schrit_tmacher 2026
Sasha Waltz &Guests mit „IN C“
Hebeln gemeinsam mit Philzuid im Theater Heerlen das Zeitgefühl aus den Angeln
Von Thomas Linden
Auch 60 Jahre nach seiner Entstehung ist Terry Rileys Komposition „In C“ noch eine Herausforderung. Heute stellt sie eine Art Urtext der Minimalmusik dar. Der Kalifornier gibt in seiner Notation 53 Tonkonstellationen vor, von denen jeder Musiker mit der ersten beginnt, dann zur zweiten wechselt und sich so durch das Stück arbeitet. Die Musiker entscheiden jedoch selbst, wie lange sie eine Figur spielen und wann sie wechseln. Daher ist auch die zeitliche Länge variabel. Es hat wohl nie eine Komposition gegeben, die den Musikern mehr Freiheit in ihrem Spiel einräumt, als Terry Rileys „In C“.
Ein Werk, das jedoch unbedingt choreographiert werden muss. Musik ist organisierter Klang und Klang ist Bewegung und das System von Riley in den Tanz zu übernehmen, konnte Sasha Waltz zum Glück denn auch nicht widerstehen. Ihr zwölfköpfiges Ensemble nimmt Aufstellung, und da geht es auch schon los mit den Wechseln. Zunächst sind die tanzenden Frauen und Männer nur als Schatten vor rotem Hintergrund, der später zu Blau, Rosa und Violett wechselt, zu sehen. Es ist ein Huschen und Rennen auf der Bühne, hier und dort wird noch einmal gewechselt.
Denkt man, aber das Stück hat schon begonnen, denn es gibt keine festen Positionen, vielmehr werden sie in den kommenden 60 Minuten unablässig getauscht.
Mit dem Einsatz der Musik nimmt das Spiel Fahrt auf. Das achtköpfige Ensemble von Philzuid aus den Niederlanden verleiht der Aufführung eine akustische Wucht, die zum Antreiber des Bühnengeschehens wird.
Die Tanzfiguren sind für sich genommen nicht spektakulär, es gibt Drehungen, kurze Sprünge auch Hüpfer, kleine Pirouetten. Ein Repertoire, das an ein Spiel mit dem Alphabet der Bewegung erinnert. So entsteht der Eindruck, als würden die vielen Aktionen auf der Bühne einem System gehorchen, dessen Struktur uns Betrachtenden aber geheimnisvoll unzugänglich bliebe. Man denkt an eine Maschine, aber genau das ist es nicht, was hier zu sehen ist, auch wenn manche
Bewegungen an Maschinenteile erinnern.
Im Gegenteil, das System dieses Stücks existiert nur insoweit, als dass es eine Möglichkeit für die Tänzerinnen und Tänzer eröffnet, selbst zu entscheiden, welche Figur sie tanzen und wann sie wechseln. Deshalb kommt es einem Wunder gleich, dass diese Choreographie nach 60 Minuten an ihren Endpunkt gelangt.
Auch der Blick des Publikums wird nicht gerichtet wie in einem klassischen Ballett durch den Fortgang einer Handlung. Hier wird er vielmehr entfesselt. Man beobachtet einzelne Mitglieder des Ensembles auf ihren Pfaden durch die Komposition, oder man weitet den Blick auf das wuselnde Bühnenpanorama. Die Genialität der Komposition von Terry Riley besteht in der unerklärlichen Tatsache, dass synchron und asynchron gespielt wird und sich der Klangteppich dennoch nicht verheddert. Gleiches gilt für den Tanz. Es gibt dabei immer wieder Begegnungen zwischen den Männern und Frauen auf der Bühne, dabei
wird hier und da auch einmal gelacht. Zweifellos bereiten ihnen diese unablässigen körperlichen Aktionen, die mit großer Akkuratesse getanzt werden, große Freude.
Minimalismus ist die vollkommene Abkehr von Narration und Bedeutung. Es existiert nur, was zu hören und zu sehen ist. Man darf aber nicht dem Irrtum verfallen, das Reduktion wenig künstlerischen Ertrag bescheren würde. Rileys Musik erzeugt einen Sog, wenn man sich ihr überlässt.
Sasha Waltz hat es da schwerer, ähnliche Effekte zu erzeugen, agiert der menschliche Körper doch träger als ein Musikinstrument. Und dennoch gelingt es dem Ensemble irgendwann das Zeitgefühl auszuhebeln, so dass sich einfach nur noch das Schauen auf dieses einzigartige Geflecht aus Bewegung und Beziehung ergibt. Da die Zwölf zeitversetzt agieren, bekommt der Tanz etwas lyrisches, das die Anmut menschlicher Bewegung wieder bewusst werden lässt. Die
Wiederholung tut dazu ein Übriges, lässt sie die einzelne Figur doch für sich wahrnehmbar werden. Verblüffend bleibt dieses unglaublich variable Spiel zwischen Einzelnem und Gruppe und Detail und Gesamtbild. Alles bleibt stets mit allem verbunden.
Minimalismus kann fordernd sein, weil er stets die Tendenz zur Performance beinhaltet. Sich von den eigenen Gedanken zu verabschieden und nur noch der Wahrnehmung zu folgen, verlangt dem Körper allerhand ab. Entsprechend fühlt man sich nach der Vorstellung durch die Mangel gedreht, und spürt dennoch eine eigenartige Frische. Das war den Tanzenden, den Musizierenden und letztlich auch dem Publikum anzumerken. Soviel Energie im Raum verlangt nach Entladung.
Die fand dann auch im Theater Heerlen ihren Ausdruck mit einer spontanen Standing Ovation.

