Podiumsdiskussion zum Pina Bausch Zentrum –
Viel Publikum, wenig Vision
Der Förderverein für das Pina Bausch Zentrum hatte in das ehemalige Schauspielhaus und geplante Pina Bausch Zentrum eingeladen, um im Vorfeld der Kommunalwahl in einer öffentlichen Podiumsdiskussion herauszufinden, wo die Kandidatinnen und Kandidaten für die Oberbürgermeister(innen)-Wahl mit ihren kulturpolitischen Positionen stehen
HIER GEHT ES ZU UNSEREM KOMMENTAR
von Klaus Dilger
• Welche Vision haben Sie für das Pina Bausch Zentrum?
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Welche Rolle spielt Kultur in ihrer Vorstellung von Stadtentwicklung, Bildung und Gemeinwohl?
Diesen Fragen stellten sich:
Marcel Hafke (FDP), Matthias Nocke (CDU), Selly Wane (Stark und Bunt), Guido Gallenkamp (parteilos), Susanne Herhaus (BSW), Henrik Dahlmann (Freie Wähler), Miriam Scherff (SPD), Dagmar Liste-Frinker (Grüne), Mira Lehner (Die Partei), Salvador Oberhaus (Die Linke), Hartmut Beucker (AfD)
Und sehr, sehr viele Interessierte, wohl auch im Gefolge der Kandidat_innen, wollten Zeuge der Veranstaltung werden.
Moderiert wurde die Veranstaltung von Ina Kiesewetter (WDR), und Lothar Leuschen (WZ), die sich für eine Abwandlung des sogenannten „Fish-Bowl“ Diskussionsformat entschieden hatten, indem die Kandidaten und Kandidatinnen nach Auslosung aufgeteilt wurden, um in drei kleineren Gruppen zu diskutieren, wobei ein „freier“ Platz in der jeweiligen Runde, die Chance für das Publikum (oder einen Konkurrenten) zur Verfügung stand, um jederzeit eine Frage zu stellen und so in die Diskussion einzugreifen.
WELCHE VISIONEN?
Viele werden sich sehr schnell gefragt haben, über welche eigenen Visionen für das beabsichtigte Pina Bausch Zentrum jemand diskutieren oder gar solche entwickeln kann, wenn er oder sie, zum Teil schon Jahrzehnte in Wuppertal lebt, bisher aber noch nie die Neugier oder das Interesse entwickelt hatte, sich die Kunst von Pina Bausch anzusehen und zu erleben? – So jedenfalls das Ergebnis auf die erste Kurzfrage des Moderatoren-Teams, wer denn schon einmal ein Stück von Pina Bausch gesehen habe? Hierbei mussten die Meisten passen.
Wie also kann er oder sie vor diesem Hintergrund beurteilen, welche Bedeutung ein solches Zentrum haben kann und ob das „Konzept“ von Stefan Hilterhaus aus dem Jahr 2012 noch oder überhaupt die Qualität oder den Wert hat, als Basis des geplanten Zentrums herzuhalten? Wie gar die Notwendigkeiten eines Raumkonzepts daraus ableiten?
Auch die Vorab-Frage des Moderatoren-Teams, noch an die gesamte Kandidaten-Reihe gerichtet, „was ist Kultur?“, liess kaum profunde Antworten erwarten, zumal sie nicht gefolgt war von der eigentlich bedeutenderen Frage, im Hinblick auf das Kernthema der Machbarkeit und Notwendigkeit „Pina Bausch Zentrum“: „Was ist Kunst und deren Rolle für eine Gesellschaft?“
So war das Ergebnis der Fragerunde ebenso beliebig wie vorhersehbar, Kultur und Kunst wurden begrifflich stets verwechselt oder nicht differenziert und wer später antwortete, tat dies oft mit der Wiederholung bereits genannter Allgemeinplätze.
Vielleicht ist es naiv zu wünschen, dass sich Menschen, die einer Stadt der Grössenordnung Wuppertals als Oberbürgermeister(in) Gesicht und Profil verleihen wollen, auch ein bedeutendes kulturelles Anliegen oder Projekt haben müssten, wie etwa in Frankreich ganz selbstverständliche Voraussetzung. Wie aber sonst wollen und werden sie, ohne Kunst, Antworten auf die gewaltigen Fragen der Gegenwart und Zukunft finden können?
„ Welche Bedeutung hat die Kultur für Wuppertal?“
So die Frage an das erste „Fish-Boal“-Podium mit Miriam Scherff (SPD), Selly Wane („Stark und bunt“), Marcel Hafke (FDP) und Matthias Nocke (CDU) – Und sie alle antworteten aus einem ähnlichen Blickwinkel gegenüber einem vermeintlich anwesenden Klientel, das vor allem Kunst- und Kultur affin denkt, aber so, als ginge es um die EINE Kultur, anstatt sich des Themas in seiner eigentlichen Problematik anzunehmen: insbesondere in Wuppertal leben so viele Kulturen nebeneinander, dass im Grunde die Gefahr besteht, dass sich die Stadt in Parallelgesellschaften verliert, auch wenn die verschiedenen Kulturen hier zumeist in friedlicher Koexistenz leben, was durchaus keine Selbstverständlichkeit darstelltet, wie die Erfahrungen aus vielen Grossstädten zeigen.
Wie und wodurch also könnte der Wunsch an einer gemeinsamen Arbeit an der Zukunft der Stadt entstehen und so erfolgen, dass sich diese auch in den einzelnen Teilen dieser multi-kulturellen Gesellschaft wiederfindet?
Damit wäre auch die Frage verbunden, wie es denn gelingen kann das PBZ als einen solchen Raum der Ermöglichung für alle begreifbar und attraktiv zu machen?
STANDORTFAKTOR
Für die Befragten ist Kultur ein (wichtiger) Standortfaktor, wenngleich sie sich darin einig schienen, dass es in der Vermarktung dieses Faktors noch erheblich Luft nach Oben gäbe, sowohl in der Aussenansicht, als auch in der Innensicht, wie Selly Wane betont, die die Wuppertaler Kulturschaffenden nicht genug beachtet findet, ehe sie lautstark von einer Gruppe Kostümierter unterbrochen wird, die dem Autonomen Zentrum angehörten und sich ihre Beachtung mit Hilfe ihres Auftritts samt Megafon erstreiten wollten.
Nach diesem kurzen Intermezzo und im Zusammenhang mit der Standortfrage, tauchte erstmals auch das zweite Wuppertaler „Grossprojekt“ in der Diskussion auf, die Bundesgartenschau, zu der später im Fragen-Komplex zur Priorität des Pina Bausch Zentrums expliziter Stellung genommen wurde. Letztlich schwebt über der Diskussion stets die Frage, was sich Wuppertal leisten kann und will.
„Wie wollen Sie als OB den Rat hinter sich bringen, um die Finanzierung der Freien Kulturszene zu sichern?“, lenkte denn auch die erste Frage aus dem Publikum das Augenmerk auf die Sorge, für die sogenannte „Freie Szene“ bliebe im Kanon der freiwilligen Leistungen der Kommune keine Ressourcen mehr übrig. Ein komplexes und kompliziertes Thema und Gefüge, das in dieser Runde wohl lauten sollte: „Wie wichtig ist Ihnen die Freie Szene“? Konkrete Antworten auf den Status Quo der Finanzen konnte nur der jetzige Kulturdezernent Matthias Nocke geben –
Welche Bedeutung haben Pina Bausch und der internationale Tanz für Wuppertal?
Mit dieser konkreter werdenden Frage, explizit auf Pina Bausch und den Internationalen Tanz gerichtet, sollte sich im Anschluss die zweite Gruppe beschäftigen. Diese bestand aus Henrik Dahlmann (Freie Wähler), Guido Gallenkamp (parteilos), Susanne Herhaus (BSW) und Mira Lehner (Die Partei).
Doch wie antworten, wenn (siehe Oben) die eigene Erfahrung fehlt? Mehr als eine persönliche Positionierung durfte also nicht erwartet werden, die einerseits den Stand der bisherigen Kommunikation zum geplanten Pina Bausch Zentrum widerspiegelte, andererseits auch die Defizite in der Auseinandersetzung offenbarte: für Mira Lehner ist das Projekt, ebenso wie das Tanztheater, die für Viele unbezahlbare Hochkultur und sie lehnt sie daher ab (Hinweis aus dem Publikum: Karten für das Tanztheater gibt es schon ab 7Euro50 – anderer Hinweis: Karten für ein Pop-Konzert kosten teilweise weit über 100 Euro, die sich tausende leisten wollen).
Die anderen Kandidatinnen und Kandidaten äussern sich befürwortend. Hier kommen erstmals auch konkrete Zitate zu den angeblichen (Betriebs-)Kosten, ohne jedoch hinterfragt zu werden.
Ganz ähnlich stellt sich die Qualität der dritten Runde zur Frage dar:
„Ist der Neubau für das Pina Bausch Zentrum nötig?“
Hartmut Beucker (AfD), Dagmar Liste-Frinker (Grüne) und Salvador Oberhaus (Die Linke) waren sich einig: Ja, der Neubau sei notwendig.
Erstaunlich hierbei, dass nicht über die Kosten, Nutzen und die Verteilung der Lasten bei der Finanzierung diskutiert wurde. Auch nicht über die Frage, wieviele Bühnen und Proberäume es bedarf, um alle vorgesehenen Aktivitäten umzusetzen. Alle zitierten die Darstellung von Bettina Milz, die als Koordinatorin das Pina Bausch Zentrum – under construction verantwortet. Weder Zahlen noch Inhalte werden hinterfragt oder auf den Prüfstand gestellt. Beucker sprach als Einziger konkret von „40 Millionen verteilt auf 40 Jahre Abschreibung…“, ohne zu benennen, worauf er sich denn genau bezieht.
Und letztlich die Frage (aus dem Publikum) an alle Kandidatinnen und Kandidaten, welche Priorität sie denn dem Pina Bausch Zentrum einräumen würden, gemessen an den anderen Aufgaben und Projekten der Stadt?
In aller Kürze:
Marcel Hafke (FDP) befürwortet zunächst die Renovierung des Bestands,
Matthias Nocke (CDU) Erste Priorität ist die Handlungsfähigkeit der Stadt, dann als Zweites Schulen und das PBZ,
Selly Wane (Stark und Bunt) Ja aber…,
Guido Gallenkamp (parteilos) Ja – vor einer BuGa,
Susanne Herhaus (BSW) Erste Priorität Soziale Aufgaben, dann Kultur,
Henrik Dahlmann (Freie Wähler) Ja – vor einer BuGa,
Miriam Scherff (SPD) will sich nicht entscheiden,
Dagmar Liste-Frinker (Grüne) Hohe Priorität, aber…,
Mira Lehner (Die Partei) …….,
Salvador Oberhaus (Die Linke) Ja – vor einer BuGa,
Hartmut Beucker (AfD) Ja, sonst machen wir uns lächerlich…
FAZIT
Ob der einladende Förderverein für das Pina Bausch Zentrum mit dieser Veranstaltung zufrieden sein kann?
Mit dem Publikumsinteresse sicherlich ja, denn dies war gemessen an deren sonstige Veranstaltungen enorm. Die Antworten der Kandidatinnen und Kandidaten entsprachen zumeist dem Niveau der Fragen – will heissen:
Wer sich als Publikum erhofft hatte, einen fundierten und profunden Schlagabtausch zu erleben, bei dem bereits mit Themen- und Fragestellung den OB-Bewerber_innen gründlich auf den Zahn gefühlt würde, der muss enttäuscht, teilweise sogar entsetzt gewesen sein.
Natürlich erhoffte sich der Förderverein, der ja Partei übergreifend das Projekt unterstützt, die Erneuerung der breiten Zustimmung und natürlich schwang ein wenig auch das Thema „Wahlempfehlung“ mit bei dieser Veranstaltung, die nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass eine „Vision für das Pina Bausch Zentrum“, wie sie abgefragt werden sollte, schlicht bei den Wenigsten vorhanden ist.


