Hochschule für Musik und Tanz erstmals beim schrit_tmacher Festival

Gestaltung braucht Willen

„Auf einander zu – Grundlose Gestaltung“ verspricht viel und hält wenig. Das liegt nur bedingt an der mangelnden Theatertechnik.

Von: Harff-Peter Schönherr

Der Raum ist leer. Bis auf zwei Flügel, Steinway und Bösendorfer. Bis auf eine Violine, einen Beamer und ein paar Plateauschuhe, die, warum auch immer, aussehen wie Kothurne. Das Publikum sitzt an den Wänden, zwischen den fast bodentiefen Fenstern des Orchesterprobensaals der Hochschule für Musik und Tanz Köln, hinter denen es Nacht ist. Ein paar Scheinwerfer, die eher zufällig nebelweißes, fahlgelbes Licht verteilen, das wars.

Was dann beginnt, in der studentischen Performance „Auf einander zu – Grundlose Gestaltung“ ist schwer zu beschreiben. Die Dozenten, heißt es zu Beginn, haben „nur behutsam im Hintergrund ein wenig geholfen“. Das soll ein Lob sein. Aber am Ende, trotz des anhaltenden Applauses, ist klar: Die Behutsamkeit war ein Fehler. Viel fehlt hier, vom Ensemblegeist bis zum inszenatorischen Grundgerüst. Das darf und muss verwundern, bekennen sich doch gleich vier Hochkaräter als „Künstlerische Begleitung“: Herbert Götz und Vera Sander, Raimund Laufen und Marc Vogler. Studierenden Freiheiten zuzulassen ist gut. Ihnen nicht bewusster zu machen, was es heißt, dass ihre Produktion Teil des renommierten, internationalen „schrit-tmacher“-Festivals ist, ist ein Versäumnis.

Klavier, dazu Solo-Gesang. Klavier, dazu Solo-Tanz. Cello, dazu Solo-Tanz. Musik vom Band, pathetisch schwülstig als nahe im Hollywood-Blockbuster der Held, dazu Solo-Tanz. Überdehnte Nummer folgt auf überdehnte Nummer, denn alle fünf DarstellerInnen wollen natürlich zeigen, was sie gelernt haben. Emulgiert, synergiert, gedanklich oder tanzsprachlich verbunden, wirkt hier wenig. Um „Grenzen und Grenzüberschreitungen“ soll es gehen, aber was die teils stark repetitiven, weitgehend abstrakten Bewegungsmuster damit zu tun haben, bleibt offen. Das “ Auf einander zu“ macht sich sehr rar.

Grundlose Gestaltung©TANZweb.org_Klaus Dilger

Grundlose Gestaltung©TANZweb.org_Klaus Dilger

Vieles findet in einschläfernd diffusem Halbdunkel statt. Der Steinway blockiert für manche Zuschauende derart den Blick, dass es gut ist, dass zwischendrin wenigstens sein Deckel geschlossen wird. Und wenn plötzlich der Beamer riesige Videos an die Decke wirft, mit rechtslastigen Parolen, AfD-Demagogin Alice Weidel inklusive, minutenlang, ist der Tanz, der währenddessen drunter weitergeht, ziemlich vergessen, und das ist fatal, obwohl er als Kontra und Kommentar zur blau-alternativen Menschenfeindlichkeit schwach ist, so queer er sich gibt. Herbeikonstruiert wirkt dieser Polit-Einschub. Umso mehr, als danach, als sei nichts gewesen, wieder Abstraktheit folgt. Was in Erinnerung bleibt, unfreiwillig, allein schon durch die optische Wucht? Weidel. Das ist kontraproduktiv.

Nur einmal wird es wirklich spannend. Da verlässt iSaAc Espinoza Hidrobo den Tanz und greift zur Violine, untermalt tonfetzenhaft den Tanz von Elodie Zermatten. Jetzt, denkt man, fängt, endlich, das Zusammenspiel an, die versprochene „Vielstimmigkeit“, die versprochene Beziehungssetzung. Aber nach nur wenigen Augenblicken setzt wieder die Nummernrevue ein.

Gut, das Klavier klingt vielversprechend, das Cello auch, der Gesang auch. Das Video zeigt gute Kameraarbeit, und manch Tanzpart zeigt Athletik, Ausdruck und Akkuratesse. Aber der Rest lässt kalt. Und weil es nicht vorbereitet wird, kommt das Ende ziemlich abrupt. Black, aus. Oh, echt? Ja, echt! Und Verbeugung.

Fazit: Viel wird hier gewollt; zu wenig wird hier geliefert, als Idee, als Kollektiv. „Grundlose Gestaltung“? Ja, ein bisschen grundlos schon. Leider.

Grundlose Gestaltung©TANZweb.org_Klaus Dilger

Grundlose Gestaltung©TANZweb.org_Klaus Dilger