Nazareth Panadero und Michael Strecker
SPURENSUCHE
Uraufführung am vergangenen Wochenende im ehemaligen Schauspielhaus Wuppertal
gesehen von Klaus Dilger
HIER geht es als Erinnerung zur fulminanten Inszenierung von TWO DIE FOR (2019) von Panadero|Strecker
Die Fragen, die My Home, No Home stellt, sind von existenzieller Wucht: Was ist ein Zuhause, wenn es nicht mehr bewohnt werden kann? Was bleibt von Nähe, wenn die gemeinsamen Räume verschwinden? Und wie schreibt sich Erinnerung in den Körper ein, wenn die Orte, an denen sie entstanden ist, nicht mehr zugänglich sind?
Ausgehend von ihrer prägenden Zeit beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch begeben sich Nazareth Panadero und Michael Strecker auf eine Spurensuche, die weniger archäologisch als vielmehr fluid ist. Erinnerung wird hier nicht rekonstruiert – sie wird verschoben, fragmentiert, neu zusammengesetzt. In Körpern, die wissen, in Gesten, die nachhallen, und in Bildern, die eher aufscheinen als sich festschreiben lassen.
Die Stärke der Arbeit liegt zunächst in ihrer Haltung: Sie verweigert die einfache Nostalgie. Stattdessen entsteht eine offene Form, in der Bewegung, Text und Musik einander durchdringen, sich verdichten und wieder entziehen. Dieses Changieren zwischen Präsenz und Abwesenheit ist formal konsequent und thematisch schlüssig. Das „Zuhause“ erscheint hier nicht als Ort, sondern als ein instabiler Zustand – ein Resonanzraum von Beziehungen, die sich der Fixierung entziehen.
Und doch bleibt ein entscheidender Eindruck zurück: My Home, No Home erreicht nicht die poetische Radikalität und emotionale Präzision, die Panadero und Strecker noch in TWO DIE FOR (2019) unter Beweis gestellt haben. Damals, im Kontext von UNDERGROUND VII im Wuppertaler Skulpturenpark, entstand ein Duett von seltener Dichte – ein leiser, aber durchdringender Dialog, der sich tief ins Gedächtnis einschrieb. Ein Dialog mit Pina Bausch, die damals (wie auch hier) allgegenwärtig war.
In der aktuellen Arbeit scheinen viele dieser strukturellen Ansätze und gedanklichen Linien erneut auf – fast, als würde man einer Echo-Version begegnen. Doch dieses Echo bleibt oft Zitat ohne jedoch die aktuellen Bezüge genauer zu benennen. Wo TWO DIE FOR eine fragile, zugleich präzise gesetzte Dramaturgie entwickelte, wirkt My Home, No Home stellenweise suchend, manchmal auch unfokussiert. Die offene Form kippt so hier und da ins Unverbindliche; die Verschiebung von Erinnerung verliert an Schärfe, wo sie nicht durch eine klare kompositorische Entscheidung getragen wird.
Das ist umso bemerkenswerter, als die Performer selbst nach wie vor eine außergewöhnliche Bühnenpräsenz besitzen. Panadero und Strecker tragen eine Erfahrungsdichte in sich, die man auf der Bühne – insbesondere in der freien Szene – nur selten findet. Ihr Charisma, ihre Fähigkeit, Bedeutung durch minimale Verschiebungen im Körper entstehen zu lassen, bleibt ungebrochen. Es sind Momente dieser Qualität, die auch My Home, No Home immer wieder aufleuchten lassen.
Für ein Publikum, das TWO DIE FOR nicht gesehen hat, mag diese Arbeit durchaus eine eigene Faszination entfalten – als poetische Meditation über Verlust, Erinnerung und Transformation. Für jene jedoch, die die frühere Arbeit kennen, stellt sich unweigerlich ein Vergleich ein, den die neue Produktion nicht für sich entscheiden kann.
So bleibt My Home, No Home eine interessante, stellenweise berührende, aber letztlich nicht vollständig eingelöste Reflexion über das, was „Zuhause“ (im Tanz insbesondere) einmal war – und was davon im Körper fortlebt, wenn alles andere längst verschwunden ist.

