MARCOS MORAU und JAN MARTENS

ÜBERLEBEN IN EINER SURREALEN WELT

NDT 1 mit seinem Doppelabend WILDSONG als weiteres Highlight des schrit_tmacher justdance! Festivals 2026 im restlos ausverkauften Parkstad Limburg Theater in Heerlen

Klaus Dilger war dabei

Sie gehören zweifellos zum Besten was die Welt des Tanzes zu bieten hat: die beiden Compagnien des Nederlands Dans Theater.

Sie sind mit ihren Ensembles regelmäßige Gäste des schrit_tmacher-Festivals und bildeten bisher stets die absoluten Highlights der jeweiligen Ausgaben.

Unvergesslich die Aufführungsserie im Jahr 2018, als die Zusammenarbeit des Festivals mit dem NDT ermöglichte, Ohad Naharins Meisterwerk „THE HOLE“ erstmals außerhalb des Suzanne Dellal Zentrum | Tel Aviv einem Publikum zu präsentieren. Highlight im letzten Jahr die Crystal Pite und Simon McBurney Trilogie „FIGURES IN EXTINCTION“.

DYSTOPISCHE LANDSCHAFTEN

An Letztere erinnerte der zweite Teil des nun gefeierten Abends „WILDSONG“ mit der surrealistischen Arbeit des assoziierten spanischen Choreografen Marcos Morau, „HORSES“, das bereits im Jahr 2024 zur Uraufführung gelangte.

Gleichwohl könnte es aber auch und leider immer noch das Stück zur Stunde sein: eine absurde Welt der Verlorenen und Suchenden, in der immer wieder einer der Tänzer oder Tänzerinnen eine abgebrochene und dennoch leuchtende Straßenlaterne in die dystopische Stadt-Landschaft schleppt, die fortan den richtigen Weg beleuchten soll, während Arme und Hände intuitiv in eine andere Richtung zu deuten scheinen. Eine Welt, in der die Menschen im Untergrund zu leben scheinen oder zumindest nicht weit davon entfernt.

Morau sagte in einem Interview dazu:

„…Und mitten in dieser Trauer suchen wir nach Bezugspunkten.
Wir versuchen, einzigartig zu sein inmitten der Menge, die die Welt durchquert.
Wir suchen nach einem Fokus, der uns erleuchtet. Doch dieses Licht sagt uns nicht nur, dass es viele Wege gibt – es zeigt uns auch die Fragilität dessen, was wir heute sind: verloren.

Ungeschickt, verloren und darauf trainiert, in einer immer komplexeren Welt zu überleben, zeichnen unsere Schritte den Weg für andere.
Unsere Füße tragen uns von hier nach dort – allein, im Rudel, im Galopp oder in hastigem Schritt.

Denn verloren zu sein ist auch eine Richtung.

Unter vielem haben wir eines mit den Pferden gemeinsam:
eine widerstandsfähige Haut, die kräftige Berührungen braucht.

Vielleicht ist es nur das.

In Lichtdesigner Tom Visser hat Morau einen kongenialen Partner, der ihm diesen verlorenen Raum mit präzisen Hell-Dunkel-Kontrasten modelliert, den die  Sound-Designer Niels Mudde und Thijs Scheele mit Kompositionen von Andrzej Panufnik und Caroline Shaw füllen und ausloten und die sie immer wieder mit verzerrten Stimmen mischen. Räume, die ständig wechseln, als seien sie selbst auf der Flucht. Es ist mehr ein Film-Noir, denn eine Bühnenwelt, in der sich elf der großartigen Ensemblemitglieder durch ihre herausragende technische Präzision und körperliche Präsenz immer wieder in ihrer Existenz zu behaupten versuchen. Hierfür hat Marcos Morau eine Bewegungssprache erfunden, die jede und jeden Einzelnen unverwechselbar erscheinen lässt und doch, will man im Herden-Bild aus dem Titel zu Moraus‘ „HORSES“ bleiben, lassen sie sich ganz eindeutig dieser Gruppe  zuordnen, die eine Weltklasse-Compagnie ist.

Morau gibt keine Antworten auf die Metaphern, die der Zuschauende zu entdecken glaubt, wenn sich etwa Laternenmaste zusammenfügen, die von Tänzerhand zu kreisen beginnen, als seien sie immer schneller drehende Rotorblätter eines Hubschraubers, von denen Menschen herabstürzen, die sich versucht hatten, daran festzuklammern. Moraus Welt in „HORSES“ kennt keine Idylle. Die hier Agierenden mögen auf der Flucht sein, aber es sind keine Fluchtwesen, wie es Pferde nun einmal sind. Krieg und Zerstörung werden nicht thematisiert, aber hier gibt es nichts wie eine „Heimat“, nirgendwo und für niemanden.

HORSES-©Rahi-Rezvani

HORSES-©Rahi-Rezvani

KID-IN-A-CANDY-SHOP-©Rahi-Rezvani-2026

KID-IN-A-CANDY-SHOP-©Rahi-Rezvani-2026

KID IN A CANDY SHOP

Mit dieser Compagnie durfte erstmals auch der belgische Choreograf Jan Martens arbeiten und muss sich bei so vielen außergewöhnlichen Tänzerinnen und Tänzer vom Nederlands Dans Theater gefühlt haben wie das berühmte „Kind im Zuckerladen“.

„KID IN A CANDY SHOP“ heißt denn auch seine Uraufführung vom Februar diesen Jahres in Amare.

Fast die gesamte Compagnie, die er durch ein dichtes Geflecht aus Ballettzitaten, zeitgenössischen Bewegungsfragmenten und rhythmischer Präzisionsarbeit laufen lässt, steht auf der Bühne.

Die musikalische Grundlage bilden Werke der Komponistinnen Julia Wolfe und Hanna Kulenty. Passend dazu gliedert Martens das Stück in zwei Teile, die jeweils einer der beiden Komponistinnen gewidmet sind.

Vierzig Minuten lang flirrt das Stück über die Bühne, zwischen Versuchen, neoklassische Virtuosität zu fragmentieren, Ballettvokabular zu dekonstruieren und als bewussten Stil-Mix neu zusammen zu fügen.

Vieles, vor allem im ersten Teil, wirkt noch ein wenig wie ein stop-motion-film und lebt und wird getragen von dem ausgezeichneten Lichtdesign von Jan Fedinger, der sich, auch thematisch, nach Herzenslust austoben kann.

MARTENS WILL ZUVIEL

Gelegentlich unterstützt durch die Projektion von Aufnahmen des britischen Naturforschers und frühen Naturfilmers F. Percy Smith. Im Zeitraffer erleben wir sich öffnende Blüten, pflanzliches Wachstum, Entfaltung in verschiedensten Einfärbungen. Doch die Choreografie bleibt nicht lange im Bild des Frühlings, sondern entwickelt stattdessen eine Bewegungssprache, die zu viel will und unnatürlich bleibt.

Die stärksten Bilder entstehen dazwischen in den Passagen radikaler Verlangsamung. Einige Tänzerinnen und Tänzer stehen scheinbar schwerelos auf einem Bein, ihre Körper heben und senken sich kaum wahrnehmbar. Zeit scheint gedehnt. Die Bewegung wird zur Studie über Gleichgewicht und Kontrolle.

Im zweiten Teil, zur Musik von Kulenty, werden die Bewegungen insgesamt nervöser, fragmentierter. Martens scheint alles ausprobieren zu wollen: Balletttechnik, Minimalismus, ironische Zitate. Manchmal wirkt das wie ein choreografischer Werkzeugkasten, der komplett ausgeschüttet wird. Energie entsteht daraus durchaus, aber sie breitet sich diffus aus und manches bleibt nur angerissen.

Martens hat sich in der Vergangenheit immer wieder auch mit Grenzsituationen des tanzenden Körpers befasst und seinem Scheitern. Ein solches erleben wir hier nicht.

Aber insgesamt darf und wird das Stück mit der Zeit noch wachsen, vieles wird sich schärfen oder auch harmonisieren, was bei der Uraufführung noch viele ungewollte Ecken und Kanten aufgewiesen hatte.

Das Publikun in Heerlen beim schrit_tmacher-Festival spendete standing ovations.

KID-IN-A-CANDY-SHOP-©Rahi-Rezvani-2026

KID-IN-A-CANDY-SHOP-©Rahi-Rezvani-2026