Unsere Videoimpressionen
TELLUS – DICKSON MBI
TELLUS ist ein Epos, das aus den Quellen seines kamerunischen Erbes schöpft und von der mythischen Gottheit Mami Wata inspiriert ist, einer Quelle des Lebens, der Schönheit und der Liebe, deren Macht sich jedoch auch in Zerstörung verwandeln kann.
TELLUS folgt einem jungen Menschen, der von Mutter Erde entfremdet ist und in ein Dorf gerät, das unter einer verheerenden Dürre leidet. Von einer alten Frau/Göttin geleitet, begreift er eine grundlegende Wahrheit: Die Menschheit hat vergessen, wie man das Land verehrt und schützt. Seine Reise ist unsere Reise, ein verzweifelter Kampf, um eine zerbrochene Beziehung zu heilen und das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Diese Vision wird von acht Tänzern mit internationalem Hintergrund zum Leben erweckt, die intensive Körperlichkeit mit ätherischer Anmut verbinden. Ihre Welt wird von einem kreativen Team gestaltet, darunter die Videokünstler Yeast Culture, der Lichtdesigner Lee Curran, die Bühnenbildnerin Ruby Law, die Kostümdesignerin Debbie Duru und die Kostümberaterin Fay Fullerton, mit Sounddesign von Tony Gayle und einer originellen, immersiven Originalmusik von Mbi selbst, angeführt von afrikanischem Gesang und chinesischer Percussion, die das Publikum von sanften Wiegenliedern zu mitreißenden Gesängen entführt.
…das Leben feiern
„…Wie kann man das Leben feiern, wenn der Boden unter den Füßen im Umbruch ist?“ fragte das schrit_tmacher-Festival anlässlich seiner 30ten Ausgabe im letzten Jahr, als Dickson Mbi erstmals in Kerkrade zu sehen war und mit seiner Soloperformance „ENOWATE“ (Wahrheit steht) das Publikum begeisterte. Und um wieviel mehr ist diese Frage noch immer aktuell?
Das wirklich beispielhafte, zeitgenössisch gestaltete Parkstad Limburg Theater war bis auf den letzten Platz gefüllt, um den, aus Kamerun stammenden und in London arbeitenden Dickson Mbi mit seiner neuesten Produktion TELLUS zu erleben, einem Stück für und mit acht Tänzerinnen und Tänzern.
Mbi versteht es, das Publikum unmittelbar einzufangen und zu faszinieren, wenngleich sich nicht für Jede und Jeden der Pfad zu dessen epischem Tanznarrativ eröffnen mag. Inspiriert von Dickson Mbis kamerunischem Erbe und durchzogen von Motiven rund um die mythische Wassergöttin Mami Wata nehmen uns die eingangs Handtuch schwingenden Tänzer an der Hand und führen uns in eine Zeit und Kultur, in der die Wäsche natürlich in den fliessenden Gewässern gewaschen wurde und sauberes Wasser eine nicht selbstverständliche Lebensgrundlage darstellt..
Acht Tänzerinnen und Tänzer aus verschiedenen Teilen der Welt bewegen sich zu einer ebenso vielschichtigen Klanglandschaft aus afrikanischen Gesängen und chinesischer Perkussion. Bewegung, Komposition und Projektion verschmelzen zu einer Reihe hypnotischer Tableaus von großer Sogkraft.
Es ist ein Stück von bemerkenswerter emotionaler Dichte, das Gegensätze nebeneinanderstellt: Trauer und Verlust ebenso wie Freude und Harmonie. Mbis Choreografie ist hochgradig expressiv – fließende Armbewegungen, nervös wirbelnde Körper, eine geradezu berauschende Rhythmik, kraftvolle Posen und einprägsame Bilder prägen das Geschehen. Die extreme Physis und die rohe Emotionalität der Abläufe sind durchweg intensiv.
Auch musikalisch entfaltet sich ein vielschichtiges Spektrum: Der Abend beginnt und endet mit sanften, wiegenden Summgesängen, die sich zu kraftvollen, chorischen Passagen steigern und die komplex synchronisierten Bewegungsabläufe tragen. Im Mittelteil verlagert Mbi die Atmosphäre zunehmend ins Mysteriöse: kratzende Geräusche, höhlenartige Windklänge, keuchender Atem und bedrohliche Flüstertöne erfüllen den Raum, während sich die Tänzerinnen und Tänzer durch die Dunkelheit bewegen – geisterhaft beleuchtet hinter einem Vorhang aus Quasten, aus dem sie plötzlich in alle Richtungen hervorbrechen.
Das Bühnenbild von Ruby Law und das Lichtdesign von Lee Curran verleihen der Inszenierung zusätzliche Tiefe: gelöste Vorhangstrukturen schaffen variable Räume, und erzeugen parallel verlaufende Welten zwischen Mensch und Gottheit, verstärkt und intensiviert durch Videoprojektionen von Yeast Culture, mit denen Mbi bereits für sein Solo zusammen gearbeitet hatte. Zunächst in Sequenzen, in der der Protagonist mit seinem eigenen Schattenbild interagiert – ein Spiel aus Präsenz und Auflösung, das die Grenze zwischen Körper und Projektion aufhebt, später in einer Bildwelt aus wirbelnden blauen Baumlandschaften, zuckenden Blitzen und schwingenden Blättern.
So entsteht ein visuell wie akustisch überwältigendes Gesamtwerk, das eindringlich dazu aufrufen will, das Verhältnis des Menschen zur Natur neu zu denken und beide wieder in Einklang zu bringen.
TELLUS liegt eine kraftvolle Intention zu Grunde, der man gerne folgen möchte, bei der aber nicht alle Passagen gleich zwingend sind. Manche Elemente wirken, als seien sie Kalkül eines Erfolgs, der sich auf Stückebene planen lassen will, ohne jedoch zwingend zu Kunst zu führen.
Erstaunlich zu sehen, wie unterschiedlich doch die Produktionsbedingungen und -gedanken in UK sind, im Gegensatz zu denen hierzulande: dort sprechen die Produzenten von „creative industries“ und gehen selbstverständlich davon aus, dass sich die Investitionen in die künstlerische Arbeit werden wieder einspielen lassen, wenn letztlich nur das Ergebnis überzeugt.
Überzeugt waren vermutlich auch die Besucherinnen und Besucher der niederländischen Premiere der Co-Produktion mit schrit_tmacher NL in Kerkrade, mit einem gigantisch hohen Anteil an Publikum jenseits der Grenze zu Deutschland und Belgien.
Langanhaltender Applaus und standing ovations.

