„The Silent Waltz of Shadows“ in Wuppertal
Ein Haus der Spiegel und Vielfältigkeit
„Der stille Walzer der Schatten“ öffnet sich für das zum mitmachen eingeladene Publikum der INSEL in Wuppertal
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von Klaus Dilger
Es ist ein eigentümlicher Reiz, Francesco Vecchiones „Der stille Walzer der Schatten“ mit zu erleben: Man tritt in ein Haus voller Spiegel, doch die Spiegel reflektieren nicht – sie vervielfältigen, zersplittern, hinterfragen. Das Stück ist eine Choreografie des Selbst, oder besser: der Selbstheiten – instabil, vielschichtig, ständig beobachtet und beobachtend. Vecchiones Bühne ist kein Theater im herkömmlichen Sinne, sondern ein philosophisches und psychologisches Labor, ein Grenzraum, in dem Identität nicht entdeckt, sondern inszeniert, befragt und geteilt wird.
Damit steht das Werk in unmittelbarem Dialog mit Pirandellos Uno, nessuno e centomila. Wie Pirandellos Protagonist, der sich in den Blicken anderer verstreut wiederfindet, verkörpert Vecchione die Unmöglichkeit der Singularität. Seine Bewegungen sind gespannt, oft angespannt, selten ruhend, finden nur in flüchtigen Intimitäten mit seiner Tanzpartnerin kurze Momente des Durchatmens. Die beiden Tänzerinnen und der Tänzer, alle tänzerisch überzeugend, bewegen sich traumwandlerisch sicher durch den erstaunlich wandlungsfähigen Raum, der samt Publikum zur Bühneneinheit wird und erzeugen so einen unaufhörlichen Fluss des Bewusstseins von Vergangenheit, Hier und Jetzt.
Die Musik fungiert als philosophische Gesprächspartnerin. Arvo Pärts Fratres öffnet eine Wunde zur Ewigkeit; Schuberts Der Tod und das Mädchen flüstert von der Endlichkeit; Caruso und Donizetti erinnern an die theatralische Kraft der Liebe; Louis Armstrong und Nick Cave verankern das Publikum wieder in der menschlichen Gemeinschaft. Zusammen ergeben diese musikalischen Kontraste ein Geflecht von Widersprüchen: erhaben und grotesk, melancholisch und verspielt, einsam und gemeinschaftlich – wie die Selbstheiten, die wir bewohnen.
Vecchiones Unterbrechungen, in denen das Publikum in die entstehende Performance einbezogen wird, sind stets menschlich berührend, dabei zugleich komisch und irritierend. Sie erinnern daran, dass Identität niemals isoliert existiert. Nach Jean-Luc Nancy ist Sein immer ein „Sein-mit“: Das Selbst konstituiert sich nicht allein, sondern in Ko-Existenz. Lachen, Zögern, Teilhabe – jede Geste aus dem Publikum wird Teil der Choreografie, ein stilles Bekenntnis dazu, dass das Leben relational, instabil und improvisatorisch ist.
Hier liegt das Paradox von „Der stille Walzer der Schatten“: Persönliches Material wird zu einem kollektiven Ritual transformiert. Schatten, die zu fesseln scheinen, werden zu Begleitern, die uns durch die Korridore der Selbstheit führen. Der Aufführungsort INSEL spiegelt diese Flexibilität. Einst für eine veritable Theaterbühne in Neapel entworfen (als „La mia amica ombra“), öffnet das Stück sich nun für Nähe, Improvisation und das sanfte Chaos menschlicher Interaktion und fügt sich fast nahtlos in diese ungeheuer flexibel erscheinende Spielstätte in Wuppertal ein.
Das Stück hinterlässt keine fertigen Antworten, nur Spuren: eine Reflexion, eine Spannung, ein flüchtiges Wiedererkennen der Vielheit. Doch es bedrückt nicht, es überwältigt nicht. Im Gegenteil: Es ist still, subtil, voller Freude – eine Erinnerung daran, dass unsere fragmentierten Selbstheiten, unsere Schatten, keine Defekte, sondern Einladungen zur Verbindung sind. Wer Vecchiones Werk erlebt, betritt einen Raum, in dem Spiegel nicht nur reflektieren, sondern miteinander sprechen; in dem das Selbst niemals einsam ist; und in dem das Publikum selbst zu einem Schatten, zu einer tanzenden Präsenz in einem gemeinsamen existenziellen Experiment wird. So zumindest könnte Vecchiones Ansatz lauten.
„Der stille Walzer der Schatten“ ist keine Performance, die man unverändert verlässt. Sie ist eine zarte Probe des „Sein-mit“, des Seins in steter Co-Existenz, eine flüchtige Begegnung mit der wunderbaren Komplexität unserer gemeinsamen Menschlichkeit – ein stiller Walzer, in dem alle Schatten tanzen. Und doch ist sie auch ein stummer Schrei, dessen spürbare Verzweiflung nicht immer hergeleitet wird, aber der in den herbeigeführten Brüchen mit dem Publikum als Rätsel bestehen bleibt. Ob so Heilung und Versöhnung entstehen können?
Choreography & Direction – Francesco Vecchione Dance & Co-Choreography – Maria Anzivino, Sophia Otto, Antonio Tello – Sound Design – Jan Van Triest – Stage Design – Francesco Vecchione – Lighting – Julio Escobar, Francesco Vecchione – Costume Design – Leandro Fabbri, Francesco Vecchione – Text – Manuela Barbato, Francesco Vecchione – Co-Production – Francesco Vecchione, INSEL, ArtGarage DanceCo- with the support of Kulturbüro Wuppertal and Sparkasse Wuppertal – special thanks to Bettina Milz and the Pina Bausch Zentrum


