schrit_tmacher justdance! 2026

Das Licht wird zum Hauptdarsteller

Out Innerspace Dance Theatre aus Canada zeigt im Theater Aachen „Rhino“ und begeistert das Publikum

Von Thomas Linden 

Was hat es auf sich mit diesem roten Bündel? An einem Abend fast ohne Farben, fällt im sandigen Licht der Scheinwerfer dieses rote Tuch so besonders auf, in das irgendetwas eingewickelt ist. Der Stoßzahn eines Nashorns offenbart sich. Mit dieser Szene im Halbdunkel beginnt „Rhino“, der Titel bezieht sich auf die griechische Bezeichnung für die „Nase“ dieses mächtigen Tiers. Und mit dem Blick auf das mächtige Horn endet auch der Abend mit dem Out Innerspace Dance Theatre im Theater Aachen. Es ist tatsächlich Theater, hochdramatisches noch dazu, das die siebenköpfige kanadische Truppe bietet. Das Regieduo Tiffany Tregarthen und David Raymond arbeitete in der Vergangenheit eng mit der stilbildenden Choreographin Crystal Pite zusammen, von der auch schon Arbeiten im Rahmen des Schrit_tmacher Festivals zu sehen waren. Was die Kanadier verbindet, ist ein Tanzverständnis, das stark auf erzählerische Elemente setzt, für die eine jeweils eigene Körpersprache entwickelt wird.

HINO©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Dabei spielt das Dekor eine wichtige Rolle. Physisch existiert es in „Rhino“ zwar kaum, denn neben dem Stoßzahn gibt es nur einen Tisch als einziges Requisit. Aber es ist das Licht, das hier alles zum Leben erweckt oder verschwinden lässt. Die Bühne wird zu einer Werkstatt, die sich durchaus in der Hölle befinden könnte. Auf dem Tisch werden Menschen erschaffen. Man montiert sie, dekonstruiert sie oder erforscht eine Leiche. Ein Szenario, das möglicherweise dem Gehirn eines buckligen Greises entspringt, der über die Bühne schlurft, altersschwach und doch mächtig, da er wie ein Gott die Puppen tanzen lässt. Dabei kann auch schon einmal etwas außer Kontrolle geraten, wenn das Skelett auf dem Tisch plötzlich unerhört agil seinen Meister wild kopulierend überwältigt. Das Horn als aufrecht gerecktes Symbol der Fruchtbarkeit tut seinen Teil zum Gelingen dazu.

HINO©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Eine stringente Story ist in „Rhino“ nicht auszumachen, es sind eher Fragmente, die man zusammensetzen muss, ganz wie auf dem Seziertisch. Versatzstücke werden ebenso aus der Gothic Novel entlehnt, wie aus dem Neuen Testament. Die Kanadier verfügen über ein unerhört reichhaltiges Repertoire an Bildern, das sie ohne Kulisse allein durch Tanz und geschickte Positionierungen herzustellen vermögen. Wie selbstverständlich gefrieren etwa am Tisch Momente, in denen sich das Ensemble dann wie auf Leonardo da Vincis letztem Abendmahl gruppiert. Und schon löst sich die Szene wieder in Bewegung auf. Das Leben kann nie festgehalten werden, wie fließendes Wasser gleitet eine Situation rasch in die nächste über. Getanzt wird mit einer geschmeidigen Eleganz, die mitunter den Eindruck erweckt, als agierten hier knochenlose Körper.

Aufgeladen wird der Blick in die Manufaktur der humanoiden Produktion durch einen maximal in Anschlag gebrachten Sound. Mit voller Lautstärke geben Trommeln und Celli den drängenden Rhythmus vor. Wen dieses Spektakel auf der Bühne visuell noch nicht angeheizt hat, den peitschen die erbarmungslosen Rhythmen akustisch ins Finale. Obwohl dem Ensemble gegen Ende etwas das Material ausgeht, da die vielfältigen Partikel der Story offenbar auserzählt sind, so vermag die Choreographie doch bis ins letzte Bild zu beeindrucken. Wie sich eine Gruppe von sieben Menschen einen ganzen Abend in immer neuen Kaskaden um einen Tisch zu bewegen vermag, das hat man noch nicht gesehen.

HINO©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Hauptdarsteller bleibt das Licht. Seine samtige Unschärfe taucht das Geschehen in ein Halbdunkel, das dem Geheimnisvollen viel Raum lässt. Mit der Grenze zwischen Realität und Imagination spielend, löst es die Orientierung von Zeit und Raum auf. So sind die Körper nie vollständig zu sehen, es ist immer nur ein Bein, ein Arm, ein Rücken oder eine Brust auszumachen. Wie eine amorphe Masse aus Körperteilen wirkt manchmal das Spiel der sieben tanzenden Personen. Das Licht wird darüber selbst zum Akteur auf der Bühne, da die Scheinwerfer von den Tänzern in ihre Aktionen einbezogen werden. Das schafft Unruhe und Dramatik, die dem Hantieren am Tisch eine unheimliche Dimension verleihen. So entsteht ein Spektakel, das niemanden kalt lässt. Das Publikum in Aachen war entsprechend begeistert und mochte den Kanadiern denn auch mit einer Standing Ovation seine Ehre erweisen.

HINO©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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