger wirkt das Material. Und vor allem: Viel zu laut, viel zu schwülstig dröhnt der Soundtrack, Cello und Klavier im Elektroblubber. Ein Manko, das für alle drei Stücke gilt: Wer so gewaltig aufdreht, wummert auch den letzten Gedanken aus dem Hirn.

Schade eigentlich, denn vermutlich hat das choreografierende Damen-Trio ziemlich viel gegrübelt und ambitioniert die Themen gewählt. Die Britin Rebecca Evans etwa hat über die Migrationspolitik sinniert und festgestellt: viel zu viel Angst. In ihrer Choreografie „The Other“ fällt dann aber das Flüchtlingsthema weitgehend weg, es bleibt die Furcht. Tänzer Jack Humphrey ist das panikgeschüttelte Geschöpf, sein Kollege Jason Boyle eine Allegoriefigur für die Angst. Aus dem Dunkel taucht er auf, packt sein Opfer, reißt es mit sich fort, hockt ihm im Nacken. Ein sarkastisch-böser Dämon, der sich niemals einfangen und kontrollieren lässt. Da mag sein Opfer Humphrey noch so verzweifelt die Selbstermächtigung anstreben, soldatisch stramm paradieren und sich mit geballter Faust auf die Brust hauen. Wenn Choreografin Evans erst einmal tanzen lässt, gelingt ihr das Duo zwischen Horrorschimäre und Gefühlsgetriebenen ziemlich gut, aber bis dahin muss man lange warten: Endlos absolvieren die Tänzer eine Jonglagenummer mit mobilen Scheinwerfern, bis endlich ein bisschen Licht ins Tanzdunkel gebracht worden ist.

Seltsam, dieser hilfesuchende Griff zum Objekt, der in der letzten Choreografie des Abends, „Fallen Angels“ von Lenka Vagnerová noch willkürlicher praktiziert wird – als traue man der puren Kraft der Körper der „2Faced Dance Company“ lieber nicht. Dabei sind die Jungs des Ensembles offenbar zu allem bereit, sind sanft wabernde Netzjunkies, schweißtreibende Angst-Aggressoren oder wie im Abschlussstück: luziferische Engel. Hier tanzt die gefallene Himmelsschar auf wie die Rebellen von Hofesh Shechter. Sie werfen sich Plastikflaschen mit roter Flüssigkeit zu als müssten sie einen Blutdurst stillen, klemmen sich die Arme unters T-Shirt mit flügelartig herausragenden Ellbogen – Engel in Zwangsjacken, und die braucht es auch, so garstig und gewalttätig wie sich diese Satansbrut attackiert. Allerdings drängen sich ständig Bilder aus den Stücken anderer Choreografien auf – etwa die Menschenketten in Crystal Pites Katastrophenstück „In The Event“ – und die Ästhetiken wechseln so wild-willkürlich als sei das Stück als „copy-and-paste“ aus Youtube-Clips entstanden. Eine Unterstellung, gewiss, aber wirklich auf den Punkt kommt die Choreografie erst, wenn ein Tänzer mit zerzaustem Federkleid von der Bühne schlurft, wie ein abgestürzter Ikarus, der seinen Größenwahnsinn zu seiner eigenen Scham überlebt.

Weniger Effekt an diesem Abend, weniger präpotentes „Womanspreading“ wäre definitiv mehr Wirkung gewesen. Und die hätte man nicht nur diesem zeitgemäßen Genderprojekt von Tamsin Fitzgerald und der „2Faced Dance Company“ gewünscht, sondern auch dem Auftakt zu „Schrittmacher“, dem eigensinnigsten aller Tanzfestivals.

Von |2018-02-22T11:54:56+00:0021. Februar, 2018|