Family Day beim schrit_tmacher Festival
Des Chimères dans la tête
Ballet du Nord, CCN & Vous ! zeigt kunstvolles multimediales Spiel im Theater Heerlen
Von Thomas Linden
Wie kommt man vom Bild in den Raum, oder von der Leinwand auf die Bühne? Das Ballet du Nord, CCN & Vous ! aus Frankreich verwandelt das Theater Heerlen zunächst in ein Kino. Die Illustratorin Françoise Petrovitch aus Chambery zeichnet ein Mädchen und allerhand Tiere, die stückweise lebendig werden. So beleben sich der Rüssel des Elefanten, der Schwanz der Maus oder die Tentakel des Oktopus mit verlängerten Organen. Die Zeichnungen und Animationen von Petrovitsch werden auf eine Leinwand projiziert, hinter der sich zwei Tänzerinnen und ein Tänzer befinden. Sie ergänzen mit Armen, Beinen und ihren Köpfen die Tiergestalten. Der schwarzweiß gemalte Wurm erhält dann plötzlich zart wirkende Hände oder Füße, die wie sensible Fühler hinter der Leinwand hervorschauen. Da ist schon Präzision gefordert, damit das Spiel der Illusion auch funktionieren kann. Aber über die verfügt das Trio.
„Des chimères dans la tête“ ist ein kunstvolles multimediales Spiel mit Formen und Farben. Ausgewiesen war die Produktion für Erwachsene und Kinder ab acht Jahren. Aber da sie am Familiensonntag des Festivals stattfand, brachten die Eltern auch Zwei- und Dreijährige mit in die Vorstellung. Die Bezeichnung „Kind“ scheint ein Sammelbegriff zu sein. Man braucht schon etwas Erfahrung mit Bildern und Medien, um das intelligente Konzept der Franzosen in seiner Komplexität nachvollziehen zu können. Denn hier geht es nicht allein um ein Vexierspiel, wenn diese Karte vom Ballet du Nord auch zugegeben ein bisschen zu häufig an diesem Nachmittag gespielt wurde. Ein pompöser Soundtrack versuchte diese Tatsache absichtsvoll zu überspielen, was aber nicht immer gelang.
Trotzdem war es ein bemerkenswerter Auftritt der Franzosen, die mit Witz und Einfallsreichtum nicht allein von der Dekonstruktion der Körper erzählten, sondern zugleich auch vom Spiel mit den Bildern. Leichtfüßig demonstrierten sie, wie man Bekanntes in Frage stellen kann und wieviel Inspiration sich dabei freisetzen lässt. Die Bilder lernen hier laufen, wenn das zweidimensionale Mädchenporträt die Beine der Tänzerin erhält. Alles scheint dann möglich, wenn Statisches in Bewegung gebracht wird. Umgekehrt verabschieden sich die beiden anderen Akteure nach einer Tanzeinlage wieder von der Bühne und steigen zurück ins gemalte Bild. Wie hier mit den Medien gespielt wird, stellt ein vorzügliches Training dar, um die Illusionen kritisch zu durchschauen, die uns die Bildwelt vorgaukelt. Im Umkehrschluss spricht der Titel nicht ohne Grund von den Chimären in unseren Köpfen. Denn die Mischwesen, von denen hier die Rede ist, sind eben auch Produkte der eigenen Fantasie, sie zeigen, was möglich ist und unterwerfen sich gerade nicht dem Diktat des Realismus.
Kino und Theater gehen hier eine schöne Symbiose ein, die üppige Bilder mit dem sinnlichen Spiel der Körper kombiniert. Es gibt ein getanztes Solo gegen Ende, damit niemand sich beklagen kann, das nicht genug Ballett geboten worden wäre. Aber es ist das Gesamtpaket aus Musik, mächtigen Farbenspielen und den augenzwinkernden Bildeffekten, die aus einer Spielerei eine Reflektion über Kunst und Medien macht. Darin steckt auch schon die versteckte Aufforderung zur Selbstermächtigung.
Die hier demonstrierte Kreativität löst sich von den digitalen Fertigprodukten, die bloß staunende junge Konsumenten hinterlassen, und wirft einen Blick auf die Prozesse des Zeichnens, Gestaltens, Verwandelns und nicht zuletzt des Tanzes, der die Schönheit des Körpers mit ins Spiel bringt. Der Kopf, von dem im Titel gesprochen wird, ist das kreative Zentrum, das uns daran erinnert, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Wenn das Kino der Raum ist, in dem geträumt werden darf, dann ist das Theater der Ort, an dem Neues gedacht und ausprobiert werden kann. Das Ballet du Nord nutzt sie beide, um unsere Wahrnehmung für das Unbekannte zu schärfen.

