Huang Yi mit INK

Tusche, Tanz und Technologie

Das schrit_tmacher Festival 2026 in Heerlen eröffnet mit einem der spannendsten Choreografen der Zeitgenossenschaft

von Klaus Dilger

Kein Unbekannter in Heerlen

Spätestens seit dem Jahr 2015, als der taiwanesische Choreograf, Tänzer und Forscher Huang Yi gemeinsam mit seinem Roboterpartner KUKA die Bühne betrat, ist klar: Hier arbeitet einer an einer neuen Grammatik des Körpers. Mit messerscharfer Präzision und beinahe zärtlicher Kunstfertigkeit verband er damals Seele und Schaltkreis, ließ Tanz und Maschinenbau nicht kollidieren, sondern ineinander atmen. Was wie ein technologischer Coup hätte wirken können, war in Wahrheit ein zutiefst poetisches Experiment: das fragile Zusammenleben von Mensch und Maschine als ästhetische Möglichkeit.

Huang Yi schrieb einmal, sein Tanz sei der Versuch, die Traurigkeit und Einsamkeit seiner Kindheit zu verwandeln – Isolation, Selbstzweifel, Trost. „Einem Roboter von Angesicht zu Angesicht gegenüberzutanzen ist, als würde ich mein eigenes Gesicht im Spiegel betrachten“, notierte er. „Vielleicht habe ich einen Schlüssel gefunden, menschliche Emotionen in Roboter hineinzupflanzen.“ Es war dieser Gedanke, der seine Arbeiten von Beginn an über die bloße Faszination an Technikmöglichkeiten hinauswies.

Im Jahr 2018 war Huang Yi mit „Under the Horizon“, ebenfalls in Koopertion mit Ryoichi Kurokawa entstanden, im Theater Kerkrade zu Gast.

Nun eröffnete das schrit_tmacher Festival 2026 mit „INK“, einer 2023 entstandenen Zusammenarbeit von Huang Yi mit dem Medienkünstler Ryoichi Kurokawa, inspiriert von der Kalligrafie Tong Yang-Tzes. Schon nach wenigen Minuten wird deutlich: Hier geht es nicht um Erzählung. Es geht um Gleichzeitigkeit, um Verdichtung, um den Versuch einer ganzheitlichen Setzung – ohne lineare Dramaturgie, ohne narrative Geländer.

INK©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Der Körper als Pinsel

In „INK“ choreografiert Huang Yi nicht Bewegung im herkömmlichen Sinn. Er entwirft ein Gefüge, in dem Körper, Projektion, Klang und Schrift einander belauschen. Die Bühne wird zur Fläche, auf der sich Geste einschreibt – als Spur, als Erinnerung, als temporäre Topografie.

Das Stück handelt nicht von Tusche. Es denkt wie Tusche.

Der tanzende Körper verliert sein expressives Zentrum. Er wird zum Instrument. Huang Yis Bewegungssprache ist präzise, fast asketisch, zugleich durchlässig und atmend. Sie wirkt kalligrafisch, ohne je Illustration zu sein; technologisch vermittelt, ohne mechanisch zu erscheinen. Jede Bewegung erscheint wie eine Linie, in die Zeit gezogen: auftauchend, sich verdichtend, ausfransend, verschwindend.

An die Stelle westlicher Dramaturgie mit ihrem Zielpunkt tritt eine andere Zeitlichkeit: Erscheinung und Auflösung. Man verfolgt keine Handlung, man erlebt Aggregatzustände von Präsenz. „INK“ steht damit der Landschaftsmalerei oder einer Atemmeditation näher als einer erzählerischen Choreografie.

Hierauf muss sich das Publikum einlassen können, aber das gelingt nicht immer.

Die ersten zwanzig Minuten faszinieren. Gewaltige Tuscheanimationen durchziehen den Raum, schwarze Explosionen und flirrende Linien, die den Körper nicht illustrieren, sondern umkreisen. Noch wirken die Klangkompositionen Kurokawas eigenwillig, gelegentlich irritierend – doch sie halten das fragile Gleichgewicht zwischen Bild und Bewegung.

Dann öffnet sich eine zweite Ebene: Huang Yi führt zurück in jene Sphäre, die ihn berühmt gemacht hat – in die Begegnung zwischen Mensch und Maschine. Zwei gigantische Roboterarme, die bislang von der Vorbühne aus wie stumme Wächter das Geschehen dominierten, erwachen. Plötzlich entsteht jenes sensible Trio aus Mensch und Maschinen, das sich unauslöschlich ins Gedächtnis schreibt. Keine Überlegenheit, kein Wettkampf – vielmehr eine Kommunikation auf Augenhöhe, tastend, beinahe scheu.

Es ist ein Moment von seltener Zartheit. Und zugleich ein riskanter: Ein Künstler zitiert den bisherigen Höhepunkt seiner Karriere, zelebriert ihn, fasziniert damit, wie bereits zehn Jahre zuvor, als er von der TED-Bühne aus mit KUKA mehr als 520.000 Menschen gleichzeitig erreichte. Das fasziniert noch immer und wird innerhalb einer neuen Kreation doch eher zur Selbstfesselung, wenn das darauf Folgende diese Augenhöhe nicht halten kann.

INK©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Überwältigung statt Vertiefung

Nach dieser poetischen Verdichtung kippt der Abend. Das Geschehen beschleunigt sich, Soli, Duos, Trios der durchweg exzellenten Tänzerinnen und Tänzer folgen in rascher Folge. Übergänge wirken nun wie aus dem choreografischen Lehrbuch gezogen, sauber gesetzt, aber mitunter vorhersehbar. Was als holistisches Denken begonnen hatte, verliert an räumlicher Tiefe. Die Körper bewegen sich virtuos – doch sie bleiben seltsam flächig, als würden sie gegen die visuelle Wucht der Projektionen nicht ankommen.

Auch Kurokawas Klangwelt verändert sich. Aus subtilen Kompositionen werden Detonationen. Bild, Design und Ton verdichten sich zu einer ästhetischen Überwältigungsmaschine, die den tanzenden Menschen und selbst den Roboterarmen immer näher rückt. Sensibilität weicht Brutalität.

Und dann: Dunkelheit. Die beiden Maschinen heben noch einmal ihre Arme – ein letztes, fast stummes Zeichen – und der Raum versinkt.

„INK“ hinterlässt kein einzelnes ikonisches Bild, das man mit nach Hause nimmt. Vielleicht ist das konsequent. Vielleicht will dieses Stück nicht erinnern, sondern sensibilisieren. Es schärft den Blick für Spuren, für das, was sich einschreibt und wieder verschwindet.

Der Applaus ist tosend, die standing ovations eindeutig – auch wenn in den Gesichtern mancher Zuschauender eine leise Irritation nachhallt.

INK©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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