Unser Blick auf das, was sonst noch schrit_tmacher justdance! ausmacht:

Nebenbei und mittendrin

Specials und Kontextprogramm beim schrit_tmacher Festival Just Dance! 2025: „Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Burning at The Chudson Church (M2M)“ von Trajal Harrell im Ludwig Forum Aachen, „Dance as Ritual. Klasse Apart Projects / Raenys Martis“ in der Savelbergkapel in Heerlen, „2Unbreakable“ von Maike Conway im Eden Palast und „LOEV“ vom Danstheater AYA im Theater Kerkrade

Von Natalie Broschat

„(M2M)“ von Trajal Harrell im „Space“ des Luwig Forum Aachen

Im Space, dem Vorstellungssaal im Keller des Ludwig Forum Aachen, rief Rick Takvorian 1993 das schrit_tmacher ins Leben und erneut ist der US-amerikanische Tänzer-Choreograf Trajal Harrell zu Gast im Museum für zeitgenössische Kunst. Mit seiner achtteiligen Serie „Twenty Looks or Paris Burning“ ist er weltberühmt geworden und setzt darin zwei Tanzstile miteinander in Verbindung, die sich beide unabhängig voneinander in New York bildeten: Voguing, das in den 1970er Jahren in der Subkultur von Harlem, Uptown entstand, und der Postmoderne Tanz des Judson Dance Theater, das sich im Juli 1962 von den Avantgardist*innen um Ruth Hamerson, Yvonne Rainer und Steve Paxton in der Judson Memorial Church in Greenwich Village, Downtown entwickelte.

Das Trio von Trajal Harrell, das im Oktober 2012 in New York Premiere feierte, nimmt das Publikum auf eine tanzgeschichtliche Imaginationsreise mit. Der tschechische Performer Ondrej Vidlar nimmt das Publikum persönlich in Empfang. Der Raum ist kahl: ein schwarzer, großer Moltonvorhang an der Bühnenrückwand, schwarzer Tanzteppich auf dem harten Betonboden und darauf nur drei, in einem Dreieck angeordnete Stühle: Ein Klavierhocker, ein mintgrüner Gartenstuhl und ein Bistrostuhl. Vorne rechts steht eine Kleiderstange, daran hängen drei schwarze Seidenkleider, die von einem Ventilator zart in Bewegung gepustet werden. Zu Ondrej Vidlar gesellt sich auch bald der aus Frankreich stammende Thibault Lac, sie besprechen sich unhörbar und gehen immer mal wieder im Raum auf und ab. Die beiden tanzen seit etlichen Jahren in den Stücken von Trajal Harrell, Ondrej Vidlar ist zudem Teil des Zurich Dance Ensemble, das unter der Intendanz von Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg am Schauspielhaus Zürich entstand und nun weiterhin in Zürich ansässig ist und von Trajal Harrell geleitet wird.

Thibault Lac ergreift das Wort und präsentiert den Stücktitel des Abends: „Judson Church is Ringing in Harlem (Made-to-Measure) / Twenty Looks or Paris Burning at The Chudson Church (M2M)“. Ja, das ist der Titel. „M2M“ ist der einzige Teil, der den Besuch andersherum imaginiert, also die Postmodern Dancers in einem der opulenten Ballrooms. Und dieses tänzerische Gedankenspiel geht voll auf. Wunderschön und traurig zugleich, voller Gefühl wird zu Beginn auf den Stühlen sitzend gesungen. Bis Trajal Harrell, Ondrej Vidlar und Thibault Lac aufstehen, die Arme ausbreiten und im Dreieick die Stühle abgehen. „Judson is open arms“, wie die Tänzerin Aileen Passloff formulierte. Elegant schreiten sie umher, wie auf dem Catwalk der Ballroomszene, in dem sie ja zu Besuch sind. Auf den Fußballen, wie auf Spitze oder Highheels gehend, erkunden sie den Raum, doch eine typische Vogue-Endpose bleibt aus, es ist schließlich der konzeptuelle Tanz, der die Basis bildet.

Wahrnehmbar sind die minimalistischen, geometrisch-strukturierten, von Alltagsbewegungen inspirierten und von Wiederholungen geprägten Stücke von Yvonne Rainer, wie „Trio A“ (1966/78) oder „We Shall Run“ (1963). Das Trio im Ludwig Forum Aachen zieht sich Sneaker an und läuft dann quer über die Bühne, immer schneller und drängender werdend. Thibault Lac verausgabt sich beinahe völlig im postmodern-rennenden Voguing und um ihn herum fliegen und laufen die beiden anderen über die Bühne. Das könnte ewig so weitergehen und das eingangs gesungene Lied hallt unaufhörlich nach: „Mama said, don’t stop!“

„Dance as Ritual“ von Klasse Apart Projects / Raenys Martis in Heerlen

Ebenfalls länger hätte der audiovisuelle und energetische Vortrag von DJ Lynnée Denise in der Savelbergkapel in Heerlen am Samstagnachmittag gehen können, in dem sie den Einfluss von Musikbewegungen auf die afrikanische Diaspora und vice versa beschreibt. Die in Kalifornien geborene Künstlerin lebt in Amsterdam und Johannesburg und beschäftigt sich eingehend mit der Geschichte der niederländischen Kolonisation Westafrikas und Schwarzer Musikkultur. Ihre Videopräsentation zeigt nicht nur feierliche Begräbnisse in verschiedenen Schwarzen Communities in etlichen Teilen der Erde, sondern über Lautsprecher hören wir auch House Musik. Dass niemand tanzt, ist für Lynnée Denise immer ein wenig ungewohnt, gewinnt sie dadurch doch Rückmeldung und Power. „Hearing how House Music feels“ ist unglaublich wichtig, steckt doch so viel Geschichte darin. House Musik ist in den 1970er Jahren in der Schwarzen Community Chicagos um den DJ Frankie Knuckles entstanden. Es war eine Art Rache auf die große Abneigung gegenüber Disco Music, die Mitte der 1970er Jahre überkochte und in einer Plattenverbrennung, der „Disco Demolition“, in Chicago kulminierte.

Lynnée Denise erzählt und präsentiert diese Musikgeschichte so mitreißend und cool, dass ihre Vortragszeit wie im Flug vergeht. Doch sie nimmt sogar noch spontan Bezug auf das von Pedro Ricardo Hendry und Karel Acosta präsentierte, spirituell-kraftvolle und kommunikative Yoruba-Tanzstück „Egbe“, in dem sie Tänzer Pedro und Drummer Karel zu einer anschließenden Improvisation einlädt. Ein magisches Erlebnis, das dem Titel der Veranstaltung „Dance as Ritual“ alle Ehre macht und die kleine, aber gebannte Zuschauendengruppe begeistert.

Das tolle Nebenprogramm „Dance as Ritual“, das vom Kulturmanager Raenys Martis und seinem Klasse Apart Projects zusammengestellt wurde, präsentiert in der gemütlichen Savelbergkapel bei Tee, Kaffee und Keksen ein dreitägiges, volles Programm zu folkloristischen und spirituellen Tanztraditionen aus der afrikanischen Diaspora. Samstag und Sonntag werden unter dem Titel „Cinedans Films“ insgesamt acht experimentelle Tanzfilme projiziert, „die die Kraft des Tanzes als kulturelles Erbe hervorheben“.

„2Unbreakable“ von Maike Conway im Eden Palast in Aachen

Tanz und Film ist darüber hinaus auch in Aachen Teil des diesjährigen schrit_tmacher-Nebenprogramms. Im gemütlichen Kinosaal Nummer 5 haben sich ein paar wenige Menschen eingefunden, um den Dokumentarfilm „2Unbreakable“ von Maike Conway über die deutsche Breakdance-Szene anzusehen.

Zwei Breaker, das Dresdner B-Girl Joanna der sächsischen Tanzgruppe The Saxonz und Serhat „Saïd“ Perhat der Sankofa Crew aus München begleitet die Filmemacherin. Das Tolle ist, dass wir sie nicht nur in Bewegung sehen, sondern auch einen ganz persönlichen Einblick in ihren Alltag erhalten. Serhat, der uigurische Wurzeln hat, setzt sich für sein Volk ein und konnte seine zuerst skeptische Mutter mit der Faszination für den Tanz anstecken. Die Kamera ist sogar bei einer von Serhats Physiotherapiestunden dabei, die ihn für den Entscheid für Olympia fit machen soll. Olympia ist ein Thema im Film, doch nimmt zum Glück nicht den allergrößten Raum ein. Die Breaker, die Tanzgruppen und ihre Liebe für den Tanz und die besondere, umarmende und einladende Kultur stehen im Vordergrund. Joanna hat in dieser familiär-freundlichen Szene ihren Partner Felix kennengelernt und sie lässt uns teilhaben an ihrem eigenen Familienleben.

Filmemacherin Maike Conway, hat die Breakerszene einige Jahre mit der Kamera begleitet und unglaublich viel Material gesammelt. So viel, dass neben dem wundervollen Spielfilm „2Unbreakable“ auch der ZDF-Beitrag „Mein Tanz, mein Battle“ für 37 Grad sowie eine informative, dreiteilige Dokureihe über The Saxonz mit dem Titel „Dance till you break“ veröffentlicht werden konnten, die auch immer noch in der ZDF-Mediathek zu sehen sind. Ihr Spielfilm ist von tollen Bögen, Einblicken und einem Wechsel von Aufnahmen der physisch-spektakulären Battles, dem tänzerischen Aspekt und den ruhigen Momenten jeder Person geprägt.

Screenshot

„LOEV“ Danstheater AYA im Theater Kerkrade

Es ist 13 Uhr und im Theater Kerkrade ist es richtig laut. Circa 300 Schüler*innen sind zu Besuch, um „LOEV“ vom Danstheater AYA zu gucken. Die niederländische Gruppe um den Choreografen Ryan Djojokarso, der an zwischenmenschlichen Beziehungen interessiert ist und diese beispielsweise schon in „TWOOLS“ (2018) für das Scapino Ballet Rotterdam erforschte, hat sich in diesem Stück mit dem herzigsten aller Gefühle beschäftigt, der Liebe (loev auf Niederländisch). Insgesamt sind acht Menschen auf der Bühne: Das Maat Saxophone Quartett, bestehend aus Daniel Ferreira, Catarina Gomes, Pedro Silva und Mafalda Oliveira und die vier Tänzer*innen Simon Mual, Thersa Bergmann, Sam Corver und Thu Hang Pham. Tänzerisch auf unglaublich tollem Niveau bewegt sich die Gruppe durch szenische Annäherungsversuche, unerwiderte Gefühle, Zuneigung und Abweisung und die Performer*innen ziehen in dynamisch-wirbelnden und wirklich smarten Choreografien die Kinder in ihren Bann. Angetrieben und unterstützt vom Maat Saxophone Quartett. Die Bühne, bestehend aus einem roten Teppich und der Podestfläche, die auf Stelzen steht, dient vor allem als Sitzfläche, hätte allerdings noch mehr Spielraum zum Erforschen, Verstecken und Überraschen hergegeben. Auch die Lichttechnik des gut ausgestatteten Theaters hätte bestimmt noch einige Scheinwerfer mehr im Angebot gehabt, um die tollen Künstler*innen in gebührendem Licht erstrahlen zu lassen. Im Verlauf des Stückes werden stereotypische Verhaltensweisen und Muster überzeichnet, wie beispielsweise wenn zwei Männer in einem Hahnenkampf vor Streitlust nur so strotzen oder die zickigen Frauen ohrenbetäubend heulen. Genau durch diese Negativität und die unaufhörliche Kämpferei geht hier nun die Welt unter. Was dann aus dem Nichts entsteht, sieht wie eine schick gekleidete, ja beinahe uniformierte Konzertgemeinschaft aus, die die Wichtigkeit des Miteinanders besingt, ganz hervorragend von Catarina Gomes angestimmt und alle acht Performenden einschließend. Diese Energie strahlt in den Zuschauendenraum und ganz beflügelt verlassen die Kinder den Saal. Ach, wie schön.

LOEV-Danstheater-AYA©TANZweb.org_Klaus-Dilger

LOEV-Danstheater-AYA©TANZweb.org_Klaus-Dilger