Sharon Eyals sehr persönliches Werk – „Delay the Sadness“
TRAUERnd erTRAGEN
Ruhrtriennale 2025 präsentiert in der Bochumer Jahrhunderthalle eine Uraufführung von Sharon Eyals neuestem Werk – „Delay the Sadness“
von Klaus Dilger
Sharon Eyal stand in ihren bisherigen Choreografien für eine kollektive Ekstase, der man sich nur schwer entziehen kann. Ihre Tänzerinnen und Tänzer, in hyperkontrollierter Präzision, verschmolzen bislang zu einem einzigen Organismus, der jede Vorstellung von Geschlecht und Individualität hinter sich lässt. Eine hypnotische Woge, die das Publikum mitreißt wie eine choreografierte Rave-Party, die keiner Drogen bedarf, um innere Welten zu öffnen.
Doch in „Delay the Sadness“, uraufgeführt bei der Ruhrtriennale in Bochum (oder doch bei Torino Danza im Juli?), verschiebt sich etwas. Vier Paare eröffnen in einer leichten Diagonale aufgereiht den Abend. Sie tragen das Echo des klassischen Balletts in sich, bis hin zum Bewegungsvokabular, bevor sie sich wieder auflösen in Eyals unverwechselbare Vokabeln des getriebenen Trippelns auf Halber-Spitze, der weit nach hinten gebeugten Oberkörper und der ekstatischen Zuckungen. Die Trance bricht, die Woge teilt sich. Aus der pulsierenden Masse treten Duette hervor – fragil, aufgeladen, voller Emotion.
Es ist ein Stück über Verlust, über Abwesenheit. Der verstorbenen Mutter gewidmet, legt es sich offener, persönlicher bloß als alles, was Eyal bislang gezeigt hat. Die beigefarbenen Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer, durchzogen von roten Adern, wirken wie Häute, die das sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt: die Blutbahnen, die Linien der Erinnerung, der Trauer. Gerötete Gesichter wie Puppen wirken wie ein künstlicher Kontrast hierzu, Oberkörper beugen sich bis an die Grenzen der Gravität, Finger krallen, als wollten sie verblassende Spuren von Nähe festhalten. Manchmal halten sie einander, manchmal klammern sie nur, als wollten sie das Verschwinden aufhalten.
Die Musik von Josef Laimon treibt sie (zumeist im Dreiviertel-Takt) voran – zitternde Tonleitern, Stimmen, Wispern, verwoben mit elektronischen Klängen. Und dann, fast unerträglich: eine Kinderstimme. Eyals Sohn (wie wir später erfahren). „I can’t live without you“, singt er, wieder und wieder. Ist es ein Klagelied? Oder ein zarter Hinweis darauf, dass die Mutter in der Mutter (Sharon Eyal) weiterlebt und sich Verlust so doch ertragen lässt? Diese Ambivalenz zieht sich wie ein Puls durch die Halle, dem niemand entkommt.
Eyals Handschrift bleibt trotz klassischer Strukturen erkennbar: die Gruppe sammelt sich, schwillt zu rituellen Massen, die Hände erhoben, die Finger gen Himmel gestreckt, die Körper trippelnd, maschinenhaft getrieben. Doch das Kollektive muss nun neu entdeckt werden – durch und trotz Intimität der Duette, durch die fragile Nähe zweier Körper, die gemeinsam trauern.
Und dann – dieser stumme Schrei. Eine Tänzerin, die Hand an den Mund gepresst, eingefroren wie eine Figur aus Munchs Gemälde. Die Zeit hält inne. Die Trauer lässt sich nicht länger aufschieben.
Hier gelingen Eyal immer wieder schöne Bilder, wenn sich die anderen Tänzerinnen und Tänzer im Hintergrund dazukommend aus dem Nichts zu schälen scheinen.
Was folgt, ist keine Katharsis, sondern etwas Zarteres, Gefährlicheres: das Gefühl, dass Trauer sichtbar geworden ist, eine Gestalt erhalten hat, dass sie getanzt werden kann. In den letzten Momenten, wenn weiches Licht die Körper streift und das Ensemble noch einmal zu einem atmenden Wesen verschmilzt, begreift man: Dieses Werk erzählt nicht vom Überwinden, sondern vom Tragen der Trauer – gemeinsam.
Der Applaus kommt überraschend unmittelbar mit Bravorufen, als könnte manche und mancher dem Druck des Gesehenen nicht mehr standhalten. Eine Stunde lang hat Sharon Eyal ihr Publikum in eine Landschaft geführt, in der Intimität zum Ritual wird und Tanz sichtbar macht, was sonst unerträglich bliebe. Wir können es nur erahnen, auch was die Geschehnisse in Israel und Palästina mit der Seele der Künstlerin und ihrer Mit-Künstler machen.
Auch wenn Delay the Sadness stärker geworden wäre, wenn es Eyal unmittelbarer gelungen wäre, Trance und Trauer ineinander übergehen zu lassen, so hallt das Stück doch nach.
Die grossartigen Tänzerinnen und Tänzer: Darren Devaney, Juan Gil, Alice Godfrey, Johnny McMillan, Keren Lurie Pardes, Nitzan Ressler, Héloïse Jocquevile, Gregory Lau | Choreografie: Sharon Eyal | Co-Kreation: Gai Behar | Originalmusik Josef Laimon | Lichtdesign Alon Cohen | Kostümdesign Sharon Eyal, Gai Behar | 3D-Druck Designer Serge H | Kostümherstellung: Bas et Hauts Atelier Paris
Eine Produktion von Sharon Eyal Dance in Koproduktion mit Ruhrtriennale, La Villette, Chaillot – théâtre national de la danse, TorinoDanza, Orsolina 28 Art Foundation, Montpellier Danse Festival, Sadler’s Wells, MART Foundation, Festspielhaus St. Pölten, Théâtre Sénart, Scène nationale, Les Nuits de Fourvière, Lyon.

