Fabrik Heeder: FIRST&FURTHER STEPS
(Video)Impressionen MIND THE GAP
FLYING ELEPHANT aus Essen begeistern das Krefelder Publikum beim Nachwuchsfestival des Tanzes
von Klaus Dilger
Mit MIND THE GAP in der Fabrik Heeder zeigt Flying Elephant ein Duett, das genau weiß, was es sagen will – und sich damit zugleich begrenzt.
Florian Entenfellner und Lucas Lopes Pereira sind starke, erfahrene Tänzer. Ihre Ausbildung an der Folkwang Universität der Künste ist nicht nur sichtbar, sondern strukturbildend: klare Linien, saubere Gewichtsverlagerungen, präzise Partnerarbeit. Körperlich ist das durchgehend überzeugend. Man schaut zwei Performern zu, die einander tragen können – technisch wie im übertragenen Sinn.
Das Problem beginnt gelegentlich dort aufzuscheinen, wo das Stück allzu bewußt auf seine Bedeutung verweisen will.
Die „Lücke“ zwischen Nähe und Distanz, zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung, wird nicht subtil entwickelt, sondern teilweise behauptet – und dann immer wieder bestätigt. Viele Bilder sind lesbar, oft zu lesbar. Wenn Nähe gezeigt wird, ist sie als Nähe markiert. Wenn Distanz entsteht, ist sie als Distanz gesetzt. Die Choreographie vertraut dem Publikum nicht genug, selbst zu sehen.
Dabei gibt es Momente, in denen etwas anderes aufscheint: kleine Verschiebungen im Timing, Widerstände im Körperkontakt, Situationen, in denen nicht klar ist, wer führt, wer reagiert. Genau dort wird es interessant – weil sich Bedeutung nicht mehr sofort festlegen lässt. Diese Momente bleiben jedoch punktuell.
Stattdessen trägt das Stück spürbar eine zweite Ebene mit: eine didaktische. Es will vermitteln, sichtbar machen, verständlich sein – gerade auch für ein junges Publikum. Das ist legitim, aber künstlerisch heikel. Denn die Vermittlungsabsicht beginnt, die Form zu steuern. Bilder werden eindeutiger, Übergänge glatter, Konflikte schneller aufgelöst.
Und doch: Die große Stärke des Abends liegt in seiner Haltung zum Publikum. Die Offenheit ist echt. Wenn am Ende Zuschauerinnen und Zuschauer auf die Bühne eingeladen werden, kippt das nicht ins Peinliche oder Pädagogische, sondern bleibt überraschend selbstverständlich. Es ist ein Moment, in dem das Stück tatsächlich etwas riskiert – Kontrolle abgibt, Situation zulässt. Plötzlich entsteht eine andere Energie, eine, die vorher gefehlt hat.
Das ist der eigentliche Hinweis darauf, wo es hingehen könnte.
Flying Elephant hat alle Mittel: starke Performer, physische Intelligenz, Präsenz. Was fehlt, ist nicht Können, sondern Entscheidung. Weniger Absicht. Mehr Vertrauen in die Eigenlogik des Materials.
MIND THE GAP ist kein schwaches Stück. Aber eines, das sich selbst erklärt, bevor es sich wirklich entfaltet.
