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THIKRA – Night to remember

Akram Khan nimmt Abschied von seiner eigenen Compagnie und er tut dies keineswegs leise.

gesehen von Klaus Dilger

Thikra: Night of Remembering, die letzte Arbeit, die er für seine Akram Khan Company geschaffen hat, will noch einmal alles sein: Ritual, Mythenraum, Frauenbeschwörung, Totenklage, Wiedergeburt, Trancezustand. Das ist viel, vielleicht zu viel. Aber es ist auch genau die Art von Überwältigungsästhetik, die Khan beherrscht wie kaum ein anderer: Bewegung nicht als Abfolge, sondern als Beschwörungsapparat.

Schon der erste Eindruck ist unmissverständlich. Diese Bühne will kein Ort sein, sondern ein Ursprungsraum. Fels, Rauch, rotes Licht, Höhle, Glut – ein imaginäres Davor, aus dem Körper hervortreten, als kämen sie nicht aus dem Bühnenhintergrund, sondern aus geologischen Schichten. Gemeinsam mit der saudi-arabischen Künstlerin Manal AlDowayan, mit der das Stück zunächst für eine ortsspezifische Fassung in Wadi AlFann bei AlUla entstand, hat Khan einen Raum auf die Bühne übertragen, der wie ein kollektives Unterbewusstsein aussieht: halb Wüste, halb Grabkammer, halb Erinnerungsspeicher.

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

In diesen Raum tritt ein weibliches Ensemble, das nicht vorgestellt, sondern freigesetzt wird. Zwölf Tänzerinnen werfen sich in die Bewegung, als sei sie kein Ausdruck, sondern Notwendigkeit. Sie stampfen, schleifen, schneiden, kriechen, peitschen ihre Haare durch die Luft, formieren sich zu Fronten, Kreisen, Blöcken, Wellen. Alles an diesem Stück ist auf Intensität gestellt. Es gibt kaum Leerlauf, kaum Zögern, kaum psychologische Zwischenräume. Khan setzt nicht auf Differenzierung, sondern auf Verdichtung. Er interessiert sich hier nicht für Figuren, sondern für Zustände.

Das kann grandios sein – und mitunter auch unerquicklich. Denn Thikra ist ein Abend, der seine Bilder mit großem Ernst in den Raum stellt und fest daran glaubt, dass ihre Wucht genügt. Manchmal stimmt das. Wenn die Körper in synchronen Formationen wie von einer inneren tektonischen Kraft verschoben werden, wenn aus der Gruppe heraus plötzlich ein Widerstand, eine Störung, eine Geste der Verweigerung aufleuchtet, entfaltet das Stück eine fast magnetische Kraft. Dann ist da tatsächlich etwas zu sehen, das über Choreografie hinausgeht: ein sozialer Körper, ein Gedächtnis im Plural, ein Kollektiv, das nicht dekorativ Gemeinschaft spielt, sondern physisch als solche existiert.

„Thikra“ bedeutet Erinnerung, und Khan interessiert sich offenkundig für das, was sich in Körpern einschreibt: Gewalt, Ritual, Herkunft, Überlieferung, vielleicht auch Trauma. Doch statt diese Einschreibungen genauer zu untersuchen, umkreist das Stück sie oft in symbolisch aufgeladenen Tableaus. Das ist suggestiv, aber nicht immer präzise.

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

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Thikra will kein diskursives Stück sein, keine Analyse von Weiblichkeit, Herkunft oder Ritual. Es operiert im Modus der Beschwörung. Wer hier nach narrativer Klarheit oder semantischer Stringenz sucht, wird schnell ungeduldig. Vieles bleibt assoziativ, manches absichtsvoll opak. Eine Matriarchin erscheint wie eine Vision aus der Glut. Ein weiß gekleideter Körper liegt zu Beginn auf einem Stein im Bühnenvordergrund, als wäre er zum Opfer bereitet. Gruppen bilden Prozessionen, Konfrontationen, Trauerrituale, Erweckungsszenen. Das alles hat Kraft, aber nicht immer Richtung.

Genau dort verläuft die Bruchlinie dieses Abends. Wenn man sich auf ihn einlässt, funktioniert er als atmosphärischer Sograum. Wenn man ihn genauer anschaut, beginnt er an manchen Stellen zu fransen. Nicht jedes Bild ist so stark, wie es sich gibt. Nicht jede Wiederholung vertieft etwas. Manche Passagen vertrauen zu sehr auf den Effekt von Ernsthaftigkeit, Lautstärke und Symbolik. Dann wird das Stück schwer, ohne wirklich tief zu werden.

Und doch wäre es falsch, Thikra auf seine Überfrachtung zu reduzieren. Denn Khan kann nach wie vor etwas, das im zeitgenössischen Tanz selten geworden ist: Er kann große Form bauen, ohne den Körper zu verlieren. Seine Choreografie bleibt immer physisch gedacht, nie nur illustrativ. Die Bewegung ist nicht Träger einer Idee, sondern selbst Erkenntnisform. Gerade in den Übergängen zwischen den Bewegungssprachen liegt die eigentliche Qualität des Abends. Bharatanatyam und Kathak sind als rhythmische und gestische Speicher deutlich anwesend, werden aber nicht ausgestellt, sondern in eine zeitgenössische Körperlogik überführt. Khan arbeitet nicht mit kulturellen Zitaten, sondern mit kinetischen Intelligenzen. Das ist der Unterschied zwischen Oberfläche und Komposition.

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

Besonders sichtbar wird das im Umgang mit dem Haar. Was andernorts schnell nach Symbolbild oder „starker Frauenästhetik“ aussehen würde, wird hier tatsächlich choreografisch produktiv. Das Haar ist nicht Ornament, sondern Material: Widerstand, Gewicht, Verlängerung, Zug, Behinderung, Waffe. Wenn es geschleudert, gezogen, gehakt, gebunden wird, entstehen nicht nur starke Bilder, sondern neue Bewegungszusammenhänge. Für Momente verschiebt sich der Körper selbst – seine Balance, seine Linien, seine Möglichkeiten.

Musikalisch lässt der Abend keinen Zweifel daran, was er will: Wirkung. Die Komposition von Aditya Prakash, ergänzt durch das Sounddesign von Gareth Fry, arbeitet mit tribalem Puls, chorischer Schichtung und einem permanenten Druck nach vorn. Das ist nicht subtil, aber effektiv. Die Musik macht den Raum nicht auf – sie verdichtet ihn. Sie zwingt das Stück in eine fast permanente emotionale Hochspannung, die gelegentlich anstrengend wird, aber nie beliebig.

Vielleicht ist Thikra: Night of Remembering nicht die konzentrierteste Arbeit von Akram Khan. Das mag auch daran liegen, dass, wie eingangs erwähnt, das Stück zunächst für eine ortsspezifische Fassung in Wadi AlFann bei AlUla entstand und die Bühnenfassung ein wenig wie dessen Erinnerungsfolie wirkt? Vielleicht ist es sogar ein Stück, das an seiner eigenen symbolischen Ambition ein Stück weit scheitert. Aber selbst dort, wo es zu viel will, bleibt es interessant. Weil es nicht behauptet, sondern ernsthaft nach einer Form sucht, in der Erinnerung, Ritual und kollektive Körperlichkeit noch einmal physisch erfahrbar werden.

Dieser Abschied der Company hat vielleicht Vieles gemein mit dem Inhalt von Thikra, das das Programmheft so zusammenfasst: „…Diese Nacht ist ein Moment der Reflexion über ihre gemeinsame Vergangenheit. Durch die Erinnerung an ihre Geschichte und eine kolonialsierte Vergangenheit findet der Stamm Raum zur Heilung, um sich zu erheben, indem er sich dem Ritual von Leben und Tod hingibt. In dieser Wiederverbindung liegt Befreiung. Und erst dann kehrt der Ahnengeist zur Ruhe zurück – bis zum nächsten Jahr.“.

Und es wird großartig getanzt von:  Laura Bufano, Ching-Ying Chien, Amrita Doshi, Kavya Ganesh, Shreya Kannan, Madoka Kariya, Azusa Seyama Prioville, Nikita Rao, Rohini Shetty, Elpida Skourou, Mei Fei Soo.

THIKRA_Akram-Khan©TANZweb.org

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