Zwischen imperialistischer Moderne, Körperpoesie und ästhetischer Dekolonialisierung?
„Último Helecho“
Die Ruhrtriennale 2025 präsentiert ULTIMO HELECHO von Nina Laisné und François Chaignaud als „Deutsche Erstaufführung“ im Rahmen seines Tanzprogramms
Eindrücke von Klaus Dilger
Mit ihrer ersten Zusammenarbeit Romances inciertos, un autre Orlando, in der Nina Laisné und François Chaignaud in einem queer gelesenen Musiktheater hinterfragten „Wer ist dieser andere Orlando, der sich durch diese Metamorphosen enthüllt und die Grenzen von männlich und weiblich verwischt?“ gelang den beiden Künstler_innen ein überraschend grosser Erfolg, der die überwältigende Phalanx an internationalen Produktionshäusern (für Tanz) erklären mag, die sich für die Produktion von Último Helecho zusammengefunden hat.
Deren erneute Zusammenarbeit, hier mit der argentinischen Sängerin Nadia Larcher, hatte im Juli bei IMPULStanz in Wien Premiere und war nun am Eröffnungswochenende der Ruhrtriennale 2025 auf PACT-Zollverein erstmals in Deutschland zu sehen, ehe es im Januar Teil der Berliner Festspiele sein wird.
In Último Helecho verschmelzen Tanz, Gesang und Barockmusik mit südamerikanischen Folklorepraktiken zu einer Körperpoesie, die offensichtlich einem Trend folgt, allerdings beim Rezensenten nur wenig zeitgenössische Impulse zu setzen und Resonanz zu erzeugen vermag.
Die Ankündigung des Programmheftes der Ruhrtriennale belässt es bei der reduzierten und allgemein gehaltenen Information:
„Ein Fest südamerikanischer Mythologien und barocker Fantasien“.
Tanz und Musik der argentinischen und peruanischen Folklore sind geprägt von beeindruckender Vitalität, Ausdruckskraft und Rhythmen. Sie beinhalten Geschichten von Gewalt sowie Widerstand und lassen Spuren europäischer Kultur anklingen. Die Regisseurin Nina Laisné bringt die argentinische Sängerin Nadia Larcher und den französischen Tänzer François Chaignaud zusammen, um diese Traditionen zu erkunden. Umgeben von sechs Musiker:innen, verwandeln sie die Barockästhetik und südamerikanische Mythen in ein regelrechtes Fest.“
Andere Veranstalter und Häuser nehmen hingegen sehr explizit Bezug auf die Begriffe „Kolonisation“ und „Ausbeutung“ und das Anliegen, die „Imperialistische Moderne“ zurückzuweisen.
Das Bühnengeschehen…
…beginnt mit einem optischen Coup, der hier nicht Preis gegeben werden soll.
Die nachfolgend gefühlt oft langen 70 Minuten lassen das Publikum im ersten Teil Zeugen eines Begräbnis und Lamentos werden, die auf und unter der Erde stattfinden, mit zwei tanzenden und singenden Gestalten (Nadja Larcher und François Chaignaud), in enganliegenden Kostümen mit reichlich allegorischer Verzierung und Bemalung, pflanzlicher und menschlicher Herkunft, begleitet von fünf Instrumentalisten (3 Posaunen, einem Bandoneon, einer Theorbe im Wechsel mit Sachaguitarra), sowie einer Instrumentalistin an Pauke und Percussions. Sie alle agieren auf und in einer höhlenartigen Grabstätte, die sogar mit einer steinernen Wendeltreppe das Äußere und Innere verbindet (Erdoberfläche und Höhle).
Der zweite Teil lässt sich als eine Art „Auferstehung“ oder royale Wiedergeburt lesen. Die schwarze Abhängung des Bühnenhintergrunds wird aufgezogen und der, bühnensprachlich „Himmel“ genannte, Opera-Horizont freigelegt. Die Sänger-Tänzer werden in royale Umhänge, samt dazu gehörigen Haarschmuck gekleidet.
Getanzte Soli und Duette reihen sich aneinander, von vidala, tonada, zamba, chacarera, cachua y tonada, über tonadilla, huayno, copla bis zum titelgebenden Lied „Me He de Guardar“, einer festejo, die die Strophe trägt „The earth is dying, Crumbling inside my chest, Reaching up to my eyes, Covering me down to the last fern (Ultimo Helecho)“.
Keines der Lieder wird übersetzt und untertitelt, was ästhetisch vielleicht verständlich sein mag, so aber bleibt dem nicht spanisch sprechenden Publikum die „Kolonialismus-Debatte“ und „Geschichten von Gewalt und Widerstand“ gänzlich verborgen, es sei denn, das Publikum hat sich vorab sehr ausführlich mit der Frage von Folklore und Widerstand in Argentinien und Peru beschäftigt.
Künstlerische Leistung und Nähe zum Kitsch
All dies wird musikalisch von allen Akteuren überzeugend dargeboten, sowohl stimmlich als auch instrumental, allein der Tanz, der ganz überwiegend Elemente der verschiedenen Folkloretänze aufnimmt und interpretiert, bleibt über weite Strecken in seiner Wirkung zurückhaltend bis banal, besonders dann, wenn sich François Chaignaud zu sehr um Virtuosität bemüht, die er nicht immer leisten kann.
Das als „Unterwelt“ angelegte (Polyresin-)Bühnenbild erinnert an Gartenskulpturen, die nicht Jedermanns Geschmack sein müssen. Im Zusammenspiel mit den allegorisch anmutenden Kostümen erscheinen sie doch sehr nahe am Kitsch angesiedelt zu sein. Auch dies mag im Auge des oder der Betrachtenden liegen.
Manche der Zuschauerinnen und Zuschauer die sich vielleicht nicht intensiv genug vorbereitet hatten und bei PACT Zollverein keine folkloristische Ballett-Oper erwartet hatten, verließen den Saal vor Ende des Stücks.
Die, die geblieben waren feierten die Künstlerinnen und Künstler zum Teil mit standing ovations.

