Baro d’evels Falaise bei der Ruhrtriennale 2025
Am Rand der Klippe
Die Premiere von Falaise am 11. September 2025 in der Kraftzentrale des Landschaftsparks Duisburg Nord war nicht einfach ein Theaterabend, sondern eine Rückbesinnung auf Poesie und Achtsamkeit und für manche vielleicht auch Initiation in eine andere Wahrnehmung.
von Klaus Dilger
Das monumentale Bühnenbild – sieben Meter hoch, durchzogen von Ritzen, Öffnungen und Schatten – wurde zum lebenden Organismus, der jederzeit Neues hervorbringen konnte. Und tatsächlich: aus jeder Spalte, jeder unscheinbaren Öffnung konnten sich plötzlich Körper stürzen, Darstellerinnen und Darsteller hervorbrechen, als entstünde die Welt in diesem Moment aufs Neue. Das Publikum hielt den Atem an. Es war ein Abend des Staunens, der fortwährenden Überraschung und des Wiedererwachens der Poesie und Fantasie.
Baro d’evel, das franko-katalanische Ensemble um Camille Decourtye und Blaï Mateu Trias, hat sich seit Jahren dem Grenzgang zwischen Zirkus, Tanz und Theater verschrieben. Doch Falaise, entstanden 2019 als zweiter Teil eines Diptychons, zusammen mit „LA“, ist mehr als eine Fusion der Künste. Es ist eine poetische Anthropologie, eine Erkundung dessen, was es heißen könnte, Mensch – und zugleich Tier, Körper, Stimme, Bewegung, Erinnerung – zu sein.
Von Anfang an ist das Bühnenbild ein Mitspieler. Was zu Beginn wie ein geschlossenes Gebäudeensemble wirkt, wird nach und nach durchlässig, verwandelt sich, öffnet sich, zerfällt. Am Ende bleibt nicht mehr als eine Ruine. Und dennoch: durch die weissen Ornamente, die einer der Protagonisten mit leichten, fast kalligraphischen Gesten aufträgt, verwandelt sich diese Ruine in einen poetischen Garten. Das Ende ist kein Untergang, sondern eine Öffnung ins Ungewisse.

Premiere des Theaters Falaise mit der Kompanie Baro d’evel am 11.09.2025 in der Kraftzentrale, im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: RT2025/ Caroline Seidel
Im Zentrum stehen nicht Spektakel oder artistische Effekte, sondern die fragile Schönheit des Ungeschützten. Menschen und Tiere – ein weisses Pferd, eine Schar von Tauben – teilen den Raum als Ebenbürtige. Vertrauen ersetzt Dressur, Unberechenbarkeit wird zur Quelle von Wahrhaftigkeit. Gerade die Tiere verleihen Falaise eine andere Zeitlichkeit: wenn das Pferd innehält oder die Vögel sich verweigern, entsteht eine Wachheit, die das Ensemble wie das Publikum gleichermaßen ergreift.
Und immer wieder bricht Humor durch die Schwere, hält das Gleichgewicht zwischen Ernst und Leichtigkeit. Ein unerwartetes Lachen, eine absurde Geste, und schon öffnet sich ein Raum, in dem Verletzlichkeit sichtbar wird, ohne zur Last zu werden.
Falaise erscheint wie ein unfassbar beherrschter Taumel. Menschen stürzen aus dem zweiten Stock, wickeln sich um das Balkongeländer des Ersten und landen unverletzt im tosenden Geschehen, tanzen jenseits jeder Gravität mit weit zurückgebogenem Rücken, minutenlang, flying low technique im Tanz trifft auf „Nick Cave and the Bad Seeds“, die live im Nebel der Garagen- oder Stallöffnung spielen, der Brautstrauss findet endlich seine Verwendung als „Feigenblatt“ für den nackten Bräutigam im Scherbenhaufen abgeplatzter Konventionen, die zuvor noch als Hochzeitskleidung dienten, Tauben und Pferd kreuzen das Getose in stoischer Ruhe, immer wieder, es wird gestritten, gelacht, Arien gesungen, sich versöhnt.

Premiere des Theaters Falaise mit der Kompanie Baro d’evel am 11.09.2025 in der Kraftzentrale, im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: RT2025/ Caroline Seidel
Nicht alles fügt sich immer zu einem überzeugenden Ganzen, manchmal aber selten wird die Zeit spürbar, wenn in den Choreografien etwa hektisches Durcheinander herrscht, wo strukturierte Stille und Feinheit die besser Wahl der Mittel gewesen wäre.
Der Abend kulminiert in einem Bild von erschütternder Einfachheit: Auf der Bühne bleiben nur noch das weisse Pferd und eine Darstellerin zurück. „Alles ist zerstört“, klagt sie. Dann wendet sie die Frage an sich selbst: „Aber muss nicht alles auch ein Ende finden, damit etwas Neues beginnen kann?“ In diesem Moment dreht das Pferd seinen Kopf, langsam, eindringlich, hin zum Publikum. Eine stumme Frage, weitergereicht, während sich der Vorhang schliesst.
Falaise ist kein Theater, das Antworten liefert. Es ist eine Erfahrung, ein poetisches Bild unserer Gegenwart: eine Welt im Fallen, die immer wieder neu beginnt. In der Kraftzentrale, dieser Kathedrale der Industrie, die sich für einen Abend in ein Haus der Poesie verwandelte, zeigte Baro d’evel, dass aus Brüchen Schönheit entstehen kann – und dass das Ende vielleicht nichts anderes ist als der Anfang einer anderen Geschichte.
Das grossartige Ensemble: Lucia Bocanegra, Noëmie Bouissou, Camille Decourtye, Blaï Mateu Trias, Oriol Pla, Julian Sicard, Marti Soler, Guillermo Weickert, a horse and pigeons Im exzellenten Bühnenbild von Lluc Castells

Premiere des Theaters Falaise mit der Kompanie Baro d’evel am 11.09.2025 in der Kraftzentrale, im Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: RT2025/ Caroline Seidel
PRODUKTION: Baro d’evel KOPRODUKTION: GREC 2019 festival de Barcelona, Teatre Lliure de Barcelone, Théâtre Garonne, scène européenne, Malraux scène nationale Chambéry Savoie, Théâtre de la Cité – CDN Toulouse Occitanie, Pronomade(s) en Haute-Garonne, CNAR, L’Archipel, scène nationale de Perpignan, MC93 – Maison de la Culture de Seine-Saint-Denis, CIRCa, Pôle National Cirque, Auch Gers Occitanie, Le Grand T, théâtre de Loire Atlantique, le Parvis, scène nationale Tarbes-Pyrénées, Les Halles de Schaerbeek – Bruxelles, L’Estive, scènenationale de Foix et de l’Ariège, le cirque Jules Verne, pôle national cirque, Amiens, la scène nationale d’Albidans le cadre du soutien du FONDOC, Bonlieu, scène nationale d’Annecy, La Comunidad de Madrid (Teatrosdel Canal), le domaine d’O (Montpellier 3M), Houdremont, scène conventionnée de la Courneuve, 2 PôlesCirque en Normandie / La Brèche à Cherbourg – Cirque-Théâtre d’Elbeuf. Projektunterstützung von PYRENART cross-border cooperation project, im Interreg V-A Spain-France-Andorra Programm POCTEFA 2014-2020 – European Regional Development Fund (ERDF) Mit Hilfe von CIRCa, PNC, Auch, Gers, Occitania, Théâtre de la Cité – CDN Toulouse Occitania, La Brèche, pôle national cirque en Cherburgo, Les Pronomade(s) en Alto Garona CNAR, Le Théâtre de Lorient y L’animala l’esquena en Celrà
