Videoimpressionen schrit_tmacher 2026

CO-LAB

Seit zehn Jahren bietet  „Co-Lab” im Rahmen von schrit_tmacher eine Plattform für choreografische und tänzerische Talente aus der Euregio

Drei Monate lang entwickeln junge Choreograf*innen im Auftrag des Festivals kurze Stücke zu aktuellen Themen. Nadja Thumm, Luc “Skywalker” Arnoldussen, Luca Neumann und Marc Schürmann werden vom Huis voor de Kunsten Limburg begleitet. Ihre Stücke, produziert von schrit_tmacher, ARTbewegt, Via Zuid und Chudoscnik Sunergia, werden im März 2026 an drei Orten in drei Ländern gezeigt.

FEEDBACK

Ganz ohne Frage, wir leben in Zeiten, in denen das Gleichgewicht der Welt vollkommen aus der Balance gekommen zu sein scheint. Kriege erschüttern die Menschen. Dort wo diese sich bisher auf gemeinsame Werte verlassen konnten, die die Basis unserer Weltordnung für so lange gewesen sind, herrscht die Gewalt und das Unrecht des Stärkeren, der sich nimmt, was, wann und wo er will.

Wer erwartet hätte, dass diese Themen Einzug finden in Co-Lab 2026, der oder die musste schon um ein paar Ecken denken, um Teile hiervon zu entdecken. Alle vier Stücke behandelten diese Themen auf sehr individuelle Weise: während Luca Neumann solistisch mit Hilfe von bodycams versuchte, eine „porentiefe und objektive“ Wahrheit aufzuspüren, behandelten die drei anderen Gruppen mit ihren jeweiligen Choreografen oder Choreografinnen die allgegenwärtigen Bedrohungsszenarien auf einer immer wieder Schutz und Gemeinschaft suchenden Ebene.

Sie alle vermittelten spürbar, mit Hilfe ihrer jeweiligen tänzerischen Mittel, das Gefühl des „Ausgeliefertseins“ des Individuums.

Wir waren am Sonntag in Heerlen mit dabei und haben unsere Eindrücke auf Video dokumentiert. Durch das anklicken der jeweiligen Stücktitel lassen sich die Videoimpressionen aufrufen:

„Tussen huid en lens” von Luca Neumann 

„Tussen huid en lens” ist eine rohe, ehrliche Auseinandersetzung mit dem Körper. Was ist ein Körper? Welche Bedeutung wird ihm zugeschrieben? Und wer bestimmt das? Aus ihrer Erfahrung als queere Person heraus untersucht Luca Neumann, wie ein Körper häufig von außen gelesen und bewertet wird. In dieser Live-Video-Performance nimmt Neumann eine andere Position ein: nicht betrachtet zu werden, sondern selbst das Bild zu bestimmen. In das Kostüm integrierte
Kameras erzeugen eine sich ständig verschiebende Perspektive. Die Kameras werden zu einer Verlängerung des Körpers. Nahaufnahmen von Haut, Gliedmaßen und kleinsten Details erscheinen vergrößert auf der Leinwand, während Atmung, Reibung und Spannung hörbar sind.
Was gefilmt wird, ist unmittelbar sichtbar: Tanz und Video entstehen gleichzeitig und beeinflussen sich in Echtzeit. Der Körper erscheint dabei nicht als Objekt der Bewertung, sondern als etwas, das sich bewegt, verändert und sich nicht auf eine einzige Bedeutung reduzieren lässt.

Feedback:

Luca Neumann gelingen immer wieder spannende Dialoge zwischen analogem Körper und den „bodycam“-Aufnahmen auf den Bildschirmen auf der Bühne. Dass die Übertragung der Bilder leicht zeitversetzt, auf Grund technischer Einflüsse (Latenz), erfolgt, ist gewöhnungsbedürftig und verändert ungewollt den „Erzählstil“ der Künstlerin ohne jedoch ihre Intention zu zerstören.

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

ELONGATION OF AN ETERNITY von Nadja Thumm

Die Schönheit eines Moments erschließt sich manchmal erst im Rückblick.
Erst in der Erinnerung wird sichtbar, was im Erleben selbst kaum fassbar war.
„Elongation of an Eternity” thematisiert die Sehnsucht, vergangene Augenblicke noch einmal erleben zu dürfen, sie festzuhalten und endlos werden zu lassen – trotz der objektiven Unendlichkeit, an der wir Menschen teilhaben. Zwischen Vergänglichkeit und dem Wunsch nach Beständigkeit, zwischen Schwere und Leichtigkeit begeben sich die Individuen auf die Suche nach Versöhnung mit dem erlebten Moment.
Die gemeinsame Gruppe fungiert dabei als ein sich ständig neu formierender Bezugspunkt, in dem Nähe und Distanz, Synchronität und Eigenständigkeit verhandelt werden.
Die Aachener Choreografin Nadja Thumm und fünf deutsche und niederländische Nachwuchstalente aus den Bereichen zeitgenössischer Tanz, HipHop und Ballett erforscht in dem Stück den fragilen Wunsch nach Unendlichkeit. Sie verkörpern diese Spannungsfelder durch ihre individuellen Bewegungssprachen.

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

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NIF | NOTHING IS FOR FREE von Luc Arnoldussen

„Nothing Is Free” handelt vom unsichtbaren Preis menschlicher Kontakte: emotional, körperlich und energetisch. Dieser Preis verschwindet nicht einfach, sondern bleibt oft noch lange in unserem Körper präsent. Manche Begegnungen geben uns Kraft, andere kosten uns Energie. Viele Erfahrungen bleiben unbemerkt in unserer Haltung, unserem Rhythmus und der Art, wie wir uns bewegen, präsent.
Der Choreograf Luc Arnoldussen arbeitet mit fünf Tänzer*innen aus verschiedenen Tanzstilen wie HipHop, zeitgenössischem Tanz, Ballett und Jazz. Mit ihrer eigenen Art sich zu bewegen, zeigen sie, wie Kontakt zwischen Menschen Spannung, Verbindung und Unterschiede schaffen kann.
Die Aufführung lädt dazu ein, darüber nachzudenken, wie wir selbst mit Aufmerksamkeit, Präsenz und Verbundenheit umgehen. Durch die verschiedenen Tanzstile und die gemeinsame Energie der Tänzer*innen wird die Aufführung zu einer künstlerischen Erkundung und einem
erkennbaren Spiegel menschlicher Beziehungen. Sie zeigt, dass jede Begegnung, wie kurz sie auch sein mag, Spuren hinterlässt

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

INERTIA von Marc Schürmann

Trägheit – das stille Beharren der Körper im Zustand der Bewegung – bildet den Ausgangspunkt des Tanzstücks „Inertia“ von Marc Schürmann. Aus einem physikalischen Prinzip wird eine choreografische Reise, in der Körper, Raum und Klang miteinander verschmelzen und unsichtbare Energie sichtbar machen.
„Inertia“ erzählt von Verbundenheit. Körper und Objekte existieren nicht für sich allein, sondern sind Teil eines größeren Ganzen. Masse, Schwingung und Kraft erzeugen Wellen, die Raum und Zeit verändern. Im Zusammenspiel entfaltet sich eine transformative Kraft, die verbindet, berührt und bewegt. Elektronische Musik – Drum and Bass, Trip Hop, Breakbeat – bildet dabei die Grundlage, auf der die vier Tänzer*innen aus Deutschland und Belgien einen Raum erschaffen, ihn mit Energie füllen und diese sichtbar, formbar und erfahrbar machen.
Das Stück lädt dazu ein, die Energien wahrzunehmen, die uns umgeben und durch uns hindurchfließen. Es macht erfahrbar, wie Bewegung Gemeinschaft stiftet und wie Klang, Körper und Raum gemeinsam eine Sprache finden – eine Sprache, die nicht erklärt, sondern erlebt wird.

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

schrit_tmacher-2026-CoLAB©TANZwb.org_Klaus-Dilger

Noch einmal zu sehen am 14.März in Eupen – Alter Schlachthof – der für Co-Lab erstmals als Projektort fungiert.