WOLVES AT DAWN von Julio Cesar Iglesias Ungo

Die Vertreibung aus dem Paradies…? 

Premiere am 5. Juli 2025 im Alten Schauspielhaus Wuppertal – Pina Bausch Zentrum (under construction)

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Gesehen von Klaus Dilger

Sind es gefallene Engel, die über ein Versuchslabor wachen – ein Ort, an dem die menschliche Spezies neu gezüchtet, vielleicht sogar neu erfunden werden soll? Dieses Bild brennt sich ein. Es gehört zu den eindringlichsten Momenten von WOLVES AT DAWN, jener neuen Arbeit von Julio Cesar Iglesias Ungo, die in der besonderen Atmosphäre des „Pina Bausch Zentrums – under construction“ und den doch eingeschränkten technischen Möglichkeiten zur Uraufführung kam.

Gemeinsam mit neunzehn Absolvent_innen des ArtEZ Dance Bachelor Programms aus Arnheim hat Ungo ein dystopisches Tableau entwickelt, das zugleich von Selbstironie und theatraler Lust durchzogen ist. Die Spielfreude und körperliche Ausdrucksstärke der jungen Performer_innen verleihen dem Stück eine mitreißende Energie – nicht zuletzt, weil ihre individuellen Stärken im Tanz und in der Improvisation spürbar zur Geltung und jeweiligem Raum kommen. Gerade diese Uneinheitlichkeit – das bewusste Vermeiden einer choreografischen Uniformität – macht den Reiz des Abends aus. Und doch zeigt sich darin auch eine Herausforderung.

Wolves-at-Dawn_Julio-Iglesias-Ungo©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Rituelle Bilder, starke Kontraste

Das Publikum wird gleich zu Beginn in eine klare Symbolik geführt: Eine Frau und ein Mann stehen einander „nackt“ gegenüber, durch einen rot glänzenden Apfel miteinander verbunden – ein starkes Bild für den Mythos vom Sündenfall. Im Halbdunkel dahinter liegen weitere Körper am Boden verstreut – „nackt“, reglos, anonym, ausgesetzt.

Drei Performer – darunter der charismatische MACA (Alexis Fernández Ferrera) sowie Javier Alejandro Aguilera Plana und Maikel Pons Barzagas vom Danza Contemporánea de Cuba – durchqueren diese Szenerie in dunklen Overalls, fast wie Forscher, fast wie Aufseher. Ihr kubanischer(?) Livegesang dominiert die Szene – und setzt einen klaren, kulturell geprägten Kontrast zur stummen Masse, die sich erst zögerlich, später eruptiv zu bewegen beginnt.

Die Körperrevolte bleibt jedoch nur ein kurzer Moment: sie verebbt, die Tänzer:innen kleiden sich in weiße Overalls – ein Akt der Anonymisierung, dessen Sinn offen bleibt. Es folgt eine Phase rhythmisch-synchroner Bewegungen, ein flüchtiger Hauch von Kollektivität. Doch auch diese Ordnung löst sich rasch wieder auf: Die Körper reihen sich wie Setzlinge auf, knien in stiller Kontemplation. Während MACA sich spanisch sprechend, gestikulierend und tanzend durch die Reihen bewegt und das Publikum zumeist nur „spanisch“, allenfalls die Gestik versteht, verteilt jemand rote Äpfel aus braunen Körben – einzeln, rituell, persönlich. Ein letzter Akt einer neuen Verführung? Die Vorbereitung des kollektiven, multiplen „Sündenfalls“?

Wolves-at-Dawn_Julio-Iglesias-Ungo©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Zerfall, Erzählung, Erde

Mit einem abrupten Stimmungswechsel kippt die Szene ins Rot – die Farbe der Leidenschaft, des Feuers, vielleicht auch der Hölle. Die Gruppenstruktur zerfällt, die Performer_innen irren durcheinander. Am Ende bleiben nur zwei auf der Bühne. Dann: Ein Lichtkegel öffnet einen Raum für Erzählung – in rasantem Wechsel erzählen, zitieren und performen die Tänzer_innen Fragmente realer oder fiktiver Geschichten, vermischen Erinnerungen mit Fantasie, bringen das Geschehen an einen neuen dramaturgischen Kipppunkt.

Was folgt, ist ein dunkler Epilog: In grauem Licht schleppen einige Performer_innen schwarze Erde über die Bühne, bedecken die reglosen Körper wie bei einem symbolischen Begräbnis. Hölzerne Blumen werden aufgestellt. Das Paar vom Anfang taucht wieder auf – ratlos. Ihre Berührungen sind zart, aber leer. Mit roter Farbe schreibt der Mann ein tastendes „us“ auf den Rücken der Frau, während sie grüne Zeichen auf seinen Körper malt. Sie bläst in ein Spielzeug Windrad das sich dreht, er spielt mit Farbe und einer Sandkastenplastikschaufel. Das Licht verlischt.

Wolves-at-Dawn_Julio-Iglesias-Ungo©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Zwischen Aufbruch und Rohzustand

WOLVES AT DAWN ist eine Arbeit mit manch starken Bildern und sinnlichen Kontrasten, zwischen Überhöhung und Reduktion, Ritual und Anarchie. Sie lebt von der Vitalität der jungen Tänzer_innen, von ihrer Präsenz, Offenheit und Bereitschaft zum Experiment. Gerade das lässt manches dramaturgisch Unfertige verzeihen – etwa die Längen im Mittelteil, in denen sich Bewegungsansätze und Bedeutungsangebote nicht immer zu einer klaren Linie fügen. Auch manche Übergänge wirken improvisiert, teils zu abrupt, teils zu beliebig.

Doch gerade in dieser Rohheit liegt auch ein Reiz: Die Arbeit wirkt wie ein kollektives Forschen, ein Versuch, Sinn aus der Gegenwart zu schlagen – mit Körpern, Gesten, Stimmen. Sie ist ebenso Suche wie Behauptung, ebenso Inszenierung wie Öffnung. Dass dabei nicht alles gelingt, ist weniger Mangel als Ausdruck eines offenen künstlerischen Prozesses, der auch gerade in einem solchen Ausbildungskontext wichtig ist.

Am Ende: großer Applaus für alle Beteiligten – und ein Abend, der zeigt, welches Potenzial in dieser Verbindung steckt. Man wünscht dieser Arbeit – und ihren Performer:innen – mehr Raum und Zeit zur Weiterentwicklung.

Wolves-at-Dawn_Julio-Iglesias-Ungo©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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