schrit_tmacher justdance! 2026

TAMYR – a poetic Ritual from Central Asia

JOLDA Dance Theatre findet in der Citykirche St. Nikolaus Aachen genau den richtigen Rahmen

Von Thomas Linden 14. März 2026

Eine Tanzveranstaltung in eine Kirche zu verlegen, kann sich als heikle Entscheidung erweisen. Geweihte Räume sind an eine religiöse Welt gebunden, die sich nicht immer mit der ästhetischen Freiheit verträgt, die dem zeitgenössischen Tanz in einem Theater zur Verfügung steht.  Spiritualität erzeugt mitunter atmosphärische Enge. Manchmal kann es aber auch die genau richtige Entscheidung sein, wie die Einladung des Tanzfestivals Schrit_tmacher an das Kasachische Jolda Dance Theatre zeigt, dass seine Produktion „Tamyr“ in der Citykirche St. Nikolaus in Aachen präsentieren durfte.

Gleich ehrerbietigen Statuen stehen zwei Sänger und eine Sängerin in langen scharlachroten Gewändern auf schwarzen Podesten. Hinter ihnen eröffnet sich der Chorraum des gotischen Langschiffs von St. Nikolaus. Hier ist schon ein ritueller Resonanzraum angelegt, bevor überhaupt ein Ton erklingt. Vor ihnen, in jenem Bereich, der gewöhnlich den profanen Menschenkindern der Gemeinde vorbehalten ist, tanzen zwei junge Frauen (Gulsaya Tauirkhanova und Maria Gubanova). Ein Setting, das durchaus auch an asiatische Tempeltänze erinnert. Tatsächlich geht es hier ebenso um die Verbindung von religiösen Traditionen, wie um die zugewandte Begegnung zweier Frauen. Gleich im ersten Bild der Inszenierung von Jeanne Tulendy schreiten die beiden Tänzerinnen aufeinander zu und verschränken ihre Körper, so dass Hände und Füße zu einem vielarmigen neuen Wesen verschmelzen, das in alle Richtungen ausgreift.

TAMYR_Jolda©TANZweb.org_Klaus Dilger

TAMYR_Jolda©TANZweb.org_Klaus Dilger

Im Untertitel „a Poetic Ritual from Central Asia“ ist der Richtung für den ästhetischen Parcours, den die beiden beschreiten, schon vorgegeben. Bedeutungen spielen eine große Rolle in dieser ausgesprochen bildhaft entworfenen Choreographie. Wobei der Tanz weniger auf eine große Erzählung als auf eine Vielzahl von Gesten angelegt ist, in denen immer wieder Motive von Nähe und Distanz zitiert werden. Es ist nicht zu übersehen, dass sich das Jolda Dance Theatre als Brückenbauer zwischen West und Ost versteht. Man sucht Gegensätze zu vereinigen, durchaus nicht in einer alles versöhnenden Verschmelzung, sondern so, das Eigenes bewahrt werden darf. Das signalisiert schon der Sound, in dem die raunenden Chorgesänge die spirituelle Atmosphäre der gotischen Architektur aufnehmen, uns dazwischen aber immer wieder metallische Elektroklänge zurück in die Gegenwart holen. „Tamyr“ bedeutet im Kasachischen Wurzel und steht in Verbindung mit dem „Bata“, einem Segen, den die Ältesten spenden. Unter den strengen Minen der Chorstatuen vermittelt der Tanz des Duos die Anrufung einer versöhnenden Geste der Vergangenheit mit der Gegenwart.

Es ist unübersehbar, wie diese Choreographie auf die Vermittlung von Traditionen und kulturellen Unterschieden hin konzipiert ist. Konsequent sucht sie das westliche Bewegungsrepertoire des zeitgenössischen Tanzes mit den spirituellen Praktiken Kasachstans zu verbinden. Das gelingt durchaus in einer flüssig getanzten Produktion, die voller Energie eine graziöse Kommunikation zwischen den beiden Frauen entfaltet. Es ist ein beständiges Suchen und Trennen, das in den Aktionen des Duos pulsiert. Dabei entsteht kein Pas de Deux. Nicht die Leidenschaft individueller Gefühle ist hier Thema, sondern eine zwar durchaus emotionale aber stets auf die Distanz des bedeutungsvollen Rituals ausgerichtete Abgeklärtheit bestimmt die Szenen. Nichts verlieren die jungen Frauen dabei an Tempo und Dynamik, allein der Fundus jener Tanzfiguren, die hier aus westlichen- und östlichen Einflüssen amalgamiert wurde, scheint sich gegen Ende zu erschöpfen. Gleichwohl ist die Leistung beeindruckend, mit der es Jeanne Tulendy gelingt, unterschiedliche kulturelle Einflüsse innovativ zu verbinden. Wie sie vermeidet in das Pathos verkrusteter Traditionen zu verfallen und die Sprache des Ritus mit dem Vokabular des zeitgenössischen Tanzes belüftet, verdient Respekt. Den lieferte das Aachener Publikum dem Kasachischen Ensemble denn auch mit einem begeisterten Applaus.

TAMYR_Jolda©TANZweb.org_Klaus Dilger

TAMYR_Jolda©TANZweb.org_Klaus Dilger