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JOHANNES-PASSION als Tanztheater-Uraufführung
Neuland zur 31.Ausgabe und seit Sonntag steht das Theater Aachen als Spielstätte im Fokus der abschließenden beiden Wochen des Festivals
Klaus Dilger hat seine Eindrücke gesammelt
Es ist ein großes Unterfangen, auf dessen Ergebnis nicht nur die Freunde des Aachener Theaters und das Publikum des schrit_tmacher Festivals mit Spannung gewartet haben dürften: Mit der gemeinsamen Produktion der „Johannes-Passion“, die auch in den Theaterspielplan Einzug gefunden hat, schlagen die Festivalverantwortlichen ein neues Kapitel für die 31.Festival-Ausgabe auf.
Die Bilanz nach dem Festival wird zeigen, ob der späte Einstieg des Stadttheaters als Spielstätte, erst zum Ende der dritten Woche, sich insgesamt als positiv erweisen wird. In Ermangelung eines Aachener „Festivalzentrums“, konnten sich neue Spielstätten, wie etwa die Citykirche, als Begegnungsorte auch für neue Publikumsgruppen stärker entfalten. Doch noch liegen zwei spannende Wochen vor den Veranstalterinnen.
Große Erwartungen in Aachen
Die Transformation von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion in ein Tanztheaterformat gehört zu jenen Unternehmungen, die per se unter Hochspannung stehen: Zwischen sakraler Überlieferung, musikalischer Monumentalität und dem Anspruch zeitgenössischer Körperlichkeit entsteht ein Erwartungsdruck, den nur wenige Produktionen wirklich einzulösen vermögen. Und auch die Koproduktion von Theater Aachen und dem schrit_tmacher Festival zeigt exemplarisch, wie schmal dieser Grat ist.
Die Rezeption ähnlicher Projekte fördert häufig die gleichen Reflexe und Automatismen zu Tage: Der Tanz befreie das Werk von seiner Statik und füge der Musik eine weitere Dimension hinzu. So als würde die bloße Verbindung von Bach und Tanz bereits einen ästhetischen Mehrwert hervorbringen.
Positiv an der Aachener Inszenierung fällt auf, Chor und Extrachor des Hauses überzeugen durch Präsenz, Klarheit und strukturelle Sicherheit. Auch das Orchester trägt den Abend verlässlich. Dies sind Erkenntnisse und Informationen aus dieser Uraufführung, die im internationalen oder nationalen Feuilleton wohl nicht jeden Tag zu lesen sind. Gerade in den großen Chorszenen entfaltet sich so jene theatrale Wucht, die Bach selbst bereits in die Partitur eingeschrieben hat.
Ihren dramatischen Fokus hingegen sollte die „Johannes-Passion“ durch die Arien gewinnen, jene individuellen Affekte, die bei Bach die narrative Spannung tragen. Sind diese nicht überzeugend und verständlich vorgetragen, führt dies zu einer Verflachung. Das Resultat ist eine Verschiebung vom existenziellen Drama hin zu einer eher flächigen Klanglandschaft, die auf die Dauer dann ermüdend wirken kann.
Auf hohem technischen Niveau, präzise und engagiert, agieren die zwei Tänzerinnen und drei Tänzer und man hätte sich gewünscht, die Fünf in stärker differenzierten und inhaltsvollen Bewegungsabläufen zu sehen. Doch die choreographische Handschrift in der „Johannes Passion“ bleibt erstaunlich unbestimmt. Ursächlich hierfür dürfte mit gewesen sein, dass die Aachener Bühne personell häufig überladen wirkte und allein schon deshalb der Raum gefehlt haben mad, den Choreografie nun einmal braucht, um sich in der Zeit entfalten zu können. Hulot entwickelt keine klar erkennbare Bewegungssprache, die sich aus dem Sujet heraus zwingend ergibt. So entstand viel zu oft eine Illustration der Gemütslage der singenden Protagonist_innen.
Der Dramaturg des Programmheftes erwähnt zwar die Inszenierung von Sasha Waltz, betont jedoch, dass es sich bei der Aachener Inszenierung tatsächlich um Neuland in Sachen „Tanztheater“ handle. Doch die entscheidende Frage wäre nicht die Hinzufügung, sondern die Notwendigkeit von Tanz gewesen. Und hier zeigt die Inszenierung von Olivia Fuchs und die Choreographie von Guillaume Hulot deutliche Schwächen.
Gerade im Kontext der Johannes-Passion wäre eine radikalere körperliche Setzung erforderlich gewesen: eine physische Grammatik, die sich dem theologischen, existenziellen und politischen Gehalt des Werkes stellt. Stattdessen entsteht häufig der Eindruck einer Parallelführung: Die Musik erzählt, der Tanz kommentiert – aber beide durchdringen sich nicht wirklich.
Hier zeigt sich ein blinder Fleck der Inszenierung: Sie vertraut auf die inhärente Kraft des Materials, ohne ihm eine eigene, widerständige Form entgegenzusetzen.
Auch die Ausstattung verstärkt diesen Befund. Die Kostüme bleiben in einer bewusst unspezifischen Ästhetik verhaftet. Was als Verallgemeinerung gemeint sein mag, führt in der Wirkung zu einer Nivellierung. Differenzierungen – zwischen Figuren, Zuständen, Perspektiven – werden visuell kaum unterstützt. Damit geht ein wesentliches dramaturgisches Potenzial verloren.
In der Summe entsteht ein Abend, der sich seiner Mittel sicher ist, aber nicht zu ihrer Zuspitzung findet. Die vielfach beschworene „Zusatzdimension“ des Tanzes bleibt über weite Strecken Behauptung. Was fehlt, ist ein Moment der Unausweichlichkeit – jenes Gefühl, dass diese Form nur so und nicht anders existieren kann.
Diese Johannes-Passion ist ästhetisch nicht radikal genug, um wirklich zu berühren, sie illustriert die Musik. Sie durchdringt sie nicht. Und doch: standing ovations des Premierenpublikums und langanhaltender Applaus.
Tanz: Emma Bogerd , Conal Francis-Martin . Keren Leiman , Gonçalo Martins Da Silva , Cosmo Sancilio



