Show und Scheu

Das neue Stück der Kölner Choreographin Silke Z. mit ihrem altersgemischten Ensemble Die Metabolisten hatte in den Ehrenfeldstudios Premiere

Kurzkritik von Melanie Suchy

Es war also ein Heimspiel für Silke Z., die diesen kleinen, aber funktionalen und anheimelnden Spielort in der Wissmannstraße mit aufgebaut hat. Es sei „Deine Wahl!“ verspricht der Titel ihrer neuen Performance; mit dem Ausrufezeichen wanzt es sich ans Publikum ran und will sich beliebt machen. Oder drohen. Das Geschehen, das sich dann siebzig Minuten lang entfaltet, hat etwas von beidem, allerdings in einem merkwürdig kippelnden Ungleichgewicht. Es wird sehr viel gewanzt, vorgezeigt, mit Lob behudelt, und das hat einen Namen: Show. Samt Musik, Text und Bewegung, und der Publikumsapplaus lärmt reichlich an den wahrscheinlich vorgesehenen Stellen. Die Unstimmigkeit und Peinlichkeit des Ganzen, das angeblich ein Wettbewerb ist, enthüllen sich in aller Deutlichkeit erst zum Schluss. Zu ahnen war das jedoch von Anfang an.

Am Ende schleichen sich die zwei leisen Pointen, die hier natürlich nicht verraten werden, heran, indem zwei der Kandidat-Innen (hier wird stets hörbar gegendert) die ihnen vorgesetzte Regel verletzen. Sie treten aus, sie lassen los. Und die Letzten werden die Ersten sein. Die Verlierer die Gewinner. Irgendwie so.

Das ganze vorhergehende Gedöns verpufft. Warum musste es überhaupt sein? Damit man die Lektion begreift. Unterhaltung, Spiel und Tänzchen machen Spaß, beim Tun und beim Zuschauen, jedenfalls vielen, nicht allen. Aber durch Bevorzugen, Abstimmen, also Wählen bestimmter Personen und ihrer „Performances“ eine Menge Verlierer und einen einzigen Gewinner oder eine Gewinnerin zu erschaffen, das ist blöd. Genauer: das wäre blöd und unanständig. Denn die aufgekratzte Kandidatenshow, die Silke Z. gemeinsam mit André Zimmermann und Hanna Held konzipiert hat, endet ja, statt mit jubelnder Übertrumpfung, mit der freundlichen Message, sich einander zuzuwenden. Das ist schön, doch im Grunde schlicht.

Silke-Z_DEINE-WAHL_c-Stefan-Henaku

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Show und Scham

Ob überhaupt auf einer Theaterbühne Fernsehformate imitiert oder parodiert werden sollten, darüber könnte man auch mal abstimmen. Doch geben sich die Beteiligten hier (fast) alle Mühe zu unterhalten und zu gefallen – was im zeitgenössischen Tanz häufig vermieden wird, allerdings von berufener Seite in Wuppertal schon vor dreißig Jahren auf bittersüße Weise tanztheatermäßig ausbuchstabiert wurde.

Was nun hier in Ehrenfeld erst an Solos und in Vorstellungs-Videoclips, später in Gruppen-Moves und Bewegungsspielen aufgeboten wird, ist auffällig unspektakulär. Bis auf ein paar Ausnahmen – tiefe Rückenbeugen, ein Spagat, Bauchwellen am Boden, flotte Rollen – wirken die Schritte und Schrittchen, die wippenden Knie, gehobenen Arme und ausgefahrenen Ellbogen eher bemüht und unvirtuos; oder, in der Gruppe vollführt, wie eine brav einstudierte Tanzkurs-Choreo mit gehobenem Knie, herausgeschobener Hüfte, gerecktem Kinn und herausgezogenem Arm mit Handknick.

Der Kniff, der die Show interessant macht, ist weniger das Abstimmen des Publikums per SMS an eine Telefonnummer oder Fähnchenwedeln, was zu Ergebnissen führt, die wohl eh vorproduziert sind. Sondern die Kurzvorstellungen der neun Kandidatinnen und Kandidaten und der zwei Moderatorinnen durch eine Stimme aus dem Off und die Filmclips sind gefühlige kleine Geschichten über nette, erklärtermaßen tanzbegeisterte Menschen im Alter von 22 bis 81 Jahren, die einem so ein bisschen ans Herz wachsen. Eine leitet Tanzkurse, einer spielt Klavier für die Mutter, ein anderer Tischtennis mit dem Söhnchen, einer zupft allein am Turntable, eine organisiere Demos, heißt es, eine andere sei Klinikclown. Sympathisch, egal was sie danach auf der Bühne vorführen.

Pathetisch?

Auf solche Einfühlungs-Verbindungen will die Reihe „Der empathische Körper“ von Silke Z. denn auch hinaus, dessen dritten Teil „Deine Wahl!“ darstellt. Die Tänze selber, die zuletzt münden in Gruppenübungen, bei denen jemand auf eine Pose mit einer Pose antwortet, bis alle drängeln und rangeln; oder wenn sich jemand fallen lässt und aufgefangen wird von der Nachbarin, die dann wiederum selber kippt, alles ganz sanft: Dies demonstriert die Empathie etwas platt. Einander nahe zu kommen auf friedliche oder spielerisch grenzüberschreitende Weise.

Intensiver wirken die Worte: in dem nur gesprochenen Duell über Mut, eine Reminiszenz an die frühere Performance-Reihe von Silke Z., „Mutproben“ und „Über Mut“. Wer hat mehr? Scheinbar treten mit dem jüngeren Dennis Schmitz und der älteren Barbara Muckenhaupt auch noch Generationen gegeneinander an (ebenfalls ein altes Thema von Silke Z.). Sie sprechen von ich, dann von „wir“. Fahrradfahren. Fahrradfahren ohne Licht! Besoffen Fahrrad fahren! Halb spaßig, halb ernst gerät die Liste, bis hin zum Wortspiel. „Talentiert! Kompostiert!“ Beide nennen sich alleinerziehend und geben den Wettlauf einfach auf.

Herzergreifend

Mit Hang zur Ironie, ohne sie je ins zu Deutliche, Extreme zu ziehen, agiert auch die tolle kleine Band namens Charcuterie, Sarah Procissi und Nikolaj Grunwald. Sie geben elektronisch und mit Gesang und einem Bandoneon plus Zupfinstrument der Show ihr kostbares Ambiente und leicht wirren Drive. Mal braust es auf, mal hämmern Rhythmen, zieht sich ein Ton, wummert Techno, paaren sich Klänge in schönster fremdtonaler Harmonie, mal gröhlt Grunwald, mal gibt er sich dem Headbanging hin – mit Glatze. Sylvesters evergrünen Discohit wiederholt er sogar: „Youuuu make me feel…“

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