Schmunzelnde Hommage an den Horrorfilm

  • Shiver Nicole Seiler ©Klaus Dilger

SHIVER – eine schmunzelnde Hommage an den Horrorfilm

Cie. Nicole Seiler aus Lausanne/Schweiz eröffnet das Festival Move! 17. Krefelder Tage für modernen Tanz in der Fabrik Heeder

Nachtkritik von Bettina Trouwborst

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Wie innovativ und überraschend vielseitig die Kunstform Tanz ist, zeigte die Aufführung der Cie. Nicole Seiler aus Lausanne. Die Schweiz ist diesmal Gastland. Ihre bereits weit gereiste Produktion „Shiver“ (2014) ist eine schmunzelnde Hommage an den Horrorfilm. Technisch höchst ambitioniert, spielt sie mit raffinierten Projektionen auf den tanzenden Körpern.

Nein, wirkliche Schauder jagt einem „Shiver“ nicht über den Rücken. Auch wenn sich das Stück mit unheimlichen Off-Stimmen, dramatischen Sounds und anderen schrillen akustischen Effekten alle Mühe gibt, eine gruselige Atmosphäre zu erzeugen. Vielleicht liegt es daran, dass eine schaurig-schöne Szene an die nächste montiert wird – ohne den Hauch einer Handlung. So fasziniert Seiler zwar durch ihre handwerkliche Kunst, doch ist  ihre Arbeit so greifbar wie ein Phantom.

©PRESSEBILDER Klaus Dilger_TANZWEB SHIVER-Eröffnung Tanzfestival move!

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Stockfinster ist es eine knappe Stunde lang, damit das Licht, das die Tänzer wie ein Kostüm kleidet, seine fantastischen Effekte entfalten kann: Wie eine Kreidezeichnung mit illuminierten Konturen wirkt eine Gruppe von schwarz-weißen Gestalten. Erst kauern die Tänzer lange zusammen, bevor sie sich wie wuselndes Getier über die Bühne bewegen. Auf einer schwarzen Leinwand erscheint eine Silhouette. Eine Landkarte? Vielleicht Spanien? Die Form wandelt sich, teilt sich zu einer Art Amöben unter dem Mikroskop im Biologieunterricht. Amorphe Wesen hier wie dort – aber gruseln?

Es ist eine seltsame Welt, in die Nicole Seiler uns hineinzieht. Leuchtende Krabbeltiere am Boden wechseln sich ab mit merkwürdigen menschlichen Figuren. Eine Frau in Krinoline, skurril ausgepolstert, hält ein Weinglas in der Hand und erzeugt, mit dem Finger auf dem Rand des Glases ein Geräusch. Dabei erzählt die bucklige Blondine mit geheimnisumflorter Stimme von spukigen Szenarien. Hinter ihr erscheint ein Mann, einen Hut tief ins Gesicht gezogen. Er bewegt bedrohlich einen Schlüsselbund an einer langen Kette. Dazu dreht ein weiterer Mann eine alte Kaffeemühle – oder ist es eine Spieluhr? Willkommen zur theatralen Gespensterstunde!

©PRESSEBILDER Klaus Dilger_TANZWEB SHIVER-Eröffnung Tanzfestival move!

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Durch Suggestion – Zitate einschlägiger Symbolik, unendlich langsamer Aufbau von Szenen, mysteriöse Geräusche, jammernde, heulende oder schrille Stimmen und unheimliche Klänge – erzeugt das Stück das, was im Genre des Thrillers als Suspension bekannt ist. Atemlos macht es einen nicht. Aber man verfolgt erwartungsvoll gespannt, was geschieht. Was aber vor allem an der stupenden Videotechnik liegt. Nicht sichtbare Infrarotkameras nehmen die Körper auf, und die am Computer bearbeiteten, animierten Bilder werden auf die Tänzer zurückprojiziert. Hierdurch verschwinden die Individuen hinter mystifizierten Bewegungskünstlern.

Akzente setzt die Choreografin durch ironische Brüche. In einer besonders imposanten Szene gerät Leben in zwei rot illuminierte Häuflein wie glühende Ascheberge. Sie dehnen sich aus und drohen, auf das Publikum zu zufließen. Da entstehen Wölbungen unter der Masse, werden immer größer, bis sich die beiden Körper darunter zu zwei ausgewachsenen hochästhetischen Gespenster-Skulpturen aufrichten. Wirklich schön.

Ein innovativer Festivalauftakt – und ziemlich passend kurz vor Halloween.

©PRESSEBILDER Klaus Dilger_TANZWEB SHIVER-Eröffnung Tanzfestival move!

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Von |2018-10-07T11:36:58+00:007. Oktober, 2018|