• Tanz Film Tanz Kritik Krefeld

Kollektives Trance-Erlebnis statt ästhetischer Tanzkunst

Arno Schuitemakers „I will wait for you“ beim Festival „Move!“ in der Fabrik Heeder

Eine Nachtkritik von Bettina Trouwborst

Mondbewohner? Unterwassermenschen? Oder Disco-Besucher in Trance? Die im Dunkeln vage erkennbaren drei Tänzer, die eng beieinander stehen, wirken schwerelos. Ganz sanft schaukeln ihre Schultern, ihre Gliedmaßen, ihre Leiber – wie Federn in einer lauen Brise. Ein leises, tickendes Geräusch dagegen drängt vorwärts. Doch nur millimeterweise bewegt sich das Trio im Raum. Eine knappe Stunde wird es dauern, bis die Dunkelheit vollständig dem Licht gewichen ist und die Gesichter dieser Tänzer-Persönlichkeiten klar zu erkennen sind. Ja, auch so kann man den Titel deuten: „I will wait for you“ des niederländischen Choreografen Arno Schuitemaker erobert sich Millimeter für Millimeter, Sekunde für Sekunde Raum und Publikum. Dabei verändert sich der Bewegungsfluss stetig, aber so minimal, dass man es kaum wahrnimmt.

Die niederländisch-französische Koproduktion, zu Gast bei dem Festival „Move! 16. Krefelder Tage für modernen Tanz“ in der Fabrik Heeder, fällt aus dem Rahmen: kollektives Trance-Erlebnis statt ästhetischer Tanzkunst. In seiner Originalität ein durchaus  imposanter Abend, in seiner repetitiven Gleichförmigkeit allerdings phasenweise recht monoton.

Arno Schuitemaker ist Luft- und Raumfahrtingenieur. Nach seinem Studium in Delft schien ihn das Berufsbild aber nicht weiter zu interessieren. Er wandte sich dem Tanz zu und machte einen Abschluss in Choreografie. Gebliebenen ist offensichtlich die Leidenschaft für Schwerelosigkeit. Seit etwa zehn Jahren ist der Niederländer in seiner Heimat künstlerisch präsent und angesehen – er inszeniert vorwiegend Schwebezustände. Schon in seinem Erfolgsstück „While we strive“ schickt er ein Trio in einen atemlosen Strom der Wiederholungen.

Ein  Sog entsteht durchaus. Dafür sorgen schon die hypnotisierende Soundcollage, die immer neuen Höhepunkten zustrebt – ohne, dass sie szenisch eingelöst würden –, und das dezente Farbenspiel des Lichts. „I will wait for you“ ist laut Programmheft inspiriert durch „das schwer greifbare Wesen der Liebe“. Ein Anspruch, dem das abstrakte Stück nicht erkennbar gerecht wird.  Zweifellos aber ist es durchdrungen von dem Gedanken der Menschlichkeit. Denn diese drei Figuren durchleben während des Abends ein kontinuierliches Miteinander. Obwohl jeder einzelne völlig in sich versunken ist und die Tänzer sich räumlich immer weiter voneinander weg entwickeln, bilden sie doch durchweg ein organisches System. Aus dem sanften Schaukeln wird Tanz: eine wellenartige, gedrehte Motion in Endlosschleife dynamisiert sich innerhalb einer Stunde zur Schleuderbewegung. Das Trio führt sie gegenläufig aus, unabhängig voneinander oder für kurze Momente auch synchron. Auch nehmen die Bewegungen immer mehr Raum ein, wie Gestirne verteilen sich die drei Tänzer über die Bühne. Mal bilden sie geometrische Formen wie ein Dreieck, eine Diagonale, eine Linie.

Der Gedanke an Anne Teresa De Keersmaeker und ihre Phasenverschiebungen drängt sich auf. Ihre puristische Kunst ist natürlich gedanklich tiefer durchdrungen und von architektonischer Präzision. Doch in gewisser Weise wirken diese minimalistischen Niederländer wie entfesselte Keersmaeker-Tänzer.

Dabei geht es Schuitemaker weniger um die tanzkünstlerischen Bewegungen selbst. Er will einen rauschhaften Kosmos erzeugen. Was gelingt: Der Raum ist gefüllt mit hochenergetischer Harmonie. Doch das konsequente Festhalten an der Tanz-Endlosschleife, angetrieben nur durch Klang- und Licht-Impulse, lullt auch ein und ermüdet. Wenn auf der Bühne die Schweißtropfen der Ekstase fliegen, ist das Spiel längst ausgereizt.

Am Ende schließt Schuitemaker den Kreislauf wohltuend, indem er seine Tänzer minimal pendelnd und freundlich lächelnd zur Ruhe kommen lässt. Die Invasion der Mondmenschen ist letztlich geglückt und ihre humanistische Mission bei den meisten angekommen. In Deutschland kennt man den tanzenden Raumfahrttechniker noch wenig. Doch das könnte sich bald ändern. Nicht nur, weil ihn sein nächstes Gastspiel nach Nürnberg führt.

Von | 2017-11-11T19:19:13+00:00 11. November, 2017|