IMPRESSIONEN VON „1980“ EIN STÜCK VON PINA BAUSCH

VIDEOIMPRESSIONEN AUS DER GENERALPROBE AM 15.11.2017

Eine Nachtkritik von Nicole Strecker

Glück und Gram auf grünem Rasen

Das Tanztheater Wuppertal nimmt Pina Bauschs Stück „1980“ wieder auf

 

Man mag Pina-Bausch-Stücke noch so oft ansehen – selbst eingefleischten Experten ihres Oeuvres fällt es schwer, das spezifische Charakteristikum einzelner Stücke innerhalb ihrer unterschiedlichen Schaffensphasen auszumachen. War das eine nun ein bisschen melancholischer, das andere witziger? Gibt es wirklich ‚besonders schöne‘ Stücke, gar misslungene? Oder ist es immer eine Frage des Timings und der Besetzung, ob ein Bausch-Stück solche Kraft entwickelt, dass es als zeitlos scheinendes Kunstwerk überwältigt? Die einfachste und gebräuchigste Definition eines Bausch-Stückes ist stets die über sein Bühnenbild. Ist etwa die Wiederaufnahme von „Arien“ angekündigt, fragte man schon mal verwirrt nach: „Ist das das mit den Kakteen?“ – „Nein. Das mit dem Nilpferd.“ Es gibt „das Stück mit Mauer“ („Palermo Palermo“). „Das Stück im Erdloch“ („Viktor“). „Das Stück vor Gebirgswand“ („Rough Cut“). „Das Stück auf dem Rasen“ – das ist „1980“.

Im Licht der um ihn herum aufgestellten Scheinwerfer leuchtet er saftig-grün. Im Hintergrund: ein kleines Reh. Es wird den ganzen Abend über dort stehen und schauen. Es wird sehen, wie Nazareth Panadero ein Feuerzeug anschnippt und sich ein einsames „Happy Birthday to Me“ singt. Es ist in der Nähe, wenn Helena Pikon als verträumte Elfe durch den Sprühregen eines Rasensprengers tanzt und Ditta Miranda die Wiese mit ihren Lippen vermisst: „Dieses Stück Wiese ist 11 Küsse breit“. Es ist da und es wirkt wie ein Gefühlsverstärker: Drehen die Tänzer hysterisch durch, macht die Anwesenheit des scheuen Geschöpfs ihre viel zu laute Aufgekratzheit nur umso deutlicher. Häufiger aber tapsen die Tänzer an diesem Abend zart und behutsam über die Bühne – „1980“ also ein ’stilles Stück‘?

Im Mai 1980 war – wie üblich – seine Premiere. Im Januar war Pina Bauschs Lebensgefährte und Bühnenbildner Rolf Borzik an Leukämie gestorben. Die Verlockung ist groß, das Stück als „Trauer-Arbeit“ zu deuten, zumal eine der schönsten Szenen ein wundersamer Trennungs-Ritus ist. Dann versammelt sich das Ensemble wie ein stummer Chor vor der Koreanerin Nayoung Kim. Jeder tritt vor und sagt Worte des Abschieds. Höfliche, zickige, liebevolle, frostige – eine Abfolge widersprüchlicher Gefühle, aber letztlich ist dieses endlose ‚Adieu‘ einfach nur eine große Grausamkeit….

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Von | 2017-11-21T11:14:07+00:00 20. November, 2017|