Ruhrtriennale 2025 eröffnet:

ER TAT ES AUF SEINE WEISE… SCHON WIEDER!


Ivo van Hove eröffnet die Ruhrtriennale 2025 mit der Nicht-Inszenierung von I Did It My Way

Was ist nur so gründlich schiefgelaufen? fragt sich der Rezensent im Rückblick auf diesen Abend.

fragt Klaus Dilger

Im letzten Jahr machte sich die „Oscar-Nominierte“ Sandra Hüller auf die Suche nach absoluter Schönheit („I Want Absolute Beauty“) und einem Musik-Theater, das aus der Aneinanderreihung von 26 PJ Harvey Songs entstehen sollte. Unterstützt wurde sie dabei von acht Tänzerinnen und Tänzer des Ballet National de Marseille (La Horde) und einem Gastauftritt Isabelle Hupperts.

In diesem Jahr, zur Eröffnung der Ruhrtriennale, suchen Lars Eidinger, zusammen mit zwei Tänzerinnen und zwei Tänzern der Compagnie Faso Danse Théâtre aus Belgien und der Sängerin | Songwriterin Larissa Sirah Herden, in ihrer ersten Theaterproduktion, zu 29 Songs von Frank Sinatra und Nina Simone, nach einem Musik-Theater und der Antwort auf die Frage, was diese Songs und die Menschen verbindet und trennt in einem „Amerika“, das aus den Fassaden des „American Dreams“,  des amerikanischen Traums, und den dahinter liegenden Abgründen besteht.

Das hätte spannend werden können. Auch angesichts der erschreckenden Entwicklungen unter Donald Trump, die uns alle angehen werden.

Ivo van Hove hat sich für „I DID IT MY WAY“ von Jan Versweyveld, seinem langjährigen Bühnen- und Lichtdesigner (und Ehemann), als szenischen Rahmen die Vorderseite eines „farblos“ wirkenden, weiß gestrichenen zweistöckigen Kleinstadthauses in die Jahrhunderthalle bauen lassen, auf dessen Dach (kaum sichtbar) die Big Band als Orchester untergebracht ist, um von dort oben die musikalischen Arrangements (gekonnt und einfühlsam) zu steuern.

Sechs kleine Fenster en face, seitlich links der überdachte Ein- und Ausgang, rechts frontal eine schmale Glastür (zum Hinterhof?), eine übergroße Straßenlaterne, ein paar Pfützen (Watertown?) und viel Nichts, das die Akteure mit ihren Songs und Handlung hätten füllen müssen.

Nur wenn sich die Jalousien an den Hausöffnungen elektrisch schließen, wird die Fassade (und die Produktion) lebendig. Dann nämlich mutiert diese zur Projektionsfläche von Bildern und Historie und das Stück zum Stummfilm-Kino mit Gesang. (Davon später mehr)

Inspiration zu van Hoves Vision eines neuen Musiktheaters lieferte Sinatras Konzeptalbum „Watertown“ (wie das Programmheft erzählt).

In dieser fiktiven Kleinstadt-Erzählung geht es um einen Mann, der, zusammen mit den beiden Söhnen, eines Morgens, ohne erkennbare Entwicklung und Vorgeschichte, mit einem einfachen „Good Bye“ von seiner Frau verlassen wird.

Fortan versucht er, in dieser „Umgebung“, die angeblich nur Idylle aber keinen Aufbruch kennt, die plötzliche Trennung zu begreifen und zu überwinden. Da in Sinatras Watertown-Songs, die weibliche Perspektive, Gründe und Erklärungen fehlen, haben van Hove und sein Dramaturg Koen Tachelet Songs von Nina Simone gewählt, um diese Leerstelle zu füllen, wie aus einem Podcast der Ruhrtriennale zur Einführung des Stückes zu erfahren ist.

Aber es ist nicht Frank Sinatra, sondern ein Namenloser weißer Mann (Lars Eidinger), samt zwei namenlosen weißen Kindern, Schatten, Doubles? (die Tänzer Marco Labellarte und Samuel Planas) die von einer namenlosen schwarzen Frau (Larissa Sirah Herden) und nicht von Nina Simone, verlassen werden, gemeinsam mit deren Schwestern, Schatten, Doubles? (die Tänzerinnen Ida Faho und Sylvie Sanou). Und doch gibt ihnen die Regie außer  29 Liedern dieser beiden Musik-Ikonen, keinen weiteren Text, außer den beiden Worten „see you“, um diese Seelenlandschaften und Gefühltopografien auszuloten, die vielleicht hätten entdeckt werden können bei etwas Entschiedenheit seitens der Regie.

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove.-Lars-Eidinger-Larissa-Sirah-Herden-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove.-Lars-Eidinger-Larissa-Sirah-Herden-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025

Dabei ist es zunächst ganz gleich ob es um Sinatra und Simone als fiktives ungleiches Paar oder um ein Namenloses geht, denn die Lieder, deren Texte simultan unter die Dachkante projiziert werden, treten nur äußerst bedingt und konstruiert in einen Dialog miteinander. Hilfreich ist das nicht, weder für das Publikum noch für die Darsteller.

Welches Leben, welches Schicksal, welches Sein soll hier relevant und lebendig werden?

„…hier wird eine Beziehung beschrieben, wo man gemeinsam ist und doch getrennt darüber, dass man sich eigentlich fremd ist und nicht erkennt. Unsere westliche Welt und ihr Narrativ sind weiß- und männerdominiert. Hier bekommt die Schwarze Frau den Raum, sich zu äußern, zu erkennen und erkennen zu geben. Es geht um Emanzipation und richtet sich gegen Diskriminierung und Unterdrückung von Frauen und People of Color. Allegorisch steht dafür das Paar, das sich voneinander entfernt, um sich einander anzunähern, das in die Reflexion geht, um sich zu erkennen. Der Mann kreist um sich selbst und betrauert das Verlassen sein, während sich die Frau für gesellschaftliche Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit einsetzt.“ sagt Lars Eidinger im Interview (Zitat aus dem Programmheft). Doch all dies geschieht bei van Hove bestenfalls aus einer Bebilderung zu den jeweiligen Songs von Nina Simone, die Larissa Sirah Herden mit ihrer Stimme ausgezeichnet und kraftvoll interpretiert, am eindringlichsten wohl mit „Strange Fruit“ in Verbindung mit dem eingangs zitierten „Stummfilm-Kino“, wenn die Projektion unendlich langsam aus einem Foto herauszoomt, das eine Gruppe Weisser zeigt, die einer Lynchjustiz an zwei schwarzen Männern beiwohnt.

Hier wird Nina Simone die Bürgerrechtlerin, ihr Lied geht unter die Haut und Larissa, die namenlose schwarze Frau wird Nina Simone durch ihren Gesang.

Doch wo wird Frank Sinatra der namenlose weisse Mann und wo Lars Eidinger Frank Sinatra?

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025

Dass Lars Eidinger singen kann steht ausser Frage, aber er ist kein Sänger im Stil eines Frank Sinatra und er ist klug genug, das zu wissen. Also hätte es ja nur darum gehen können, den Mensch hinter den Liederzeilen sichtbar werden zu lassen. Wen oder was aber hätte er in dieser Konstellation auszuloten und zu verkörpern gehabt?

Eidinger ist ein begabter Mover, aber Serge Aimé Coulibaly findet als Choreograph keine Sprache, um im und mit dem Tanz weitere Ebenen für die Performer zu entwickeln und dem Stück eine Architektur und Tiefe zu verleihen, die hier so schmerzlich vermisst wird. Ebenso wenig Jan Versweyveld als Lichtdesigner: seine Lichtwechsel erschaffen keine Dimensionen, sondern allenfalls „Abwechslung“. Nur einen winzigen Augenblick lang trifft diese Feststellung nicht zu: wenn eine der Tänzerinnen für wenige Sekunden mit ihrem eigenen Schatten auf der bürgerlichen Hausfassade tanzt…

Wo war die Regie, wo war Ivo van Hove, bei seiner Eröffnungsinszenierung in 2025 bei einem der höchstgeförderten Kunstfestivals der Welt, dessen beste Momente Stummfilm-Kino mit Gesang waren?

Was ist da so schief gelaufen? fragt sich der Rezensent im Rückblick auf den Abend, den das Publikum vermutlich längst vergessen hat… immer wieder. Schade auch um Lars Eidinger, der hätte soviel mehr geben und sein können. Damit wird er insbesondere, aber auch alle anderen, von denen schon so viel Besseres zu sehen war, nicht zufrieden sein (können). Dennoch: Standing Ovations und alle Vorstellungen (noch bis zum 31.8.) ausverkauft…

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025

I-Did-It-My-Way-Regie-Ivo-Van-Hove-c-Jan-Versweyveld-Ruhrtriennale-2025