Die Stipendiatinnen und Stipendiaten:
Tanzrecherche NRW 2026
Das internationale Stipendienprogramm ermöglicht Tänzer:innen, Performer:innen und Choreograf:innen mehrwöchige Residenzen für themenbezogene, produktionsunabhängige Recherchen.
Die »Tanzrecherche NRW« ist ausdrücklich nicht produktionsbezogen. Seit seiner Einführung 2009 bietet das Programm die Möglichkeit zu vertiefter Auseinandersetzung mit bestimmten Themen und zur Entwicklung von künstlerischen Arbeitsweisen. Interdisziplinäre und transkulturelle Recherchen stehen im Mittelpunkt.
Geboten werden jeweils Stipendien in Höhe von bis zu 6.000 Euro sowie ein Dokumentationsbudget von bis zu 1.000 Euro, je nach Art und Umfang der Recherche.
Die Ausschreibung findet jährlich im Herbst statt. Im Anschluss erfolgt die Auswahl durch eine Jury und die Bekanntgabe der neuen Stipendiat:innen.
Das NRWKS vermittelt den Stipendiat:innen als betreuende zentrale Kontaktstelle Begegnungen und Gespräche mit Künstler:innen und Kulturinstitutionen ganz unterschiedlicher Disziplinen und Forschungseinrichtungen und unterstützt die Präsentation abschließender Erfahrungsberichte.
Die vier Stipendiaten:innen für die Tanzrecherche 2026 sind: Ada Freund, Brig Huezo, ISaAc iSaBeL Espinoza Hidrobo und Krisna Satya.
Tanzrecherche NRW #58
GRASP
GRASP, so der Titel der Recherche von Tanzrecherche-Stipendiatin Ada Freund aus Helsinki (Finnland), setzt sich mit der Wahrnehmung von Zeit durch körperliche und sensorische Erfahrungen auseinander, wobei Zeit als relativ, vielschichtig und fließend betrachtet wird – geprägt von Aufmerksamkeit, Erinnerung und Umgebung. Die ikonische Schwebebahn in Wuppertal bietet einen besonderen Ort für diese Recherche: ihre ständige Fortbewegung, die rhythmischen Wechsel zwischen den Stationen und der schwebende Blickwinkel zwischen Boden und Himmel bilden eine lebendige Metapher für Zeitbewusstsein und Zwischenzustände.
Die Zusammenarbeit mit lokalen Künstler:innen, darunter die Sounddesignerin Maja Prill, erweitert die Recherche um neue klangliche und performative Perspektiven. GRASP eröffnet einen interkulturellen Dialog, der die künstlerische Praxis über den finnischen Kontext hinaus erweitert und neue Einblicke in Wahrnehmung, Bewegung und die subtilen Strukturen der Zeit bietet.
Tanzrecherche NRW #59
Soft Power / Hard Code: Choreographies of Erotic Discipline
Die Recherche von Tanzrecherche-Stipendiat:in Brig Huezo untersucht, wie Körper, Technologie und Performance in Japan miteinander verschmelzen, und verfolgt choreografische Verbindungen von Geiko-Traditionen über die Ikonografie der Oiran bis hin zu den digital verstärkten Fantasien der zeitgenössischen Hentai-Kultur. Die künstlerische Praxis von Brig Huezo bewegt sich zwischen Körper, Bild und Code und behandelt den Körper als hybriden Raum, in dem Bewegung, Daten und Erinnerung zusammenfließen. Als postdigital:e Choreograf:in mit Sitz in Köln nutzt Brig Huezo Motion Tracking, Echtzeitsysteme und Embodied Inquiry, um zu untersuchen, wie Begehren, Geschlecht und Identität durch Performance und Technologie geprägt werden.
Die Geiko-Praxis in Kyoto und die archivarischen und digitalen Darstellungen von Oiran und Hentai in Tokio offenbaren kontrastierende Choreografien von Disziplin, Schönheit und Erotik. Durch Schreiben, visuelle Dokumentation und situative Körperforschung möchte Brig Huezo die persönliche choreografische Sprache erweitern und neue Wege zwischen Tradition, Identität und digitaler Transformation eröffnen.
RECHERCHEZEITRAUM
November/Dezember 2026 in Kyoto und Tokio
brighuezoprojects.myportfolio.com
Tanzrecherche NRW #60
Candomblé through Vogue Funk in Rio
Die Recherche von ISaAc iSaBeL konzentriert sich auf »Embodied Dance« und spirituelle Praktiken und wird gemeinsam mit lokalen BIPOC-Künstlern durch Funk, Vogue und Candomblé entwickelt. Nyandra Fernandes, Tänzerin, Choreografin und Direktorin von Elegbará in Rio de Janeiro, ermöglicht die Verbindung zu einer kraftvollen Verschmelzung von Ritual, Widerstand und verkörperter Wissenserfahrung. Der brasilianische Funk mit seinem improvisierten Passinho und seinen tiefen sozialen Wurzeln bietet Einblicke in Freude, Überleben und kollektiven Ausdruck. Darüber hinaus stehen die heiligen Wasserpraktiken des Candomblé im Einklang mit ISaAc iSaBeLs aktueller Forschung in den Anden zu queeren, vorkolonialen Kosmologien.
ISaAc iSaBeL lebt in Köln und fördert queere Zusammenkünfte durch das Kollektiv maiskind. Durch das Kennenlernen der gelebten Realitäten und spirituellen Techniken Rios versucht ISaAc iSaBeL, das Netzwerk zu erweitern und die Praxis zu vertiefen, um sich auf die bevorstehenden Herausforderungen vorzubereiten.
RECHERCHEZEITRAUM
März/April 2026 in Rio de Janeiro
Tanzrecherche NRW #61
Sikut Awak: Body in foreign space
»Asta kosala kosali« ist ein traditionelles balinesisches Architekturkonzept, das definiert, wie Raum gestaltet wird. Im Mittelpunkt steht dabei »sikut gegulak«, ein Maßsystem, das den menschlichen Körper – von Kopf bis Fuß – zur Bestimmung von Proportionen, Abständen und Volumen eines Hauses heranzieht. Diese Praxis spiegelt eine balinesische Weltanschauung wider, in der Menschen keine autonomen Individuen sind, sondern Manifestationen des Universums: Der Körper als kleiner Kosmos, das Haus als sein größeres Gegenstück.
Aufbauend auf diesem Wissen untersucht der aus Bali stammende Choreograf Krsina Satya, wie sich der Körper an geografisch, sozial, kulturell und emotional entfernte Umgebungen anpasst. Seine Recherche »Sikut Awak« erfolgt in Düsseldorf und konzentriert sich dabei auf Frank Gehrys Neuen Zollhof, dessen radikal geschwungene, fast verflüssigte Formen einen dekonstruktivistischen Ansatz für Raum verkörpern.
RECHERCHEZEITRAUM
Mai/Juni 2026 in Düsseldorf



