Schrit_tmacher justdance!

Doppelabend zum Start in Eupen

Die drei Festivalleiterinnen Judith Thelen aus Belgien, Yvonne Eibig aus Deutschland und Janine Dijkmeijer aus den Niederlanden eröffnen mit einer Mischung aus Akrobatik und Neuem Zirkus und Tanz, in einem sich gut ergänzenden Doppelabend, das Euregio-Tanz-Festival „schrit_tmacher“ im Kulturzentrum Alter Schlachthof in Eupen

von Klaus Dilger

BLINDLY der spanischen Gruppe ELELEI

Es gibt etwas zutiefst Vertrautes an der Geste, jemandem die Augen zuzuhalten und zu fragen: „Wer bin ich?“ Ein kindliches, intimes Spiel. Und doch wird genau dieser scheinbar harmlose Moment in diesem Duett zum Ausgangspunkt für etwas weitaus Verstörenderes und Tiefergehendes.

Von Beginn an etabliert das Stück eine feine, kaum merkliche Spannung. Was als beinahe humorvolle Interaktion beginnt, entfaltet sich allmählich zu einer vielschichtigen Auseinandersetzung mit Wahrnehmung, Vertrauen und emotionaler Erschütterung. Ein äußeres Ereignis — nie plakativ benannt, aber deutlich spürbar — verschiebt die innere Verfasstheit der Figuren. Das Bedecken der Augen wird mehr als ein Spiel: Es wird zur Metapher für jene Momente im Leben, die uns unvermittelt treffen, uns die äußere Orientierung nehmen und uns zugleich zwingen, nach innen zu blicken.

Dies als assoziatives Angebot an die erwachsenen Zuschauer, während die Jüngeren sich an der Oberfläche der gelegentlich humorvollen Situationen des Spiels erfreuen dürfen.

Das Duett ist sehr präzise und sensibel getanzt. Beide Performer_innen bewältigen die physische Herausforderung der Blickvermeidung mit beeindruckender Klarheit und Kontrolle. Ihre räumliche Wahrnehmung, ihr Timing und ihre Reaktionsfähigkeit sind bemerkenswert; selbst ohne Blickkontakt entsteht eine intensive Form der Aufmerksamkeit, eine intuitive Vertrautheit als Basis der Aktionen.

Im Kern erzählt das Duett von jenen unerwarteten Ereignissen im Leben, die ohne Ankündigung eintreten und Veränderung erzwingen. Manchmal sind sie sichtbar, manchmal wirken sie im Verborgenen. Der Weg von unschuldiger Spielfreude hin zur Konfrontation mit einem nicht aufgelösten Trauma wird klar und zugleich zurückhaltend gestaltet — niemals überzeichnet, aber unmissverständlich präsent.

Am Ende bleibt die Frage: Wenn wir mit dem konfrontiert sind, was wir nicht sehen wollen — in uns selbst oder im Anderen — weichen wir aus oder stellen wir uns dem Unausweichlichen?

Ein klug gebautes und präzise getanztes Werk, in dem Tanz und Theater organisch ineinandergreifen. Durch feinen Humor verwandelt das Duett ein einfaches Spiel in eine eindringliche Reflexion über Wahrnehmung, Veränderung und den Mut, dem Unsichtbaren zu begegnen.

Screenshot

RENÉ der Gruppe SINKING SIDEWAYS aus Belgien

In RENÉ, dem Debüt des deutsch-belgischen Kollektivs Sinking Sideways, wird Wiederholung nicht als Stillstand verstanden, sondern als Zustand höchster Aufmerksamkeit. Untertitelt als Bewegungspartitur im Zeichen der Wiederholung, entfaltet sich die Performance wie ein lebendiges Notensystem, in dem jede Geste zugleich Echo und Neubeginn ist.

Xenia Bannuscher und Dries Vandale betreten den Raum mit einer stillen Konzentration. Von Anfang an ist klar: Hier geht es nicht um spektakuläre Effekte, sondern um Präzision, Rhythmus und das feine Verschieben von Mustern. Ein komplexes System aus Taktstrichen strukturiert das Geschehen. Bewegungen kehren zurück, wieder und wieder — und doch nie identisch. In der minimalen Variation liegt die Spannung.

Die Synchronizität der beiden Performer_innen ist dabei die Basis. Ihre akrobatische Technik wirkt nie demonstrativ, sondern eingebettet in einen fließenden, beinahe meditativen Bewegungsstrom. Man beginnt, kleinste Abweichungen wahrzunehmen — ein minimal verzögerter Impuls, ein veränderter Winkel, eine neue Dynamik.

RENE_Cie-ELELEI©TANZweb.org

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Die Musik setzt reduzierte, rhythmische Akzente. Sie drängt sich nicht auf, sondern rahmt die Bewegung wie ein Puls. So entsteht ein dicht gewobenes Gefüge, in dem Zeit gedehnt erscheint. Wiederholung wird hier zur Methode der Vertiefung. Je länger eine Sequenz andauert, desto deutlicher treten ihre inneren Verschiebungen hervor.

Die Performance entfaltet eine stille Sogwirkung. Sie verlangt Geduld — und belohnt sie mit einem Zustand konzentrierter Wahrnehmung. Alles scheint sich zu wiederholen, unzählige Male. Und doch verändert sich etwas, fast unmerklich. Vielleicht nicht nur im Bewegungsmaterial, sondern auch im Publikum selbst.

Mit RENÉ gelingt Sinking Sideways ein überzeugendes Debüt: eine raffinierte Verbindung von Tanz und Akrobatik, die aus der Disziplin der Wiederholung eine poetische, beinahe kontemplative Erfahrung formt.

RENE_Cie ELELEI©TANZweb.org

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