FESTIVAL “INTO THE FIELDS” – Erinnerungen und Vorfreude

An diesem Wochenende sollte es losgehen, das FESTIVAL INTO THE FIELDS

Zum neunten Mal hätte das Internationale Tanzfestival INTO THE FIELDS vom 24. April bis 09. Mai 2020 in Bonn sein Publikum zu innovativen Formaten eingeladen, die die Zuschauer in ganz besonderer Weise mit sich nehmen.

Aufgrund der aktuellen Situation der Corona-Pandemie und der Verlängerung der Beschränkungen, inklusive Kontaktsperre, wird das diesjährige Festival leider ausfallen müssen.

Eingeladen waren: tanzmainz mit EFFECT – Teaser – András Déri mit MYSTERIUM COSMOGRAPHICUM – Özlem Alkis mit SOUNDTRACKING THE STAGE (work-in-progress) – CocoonDance mit BODY SHOTS (work-in-progress) – Teaser  – Marija Baranauskaite mit THE SOFA PROJECT – Teaser  cieLaroque/helene weinzierl: AS FAR AS WE ARE – Trailer – tanzfuchs PRODUKTION mit MISCHPOKE – Trailer

Die nächste Ausgabe von INTO THE FIELDS wird aktuell für Januar/ Februar 2021 geplant. Vorher noch, im Herbst 2020, wird das 7. Internationale Bonner Tanzsolofestival, geplant vom 22. Oktober bis zum 08. November 2020, stattfinden.

Wir erinnern während der geplanten Festivalzeit mit ausgesuchten Highlights der letzten Jahre an INTO THE FIELDS:

FESTIVAL “INTO THE FIELDS” 2016: La_Trottier Dance Collective – “EGO” – Sa 12. März 2016 // 20:00 Uhr BROTFABRIK BÜHNE

FESTIVAL “INTO THE FIELDS” 2016:

La_Trottier Dance Collective

EGO

Waren am Samstag zu Gast in der  BROTFABRIK BÜHNE

HIER GEHT ES ZUM VIDEO DER AUFFÜHRUNG VON GESTERN ABEND

(Kurze)Nachtgedanken von Klaus Dilger

WER GIBT HIER EIGENTLICH DEN TON AN…?

Sieben schillernde Gestalten werden sich an diesem Abend fast zwei Stunden lang an dieser Frage abarbeiten und sich hierbei versuchen mit Superlativen gegenseitig zu übertreffen. Sieger und Besiegte wird es am Ende nicht geben, denn dies hätte vorausgesetzt, dass sich die Beteiligten verwund- und verletzbar gemacht und den Blick hinter die glänzenden Fassaden zugelassen hätten.

Eric Trottier weisst bereits beim Einlass des Publikums auf die Schlüsselmetapher hin, als die Zuschauer sofort Teil  einer Karaokeparty werden, die bereits in vollem Gange ist: imitiere Dein Ideal so gut Du kannst,  Songtextworte als Lebensvorlage und ein gelber Balken als die (Lebens)Zeit, die jedem Song unaufhaltsam den Takt vorgibt.  Anerkennung und Ruhm für den, der dieses Ideal so perfekt wie möglich trifft und freudvoll mit “Leben” füllt – Spott für den, der hierbei versagt.

Die Angst, als jemand zu versagen, der man ohnedies nicht ist und die Geilheit auf ein EGO, das man nie sein wird, bilden hier eine groteske und entlarvende Gemeinschaft, wie sie tragischer, hoffnungsloser und trauriger kaum sein kann.

Karaoke als Spiel des Lebens, dessen Avatare wir bestenfalls sein können und deren Kostümierung, die über jeden einzelnen der Zuschauersitze der Brotfabrik wie eine zweite Haut gestreift wurde,  wartet auf Jeden, der bereit ist, diese anzunehmen.

Doch nach diesem Prolog wird es ernst: aus den sieben Karaokesängern, das Publikum nicht eingerechnet, werden drei Musiker, die in geniale zwanziger Jahre Ganzkörperschwimmanzüge geschlüpft sind und nun ihre eigene Musik zum Besten geben, sowie  vier TänzerINNEN, nun in Trainingsklamotten, die bei der Wiederaufnahme einer alten Choreographie rasch aneinander geraten, da jede(r) irgendwie das eigene Ding daraus macht, weil die verlangte Geschwindigkeit der Bewegungen die unterschiedlichen körperlichen und technischen Fähigkeiten der Performer gnadenlos offenlegt. Wie dominant der Einzelne auch auftreten mag, eine Übereinkunft, das WIR, wird nicht stattfinden. Nicht jetzt und nicht später.

Dies mag konsequent gedacht und der Realität des Ensembles geschuldet sein, und doch wird  die Produktion (und der Zuschauer) mit zunehmender Spieldauer (wohl auch gewollt) daran leiden, denn das Leben ist (auch jenseits von Karaoke) voller temporärer Illusionen, auch kollektiver, doch hiervon will der Choreograph an diesem Abend nichts mehr wissen – der Prolog ist vorüber und will wieder herbeigesehnt sein. Es gibt kaum einmal die Gelegenheit während der nahezu 120 Minuten, die eigenen Spiegelneuronen einfach mal “mittanzen” zu lassen, denn eine solche “harmonische Pause” und sei sie nur Illusion, gönnt der Choreograph seinem Publikum und seinen Performern nicht.

Eric Trottier versteht es zudem glänzend, die Musiker als gleichwertige Performerpersönlichkeiten zu gestalten und einzusetzen, und so eine Vielschichtigkeit in seinem Ensemble zu schaffen, wie dies nur selten zu sehen ist und die einlädt, aus dem Vollen zu schöpfen. Diese Vielschichtigkeit jedoch stets zu durchdringen und ihren Bestandteilen gerecht zu werden, ist nicht immer einfach und der Grat ist schmal, den Trottier angelegt hat, um seinen EGO-Protagonisten erkennbar “persönliches” mitzugeben (Ich hab den knackigsten Arsch…, I am American…, Ich spreche fünf Sprachen…, usw.) und sie dennoch als Kasperlpuppen zu entlarven, wie er sie einmal deutlich zeichnet, als sie auf Stühlen stehend wie Handpuppen aus einer imaginären Puppenkiste immer wieder aufs Neue herauspoppen lässt.

Nicht jede Szene gelingt ihm so treffsicher und manches Mal  erscheint der Topf auch zu gross und der Zutaten zu Viele zu sein, die der Choreograph darin verarbeitet sehen möchte, – da geht auch schon mal der (gute) Geschmack ein wenig verloren.

Dennoch ist diese Produktion in ihrer Ehrlichkeit berührend und der Spiegel, den Trottier sich und uns vorhält, erzeugt schmerzhafte Erkenntnis: wie gemütlich und schön war doch das  anonyme Karaokesingen (nach klaren Regeln) im Schutz der Gemeinschaft beim Einlass  – Zum Mitschunkeln und gemeinsamen Fusswippen halt und hier und da ein Tönchen, muss ja nicht gleich ins Mikro sein…

Viel unangenehmer ist es da schon zusehen zu müssen, wie wir unsere Regeln selbst so gestalten , dass aus Individuen  nur noch EGOs werden, die sich in ihrer Egozentrik gegenseitig abstossen.

Viel Applaus für das La_Trottier Dance Collective aus Mannheim für eine starke Leistung.

Regie: Éric  Trottier // Musik: Peter Hinz  // Mit & von Michelle Cheung / Steffen Dix / Jonas Frey / Peter Hinz / Martin Lejeune / Tobias Weikamp / Katharina Wiedenhofer // Kostüme: Melanie Riester // Licht: Christian van Loock

Von |2020-04-25T09:32:52+01:0025. April, 2020|