schrit_tmacher 2026 nun auch in Aachen eröffnet:
Hype the Pain
Miller de‘ Nobili zeigen im Ludwig Forum ihr Erfolgsstück
von Thomas Linden
Das Internet hat unsere Vorstellungen von Unterhaltung mächtig verändert. Vor allem sind mit den Bildern auch die Körper immer schneller geworden. So hat man Mühe, sich nach einer TikTok-Session noch auf einen Beitrag zu konzentrieren, der mehr als zwei Minuten Aufmerksamkeit beansprucht. Das Choreographen-Duo Alexander Miller und Maria Chiara de‘ Nobili wagte sich mit seiner Produktion „Hype the Pain“ mutig an die Geschwindigkeitsvorgaben der digitalen Welt heran. Schon bevor der Abend im Ludwig Forum in Aachen startet, sieht man einzelne Aktionen des fünfköpfigen Ensembles (Alessandro Ottaviani, Nam Tran Xuan, Yuexan Gui, Giulia Russo und Niklas Capel) im Trainingsmodus. Kaum hat die Vorstellung begonnen, bricht eine Unruhe auf dem Tanzboden aus, die dem Publikum im weiteren Verlauf nur noch wenige ruhige Momente beschert. Wie Atome, die kreuz und quer durch den Raum fliegen und sich zufällig hier und da einmal treffen, agiert die Truppe auf dem Geviert. Hier wird Breaking urbane Stile mit Butterfly-Elementen geboten, dort steht jemand auf dem Kopf oder auf einem Bein. Zu den Tanzfiguren gibt es Posen und Gesten, herausfordernd oder scheu, provozierend oder auftrumpfend. Die schwingenden Hüften und der Augenaufschlag vom Catwalk fehlt bei den jungen Frauen ebenso wenig wie die präpotente Angeberpose bei den Männern.
Disparat wie das zersplitterte Bewegungsrepertoire stellen sich die Kostüme dar. Jeder durfte wohl einmal mit verbundenen Augen in die Kleiderkiste greifen. Dabei kamen dann Adidas-Short mit Spitzenbesatz oder BHs mit Zebrastreifen ans Licht. Jeder macht hier sein Ding, selbst Begegnungen oder Paarbildung ergeben sich eher selten. Trotz des verwirrenden Bewegungsbildes gleicht die Bühne einem Energiefeld, das unter Hochspannung steht. Denn getanzt wird mit vollem Einsatz. Jede Geste erhält Nachdruck. Für Zwischentöne fehlt die Zeit, Posen werden mit einem Selbstvertrauen vorgetragen, das herausfordern möchte und das Ensemble sucht auch konkret den Blickkontakt mit dem Publikum.
Es ist der Ausdruck der Gesten, der hier zählt, nicht ihre Bedeutung. Die wird bewusst gekappt. Der Schein ist Teil des Spiels, die Inhalte längst in Vergessenheit geraten. Das demonstrieren Miller und de‘ Nobili dann noch deutlicher mit Tafeln, auf denen Worte wie Spielgeld getauscht werden. Es handelt sich um Lieblingsworte unserer Gegenwart, wie „Porn“, „Sale“, „Vegan“ oder „Fake“. Das Spiel mit den entleerten Gesten setzt sich hier mit Worten fort, die nur noch als Label funktionieren.
Miller und de‘ Nobili fanden während der stillen Tage der Pandemie zueinander, einer Zeit des Nachdenkens, in der man bemerkte, dass es ein ähnliches Weltverständnis gab. In Hellerau erhielten sie im letzten Jahr für „Hype the Pain“ den Dresden City Arts Award. Eine Auszeichnung, die sie für ihren kritischen und entschlossenen Umgang mit einer Gegenwart belohnt, die sich zunehmend an die Welt der digitalen Bilder verkauft. Kommunikation ohne Inhalte übersetzt das Choreographen-Duo in die Sprache von Körper und Bewegung. Dass dadurch der Bezug im zwischenmenschlichen Umgang verloren geht, zeigt die Produktion eindrucksvoll mit ihrer Struktur verwirrender Zersplitterung.
Einen einzigen Moment der Narration erlaubt man sich, und den auch nur, weil er hemmungslos überzeichnet ist. Männliche und weibliche Stereotype verklammern sich in der Darstellung eines Boxers, der eine junge Frau zähmt, die dann als Kätzchen maunzend über die Bühne schleicht. Verlegenes Lachen aus dem Publikum und schon setzt sich die Tanzmaschine von Miller und de‘ Nobili wieder in Bewegung. Dramaturgisch geht ihr dabei allerdings ein bisschen die Puste aus, da sich das Nebeneinander der Einzelaktionen dramaturgisch nicht steigern lässt und das Repertoire irgendwann auch ausgeschöpft ist. Gleichwohl, Aachen bescherte sich mit der Eröffnung des diesjährigen Schrit_tmacher Festivals selbst eine rauschende Eröffnung mit Standing Ovation für die fulminante Darbietung des fünfköpfigen Ensembles, das alles gegeben hat.