©TANZweb.org – Maura Morales – Sisyphos war eine Frau

NEUE WEGE ZUR REZEPTION VON TANZ?

BEI DER SICHTBARMACHUNG DES TANZES GEHT ES UM WEIT MEHR ALS UM DIE SCHAFFUNG VON WERBEPLATTFORMEN – DER TANZ BRAUCHT DEN DISKURS UND EIN INTERESSIERTES PUBLIKUM – UND ER BRAUCHT UNABHÄNGIGE MEDIEN UND  – WAS BRAUCHEN TANZMEDIEN HEUTE?*

*entnommen der Keynotestatements und -fragen in der Dokumentation zum Rahmenprogramm des FLOW DANCE FESTIVALS: “DANCE TALKS” mit internationalen Experten

TANZ SCHREIBEN

Das Schreiben von TANZ und die Interpretation, Erweiterung, Gestaltung dieser “Texte” durch die performenden Tanzkünstler, Bühnenbildner, Kostümbildner, Licht- und Mediengestalter, Komponisten und Dramaturgen, basiert häufig auf non-linearen, weder mathematisch noch linguistisch basierten, Kommunikations- und Denkfeldern. In diesen werden, verbunden in der gemeinsamen Vorstellungskraft, Bilder, Architektur, Textur, Bewegung in Raum und Zeit, also Dynamik in synchroner oder asynchroner Kraft und vieles mehr, „diskutiert“, geordnet und erweitert, so als wäre es materiell bereits vorhanden. Dieser Austausch setzt empathische Prozesse voraus, in Verbindung mit Codes, die den einzelnen Beteiligten Raum für eigenes kreatives Gestalten lassen und doch zusammenführen.

©TANZweb.org – Thomas Noone – Brutal Love Poems

TANZ ERLEBEN

Das Erleben des Tanzes erfordert die Empathiefähigkeit des Zuschauers. Sie verleiht ihm die Möglichkeiten des eigenen „körperlichen“ Erlebens. Dies kann (vor Allem) im persönlichen Erlebnis einer Aufführung geschehen aber auch, wenngleich mit anderen Voraussetzungen, in einer adäquat gefilmten Aufzeichnung einer Choreographie oder von Tanz, der für Film und Video geschrieben wurde oder den der Filmemacher durch seine Sicht des Werkes neu interpretiert und neu entstehen lässt.

©TANZweb.org – Fabien Prioville – Azusa Prioville

TANZ BESCHREIBEN

Das Beschreiben, gemeint ist hier die Rezeption des Tanzes durch die Medien, oder aber auch der persönliche Austausch nach dem Besuch einer Aufführung, erfolgt  in Worten – geschrieben oder gesprochen. Diese werden, bei aller analytischen Kompetenz nur dann erfolgreich zum „Nacherlebnis“ (einladen), wenn es ihnen gelingt, Bilder, Töne, Emotionen und Bewegung, also relevante Faktoren der Empathie zu evozieren.

LASSEN SICH DIESE „SYSTEME“ ZUEINANDER IN VERBINDUNG BRINGEN?

Wagen wir uns einen Augenblick provokant an die Vorstellung einer Live-Übertragung eines Tanzstückes im Radio, so wie wir dies vielleicht von Fußballübertragungen kennen, und stellen uns hierbei die Teilhabe des Nichtanwesenden vor: Der Hörer einer Fußballübertragung kann, anders als bei einer Fernseh- oder Bildübertragung, das Geschehen allein mittels der Dynamik, Emotion und Beschreibung der Aktionen, aber auch des inneren Zustands des Reporters angesichts dessen was dieser live erlebt, durch Worte empathisch miterleben und sich bildlich vorstellen was auf dem Spielfeld geschieht, weil er in diesem linearen System genau weiß worum es geht (wer mehr Tore schießt gewinnt) und er sich so unbeschwert dem Genuss der emotionalen Augenblicke hingeben kann. Das Bedürfnis an Information ist durch das eindeutige Ergebnis zum Schluss ebenfalls abgedeckt. Nicht selten wählen Gourmands und Gourmets dieser Übertragungen beide Medien gleichzeitig.

©TANZweb.org – Pere Faura

In der Kunst ist der Ball nicht rund, der Rasen nicht grün, die Protagonisten treten im Idealfall nicht gegeneinander sondern miteinander an, und das Ziel ist weitaus komplexer als die meisten Tore zu schießen. Non-lineare Prozesse und Inhalte finden häufig in großer Überlagerungsdichte gleichzeitig statt und bedürfen zur Aufnahme der einzelnen Ebenen in Echtzeit der Sinnesorgane mit der größten Aufnahme- und Assoziationskapazität: des Auges (also das Bild) und des Ohres.
Auch wenn eine Vermittlung in Echtzeit nicht möglich sein wird und eine Unzahl an Kunstgenießern und Kunstverstehern sofort aufschreien würden: der Gedanke und die Auseinandersetzung mit dieser Idee vermag wertvolle Informationen zu liefern zu den heutigen Erfordernissen medialer Begleitung des Tanzes.

©TANZweb.org – FREIraumENSEMBLE – EUPHORIA

FOTOGRAFIERENDE, FILMENDE UND TWITTERNDE ZUSCHAUER IN DEN VORSTELLUNGEN

Entspricht es darüber hinaus denn heute noch dem Verständnis und Lebensgefühl der jüngeren Generationen, für X Stunden in einem Raum an einen festen Platz gebunden zu sein, um ein Tanzereignis (oder ein anderes Theaterereignis) anzuschauen, das sie nicht „teilen“ können mit ihren sozialen Netzwerken und „Friends“ in aller Welt, weil striktes Fotografier- und Filmverbot herrscht? Keine Kommentare „live“ via Twitter, keine Fotos und keine Filme mal so kurz auf Facebook stellen? Keine bewundernden oder neidvoll freundlichen Kommentare „WOW, da wär ich jetzt auch gern!“ oder „…ist ja geil!“?

©TANZweb.org – Charlotte Brohmeyer und Geraldine Rosteius – Scissilis

„KREISENDE ERREGUNG“

Das Verständnis von Dynamik und Bewegung in Raum und Zeit hat sich in den letzten zwanzig Jahren mit dem WorldWideWeb grundlegend geändert. Zuerst erfolgte technisch die weltweite Vernetzung in gigantischem Ausmaß. Dann, durch die Nutzung dieser Netze, die Nachfrage und Befriedigung eines ungeheuren, nie gekannten Informationsbedürfnisses und -austauschs.  Und danach, durch neue, ungeheuer schnelle und leistungsfähige Speichermedien, die Möglichkeit und der Zugang zur Partizipation und zur Selbstdarstellung, befördert durch neu entstandene soziale Netzwerke.

Professor Dr. Kruse sprach in seinem Bericht vor der Europäischen Enquête Kommission zur Bedeutung des Internets für unsere Gesellschaften von „nicht linearen Prozessen und einer neuen Spontanaktivität mittels der Netzwerke, die sich mittels „kreisender Erregung“ in ungeheurem Maß aufschaukeln können und zu völlig neuen Machtverhältnissen führen werden, in denen sich die Politik einen Mangel an Empathiefähigkeit nicht mehr wird leisten können.“

©TANZweb.org – FREIraumENSEMBLE – EUPHORIA

Die Kunstform Tanz ist prädestiniert, einen bedeutenden Platz im gesellschaftlichen Leben und Bewusstsein einzunehmen, weil sie häufig wirkungsmächtige Bilder, wie sie für die „persönliche Anerkennung“ im Internet äußerst wertvoll sind, hervorbringt und hochanerkannte „Markenwerte der Industrie“ wie Präzision, Provokation, Perfektion, Innovation, Kraft, Schönheit, Dynamik zu ihren Attributen zählt. Und doch gelingt es ihr nur selten ein solches Potential abzurufen. Die verhängnisvolle Schleife aus unzureichenden Produktions- und Aufführungsmöglichkeiten, gerade in der „Freien Szene“ und die daraus resultierende mangelnde Präsenz in den Medien mag nur ein Grund dafür sein. Die Ursachen sind vielschichtig und liegen teilweise in der vermeintlichen Schwierigkeit Tanz adäquat medial zu begleiten begründet. Letztlich bedarf es auch des Mutes eine Qualitätsdiskussion zu führen, um den Tanz (wieder) in der Mitte der Gesellschaft zu verankern.

Wir wollen diese Themen gerne anregen und würden uns freuen, sie ohne jegliche Scheuklappen und Berufsblindheit diskutiert zu wissen!*

*entnommen der Dokumentation zum Rahmenprogramm des FLOW DANCE FESTIVALS