©Klaus Dilger

Into The Fields: „ Cualquier Mañana – Es passiert jederzeit“

von Laura Aris und Álvaro Esteban

Schambefreiter Liebesschmerz

Von Nicole Strecker

Es gehört wohl zu den besten Qualitäten der Bonner Kompanie CocoonDance, dass sie so exzellente Talente-Scouts sind. Immer wieder haben sie in den letzten Jahren für NRW neue fabelhafte Tänzer ausfindig gemacht – speziell bei den viel rareren männlichen Tänzern ist CocoonDance offenbar so instinktsicher wie ein Trüffelschwein. Zu den gewiss edelsten Funden der letzten Jahre zählt der Spanier Álvaro Esteban: muskelbepackter Körper, aber sinnlich-softe Bewegungen, keine Rampensau, sondern einer, der mit Konzentration und Innerlichkeit in Bann schlägt. Seit zwei Jahren ist er in allen Ensemble-Stücken von Cocoon-Chefin Rafaële Giovanola dabei. 2015 präsentierte er sich beim Festival „Into The Fields“ bereits mit einer eigenen, überzeugenden Choreografie. Damals war es ein Duo mit Mann. Diesmal eines mit Frau – und was für einer!

© Klaus Dilger

Laura Aris stöckelt resolut in Stiefeletten auf die Bühne. Man hört sie, bevor man sie sieht und weiß: Hier kommt kein Dämchen. Hier kommt eine gefährlich-spektakuläre Amazone. Mit einem Stift malt sich Aris Linien auf ihre nackten Arme als flösse in ihren Adern schwarzes Blut. Ein eigenwilliges Muster, das sie auf dem Körper des dazukommenden Esteban fortsetzt. Linien, die ihre Körper verbinden, ein Stigma, das sie zu zwei Auserwählten macht. Hinreissend sind die ersten Minuten dieser Miniatur einer Tanz-Lovestory zur melancholischen Gitarrenmusik von Roger Marín, wenn Aris ihren Kopf an die Schulter von Esteban schmiegt wie eine Schlafende. Ihre Körper verschmelzen zu einem, zwei bloße Rücken, deren filigrane Muskulatur wellenförmig pulst und bebt. Shakespeares berühmtes „beast with two backs“ – hier eine zahme Idealkreatur. Doch wie könnte es anders sein bei dieser unberechenbar-hitzigen Frau, diesem übersensibel-komplizierten Mann: Aus der Körperkongruenz wird bald ein -krampf, aus Kuscheln Kampf. Und darin hat Laura Aris das beste Training der Tanzwelt bekommen.

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Zehn Jahre lang war sie eine der Protagonistinnen bei Wim Vandekeybus’ Kompanie „Ultima Vez“. Eigentlich eine von vielen der Vandekeybus-typischen Frauen mit wild-wütendem Sexappeal. Trotzdem: unübersehbar und unvergesslich. Sie tanzte in seinen erfolgreichsten Produktionen mit: „What the body does not remember“, „Blush“ oder „Scratching the Inner Fields“. 2009 machte Vandekeybus einen radikalen Schnitt, trennte sich von seinen langjährigen Tänzern, verjüngte die Kompanie. Seitdem entwickelt Laura Aris eigene Choreografin, darunter auch das 2014 entstandene Stück mit Álvaro Esteban über das älteste Duo-Thema überhaupt: „Cualquier Mañana … Es passiert jederzeit“. Wobei der Nachsatz vermutlich weniger den alltäglichen Vorgang von erblühenden und verwelkenden Liebschaften meint, als der jederzeit passierende Launenwechsel. Esteban und Aris sind zwei herrlich reizbare Geschöpfe und so großartig sie als Tänzer harmonieren, so wenig ist das Paar füreinander geschaffen, das sie auf der Bühne simulieren. Hemmungslosen Körperverschlingungen und schambefreiter Gier folgt die brutale Abstoßung. Vertrackt-exquisiten Hebefiguren das muskelschlaffe Kollabieren. Pathos bleibt bei diesen Leidenschafts-Etüden nicht aus. Doch der extrovertierte Affekt wird famos kraftvoll und aggressiv auf die Bühne gewuchtet – da begeistert auch der kapriziöseste Liebesschmerz.

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All das hätte aber noch viel überzeugender gewirkt, hätte man vorab nicht Laura Aris als aufgekratzte Leiterin eines Workshops erleben müssen. CocoonDance nimmt sein Festival-Motto in diesem Jahr offenbar ein bisschen zu ernst und holt nun auch den Zuschauer „Into The Fields“ – in den Tanzsaal, dem Ort des Scheiterns, Übens und vergeblichen Suchens. Laura Aris improvisierte also mit einer Gruppe Tanzstudenten vor Zuschauern. Dann folgte abrupt die Verwandlung von der munter plappernden Dozentin in die herzzerreissende Tragödin. Nicht jedes Kunstwerk verträgt den Striptease bis aufs dürre Skelett. Die schönste Kunst ist immer noch Schein, nicht Sein.