Zweiter „Nachwuchsabend“ in Krefeld

Leichtfüßige Selbstreflexion

Marie-Lena Kaiser stellt „Nah“ bei „First & Further Steps“ in der Fabrik Heeder vor

Nachtkritik von Bettina Trouwborst

Marie-Lena Kaiser gehört innerhalb der Reihe „First & Further Steps“ des Krefelder Kulturbüros eindeutig in die Kategorie „Further Steps“. Schon 2019 präsentierte die Essenerin mit der federleichten Tanzpersiflage „Ariodante“ zu Händels gleichnamiger Barockoper ihren ersten Abendfüller – ein grandioser Talentbeweis. Nach kleineren Stücken brachte die Folkwang-Absolventin und Stipendiatin des Fellowship Pina Bausch (2018) ihre zweite abendfüllende Produktion „Nah“ heraus, mit der sie nun in der Krefelder Fabrik Heeder gastierte.

„Hallo“ grüßt der filigrane Tänzer Jordan Gigout in einer überzeugenden  Charmeoffensive, als Zuschauerinnen und Zuschauer an der Tribüne vorbei die Bühne betreten. Sie nehmen Platz auf Stühlen, Kissen oder silbernen Rechtecken. Die Atmosphäre ist ungewohnt locker. Das Publikum und die fünf Akteur*innen beäugen einander mit unverhohlenem Interesse. Tänzerin Kati nimmt das Mikrofon und erläutert die Spielanleitung, wobei sie ständig wechselt zwischen Du und Sie. „Nah“ ist, wie wir erfahren, kein partizipatives Stück, Publikum bleibt Publikum, Künstler*innen bleiben Künstler*innen. Dennoch werden beide Seiten einander nahekommen. Die Performer*innen werden uns ihre Bewegungen erklären und uns zwischendurch auffordern, die Plätze zu wechseln zwecks Perspektivwechsel – aber nur, wenn wir auch mögen. Das wäre geklärt. Kati legt das Mikro weg und beginnt, wie andere Tänzer*innen zu performen. Entspannte Unruhe.

NAH_Marie-Lena-Kaiser©TANZweb.org_Klaus-Dilger

NAH_Marie-Lena-Kaiser©TANZweb.org_Klaus-Dilger

Das Bewegungsvokabular ist eigenwillig. Kati stützt sich auf ihre Unterarme, Handflächen nach oben, hält dabei das Becken verdreht. Andere Varianten von Liegestützen zeigen die anderen – kopfüber, auf einem Knie, auf der Seite liegend. Dazu ein nerviges Sirren. Überhaupt, die Soundcollage ist teilweise so laut, dass es kaum möglich ist zu verstehen, was im vertrauensvollen Zwiegespräch die Performer*innen mitteilen möchten. So wie Johannes. Durchaus interessant ist seine Innensicht der Choreografie. Sie hätten alle die Aufgabe, erzählt er, mit dem Körpergewicht zu arbeiten. Dabei würden sie einzelne Teile des Körpers vom Boden heben. Aha, daher also diese verdrehten Balancen. Johannes mischt sich wieder unter die Tanzenden.

Es gibt durchaus Parallelen zu „Ariodante“: die leichtfüßige Selbstreflexion des choreografieren Gewerbes, das teilweise ad absurdum geführte Bewegungsvokabular, das heitere Spiel mit dem Publikum, um die klassischen Theaterstrukturen zu überwinden. Doch ist „Nah“ kein theatrales Stück, ohne Handlungsfaden, ohne rechte Tiefe. Während die Tanzsequenzen immer komplexer werden, sorgt ein Teil des Ensembles  respektvoll dafür, dass die Zuschauenden enger zusammenrücken. Ab dieser Phase wird das Stück zunehmend schwächer. Wenn schließlich nur noch die Zuschauer*innen nah beisammen hocken, das Ensemble verschwunden ist, wird das Publikum ausgelassen, ja übermütig und tanzt seine eigenen Tänze.  Kein partizipatives Stück? Formal nicht, gefühlt durchaus. Der Tiefpunkt ist erreicht. Zum großen Finale kommt das Quintett noch mal zusammen, um in Anspielung an „Schwanensee“ den Pas de Quatre auf seine Weise zu interpretieren. Und, um die letzte Beckenschwung-Sequenz vom Publikum per Stoppuhr runterzählen zu lassen.

Es kommt selten vor, dass ein Publikum des zeitgenössischen Tanzes lächelnd und beschwingt eine Vorstellung verlässt. Marie-Lena Kaisers Konzept ist gar nicht schlecht, nur ist es ihr irgendwann entglitten.

NAH_Marie-Lena-Kaiser©TANZweb.org_Klaus-Dilger

NAH_Marie-Lena-Kaiser©TANZweb.org_Klaus-Dilger