PLAYGROUND und TANZ.TAUSCH
Sound Walk mit merighi | mercy in Wuppertal-Barmen
Eine künstlerische Stadtbegehung mit schönen Momenten – und starken Performer_innen
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begleitet von Klaus Dilger
Ein warmer Samstagnachmittag. Trotz drohendem Regen wartet eine größere Gruppe voll Neugier und Kopfhörern und wachen Blicken in der Wuppertaler Alarichstrasse auf: Tanz.
Der Sound Walk von merighi | mercy, er führte sein Publikum durch Straßen, Plätze und Treppen Wuppertal-Barmens – und suchte dabei die Schnittstelle von urbanem Alltag, Klangkunst und Bewegung und setzte überraschende Farbtupfer im Grau der Stadt. – Ein Format, das den Nerv der Zeit trifft und zugleich von seinen Macher_innen viel verlangt: dramaturgisches Gespür, technische Präzision und künstlerische Sensibilität.
Stattgefunden hatte er im Rahmen von PLAYGROUND, einem Minifestival, veranstaltet von TanzStation, tanzrauschen und moovy, zusammen mit dem Kölner Label „tanz.tausch“, das vor mehr als zehn Jahren in Köln als vielversprechendes „Festivalformat“ begonnen hatte und nun erstmals in Wuppertal gastierte.
Dass der Sound Walk am Ende als positive Erfahrung in Erinnerung bleibt, ist in erster Linie den Tänzer_innen zu verdanken. Brunella Sabatino, Kenji Shinohe, Joy Kammin, Mihyun Ko und Stsiapan Hurski überzeugten mit feinen, präzisen Miniaturen im Stadtraum. Ob an einer unscheinbaren Hausecke, auf einer Rampe, die Teil der „Nordbahn-Trasse“ ist, oder zwischen parkenden Autos – sie nahmen die Orte ernst, statt sie nur zu „bespielen“. Ihre Präsenz war unmittelbar, ihre Bewegungen oft poetisch und kraftvoll zugleich, manchmal nur spielerisch. Es ist ihr sensibles Gespür für Timing, Kontakt und Atmosphäre, das dem Spaziergang seine Dichte verlieh – und ihm jene Würde, die ein Projekt im öffentlichen Raum braucht, um nicht im Vorübergehen zu verpuffen.
Die Herausforderung: Technik und Tonspur
Weniger geglückt erwies sich die Umsetzung des Sound-Teils des „Spaziergangs“. Zwar ist das Prinzip – QR-Code scannen, Audios über das eigene Smartphone abspielen – grundsätzlich niedrigschwellig, aber in der Praxis hakte es: Eine rudimentäre bis unklare Einführung zu Beginn (Thusnelda Mercy), gepaart mit einer nicht geringen Zahl an Menschen, die erstmals mit dieser Technik in Berührung kamen, sorgte dafür, dass viele Teilnehmende die Klangspur nicht korrekt starten konnten oder über mehrere Stationen hinweg in einem Eröffnungsloop gefangen blieben: ausgerechnet die erste Dauerschleife der Tonkulisse war ein wenig zu banal geraten, so dass die noch Wartenden ausgeschaltet und beim restart wohl den „Automatik-Modus“ der Führung verlassen hatten. Schade, denn die Verbindung von Sound und Choreografie sollte eigentlich zentraler Bestandteil des Erlebnisses sein.
Aber auch inhaltlich blieb das Sounddesign von Mikel R. Nieto hinter den Möglichkeiten zurück. Atmosphärisch, ja – aber die eingesprochenen Texte wirkten oft so allgemein und austauschbar, ohne wirkliche Verankerung im Ort oder Bezug zur Situation, dass der akustische Teil des Walks eher als Behauptung, denn als tragendes Element, und letztlich störend wahrgenommen wurde. Und so manche(r) entledigte sich seiner Ohrhörer auf halber Strecke. Wer sich so ganz auf die Präsenz, Zeichen und Bewegungen der Performer_innen konzentrierte, konnte dennoch oder auch deshalb eine fokusierte, fast meditative Qualität erfahren – eine Entschleunigung mitten in der Stadt.
Ein Trend mit Potenzial – und mit Fallstricken
Formate wie der Sound Walk sind derzeit stark im Kommen. Künstlerische Spaziergänge, partizipative Klanginstallationen, choreografierte Stadtführungen – all das verspricht Zugang, Erkundung, Teilhabe. Nicht zuletzt, weil es sich gut mit kulturpolitischen Themen wie Digitalisierung, Inklusion und Stadtraumaktivierung verbinden lässt – und damit auch für Förderprogramme attraktiv erscheint. Doch: Nicht jedes Projekt erreicht die notwendige Tiefe, nicht jede mediale Schnittstelle funktioniert nahtlos. Das zeigte sich auch hier.
Gleichzeitig wird deutlich, wie viel künstlerische Kraft entstehen kann, wenn Tänzer_innen in der Lage sind, selbst abstrakte, technisch problematische oder dramaturgisch schwache Setzungen mit Leben zu füllen. In Wuppertal-Barmen waren es diese fünf Körper, ihre Präzision, ihre Ruhe und ihre Präsenz, die nicht nur die „Mitgehenden“, sondern auch das Publikum fesselten, als die Prozession in der Stadtmitte angelangt war. Die Stadt wurde zur Bühne – nicht technisch, sondern weil sich dort Menschen bewegten, die etwas zu erzählen hatten, mit offenen Armen und Hingabe, die bunt waren und Akzente setzten gegen das oft triste Grau der Stadt.
Trotz technischer Mängel und konzeptioneller Schwächen bot der Sound Walk eine positive Erfahrung. Die Performer_innen trugen das Projekt – sie ließen Orte vielleicht nicht neu erscheinen, aber sie schenkten in ihren besten Augenblicken den Orten eine Bewegung. Es sind diese Momente, in denen Tanz in den Alltag eindringt – leise, konzentriert, eindrucksvoll. Und das ist, trotz aller Kritik, eine beachtliche Leistung.


