tanz.tausch – digital

Eröffnung mit CocoonDance „Hybridity“

Am Samstag eröffnete die neunte Ausgabe des „tanz.tausch“ – Festivals unter dem Motto: „Jetzt erst recht“ – gestreamt, wie es neudeutsch heisst – also ausgestrahlt im Netz

Nachtgedanken von Klaus Dilger

Endlich wieder Tanz im Jahre 2021! Und es tut gut zu wissen, dass die Tanzkünstler sich mit ihren Körpern real auf einer Bühne vorbereiten, um mit ihren nicht anwesend sein könnenden Zuschauern, die bereits an ihren Endgeräten auf die Freischaltung der Ausstrahlung warten, diese Eröffnung mit einem choreografischen Werk feiern zu können.

Dass dieses „Vorhang auf!“ noch keinen Raum für eine Performance herzustellen vermag, wissen natürlich alle Beteiligten, auch die Leiterinnen des Festivals, Mechtild Tellmann und Alexandra Schmidt, die vielleicht trotz langjähriger Routine ein wenig mehr an Lampenfieber, Freude, Aufregung (excitement) hätten versprühen können, um das virtuelle, Herzchen und Hüte werfende Publikum wirklich eintreten zu lassen in einen empathischen Raum, dessen Ermöglichung vielleicht noch gelernt werden muss.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch – die Veranstalterinnen Mechtild Tellmann und Alexandra Schmidt

Teilhabe ist mehr als nur zweidimensionales Zuschauen

Wir (er)leben durch die Folgen der Corona Pandemie nicht nur im Tanz  vollkommen veränderte Voraussetzungen und Situationen, die die Möglichkeiten, die den Tanzschaffenden bleiben, um sich und ihre Arbeiten zu präsentieren und in Austausch mit „ihrem“, einem Publikum zu treten, beinahe ausschliesslich auf ein anderes, ein bildlich zweidimensionales Medium reduzieren.

Diese Veränderungen stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit Raum und Zeit und der Bewegung in diesen Parametern, gerade so wie der Tanz und die Choreographie selbst, aber es trennt die performativen Künstler von der Anwesenheit und dem Austausch mit einem Publikum. Körper und Schwerkraft lösen im Film und den Bildern bestenfalls empathische Erinnerungen aus, sind aber ansonsten in ihrer Kraft, Ausstrahlung, Geruch, Schwingung und vieles mehr, abwesend, wie so Vieles, auch in unser aller Leben, das sich hier nicht alles aufzählen lässt.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance "HYBRIDITY"

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance “HYBRIDITY”

Tanzkunst wird durch die Choreografie in Körper geschrieben und durch diese in Aufführungen, im Austausch mit einem Publikum lebendig und im besten Fall zu einer Kunst, die etwas auslöst und sich ebenfalls in Bildern, Gefühlen, Visionen, in die Körper und das Gedächtnis der Zuschauenden einschreibt. Eine solche Überschreibung vermag ein Publikum zu temporär Mittanzenden und dann dauerhaft Mitwissenden zu machen.

Ohne diesen Akt oder dieses Ritual der Aufführung, zu dem weit mehr gehört, als das exerzieren eines Bewegungsvokabulars, ist das choreografische Werk zunächst nicht mehr als eine Reihe von Scores, geschrieben für und in Körper von Tänzern.

Wenn also erst die Aufführung das mögliche (Kunst)Werk entstehen lässt, dann kommt dieser eine herausragende Bedeutung zu. Dies ist auch gültig für jede selbstgewählte Entscheidung für eine alternative Form der Präsentation.

Damit ist auch der Rahmen abgesteckt für jede Rezension einer solchen Aufführung, die nicht sowohl als auch, also vor Publikum und mit einer zusätzlichen Teilhabe an den Bildschirmen stattfindet. Zu diesem Publikum wollen dann natürlich auch die Tanzjournalist_innen gehören, denn  für sie wäre alles andere fremdes Land.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance "HYBRIDITY"

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance “HYBRIDITY”

Gestern Abend feierte die neunte Ausgabe des tanz.tausch-Festivals in Köln statt, ganz ohne Publikum vor Ort.

„Jetzt erst recht“ meinten die Veranstalterinnen Mechtild Tellmann und Alexandra Schmidt, die nicht nur Festivalmacherinnen sind, sondern ganz überwiegend die dort auftretenden Compagnien in deren Management und | oder Öffentlichkeitsarbeit begleiten oder vertreten. Als solche sind sie sich natürlich bewusst, dass die Künstlerinnen und Künstler nicht monatelang ihre Instrumente, das heisst ihre Körper, in Zwangsurlaub schicken können, um dann im Sommer, oder wann immer ein Ende der Pandemie-Beschränkungen abzusehen ist, konkurrierend mit allen anderen Compagnien in einem winzigen Zeitfenster, in perfekter Form weiter arbeiten zu können.

Die Eröffnungsperformance, unter genannten Bedingungen, oblag der Bonner CocoonDance Company mit ihrer neuesten Produktion „Hybridity“, die im Köln | Bonner Raum bereits vielfach zu sehen war, auch in hybrider Form, also sowohl vor zahlenmäßig reduziertem Publikum, erweitert durch Zuschauer im Netz und zuletzt mehrere Male als reines Streaming auf „dringeblieben“, früher bekannt unter „rausgegangen“, das sich als einer der ersten Anbieter auf Streamings diverser Performance-Formate spezialisiert hatte.

Mit diesem Erfahrungsschatz, zumal von Beginn an mit Michael Maurissens*, Ex-Tänzer bei Pretty Ugly in Köln und Co-Direktor des MDKollektivs, ebenfalls in Köln, als verantwortlich zeichnend für das Kamerateam und die Bildzusammenstellung, durfte man erwarten, dass dieser digitale Auftakt erfolgversprechend und pannenfrei über die Bühne gehen würde.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance "HYBRIDITY"

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance “HYBRIDITY”

Für den Rezensenten war es bereits das vierte Mal, dass er sich die Ausstrahlung von „Hybridity“ angesehen hat: zwei Mal als, nomen est omen, hybride Aufführung, also mit Publikum und Übertragung ins Netz und nun das zweite Mal ganz ohne Publikum vor Ort. Hinzu kommt die Sichtung einer Aufzeichnung des Stücks im Internet.

Bemerkenswert hierbei vor allem die stets gleiche Konzentration und Präzision der Tänzerinnen und Tänzer: Fa-Hsuan Chen, Martina De Dominicis, Álvaro Esteban, Susanne Schneider, Anna Harms und Frédéric Voeffray.

Dies ist ein klares Indiz für die hervorragende choreografische Einstudierung und Compagniearbeit von Rafaële Giovanola und ihrem Team, an dem sich auch zeigt, weshalb CocoonDance aus Bonn zu Nordrhein-Westfalens Compagnien gehört, die die Spitzenförderung des Landes erhalten.

Bemerkenswert auch die Weiterentwicklung der Kamera- und Aufzeichnungsarbeit des Filmteams, wohl auch in Zusammenarbeit und Abstimmung mit der Choreografin und den Licht- und Raumdesignern Boris Kahnert und Peter Behle: die Kameras waren gut aufeinander abgestimmt, die Kameraleute waren mutig und enthusiastisch genug, um sich mitreissen zu lassen und Risiken einzugehen, die absolut notwendig sind, um Zuschauer so mitnehmen zu können, dass die Spiegelneuronen ins schwingen kommen. Hierbei darf auch ein Bild einmal nicht sofort zu hundert Prozent scharf sein. Die Helligkeit des Lichts wurde den Kameras angepasst und zwei der drei Kameras waren aktiv und relativ gut positioniert. Der Live-Schnitt hat noch Luft nach oben, war aber jederzeit so, dass die Zuschauer nicht aus dem Fluss gerissen wurden.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance "HYBRIDITY"

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance “HYBRIDITY”

Dieser Entwicklungsprozess war dringend erforderlich im Hinblick auf die Erfahrungen mit den ersten Ausstrahlungen dieses Stückes, dessen Architektur, Aufbau und Absicht erst so erkennbar werden kann.

Das digitale Programmheft beschreibt dies so:

„Hinter Nebelschwaden, im Gegenlicht wird schemenhaft eine Gruppe sichtbar, vielmehr ein Gewirr an körperlosen Beinen. Im Raum ist ein Surren zu vernehmen, das sich zu einem immer lauter werdenden, pulsierenden Beat hin steigert. Ein nervöses Zucken durchfährt die Gliedmaßen des amorphen Rudels. Ohne sich wirklich zu fixieren, sind die höchst angespannten Körper aufeinander fokussiert, auf- und miteinander reagierend, und doch wie im “Autopilot” Modus. Zu sehen ist eine Ansammlung zuckender und bebender Körper in ständiger Alarmbereitschaft – für kurze Augenblicke wie paralysiert, dann wieder explosiv und raumgreifend.

Im Körper zeigen sich die Affekte und Effekte der heutigen gefährdeten und anthropozentrischen Welt. Alles – der Raum, der Sound, die Bewegungen des Einzelnen – scheint hier zu einer diffusen Bedrohung verschmolzen, auf die die Körper allein mit instinktiver und reaktiver Spannung reagieren. In immer wieder neuen Konstellationen, in einem zwanghaften Spiel aus Nähe und Distanz, Gemeinschaft und Individualisierung, scheint die Horde diese unbestimmte Bedrohung immer wieder von neuem ausbalancieren zu müssen. In ihren Bewegungen entwickelt die Gruppe aber auch eine Sprachlichkeit, mit der sie nicht nur auf- und miteinander agiert und reagiert, sondern sie zu immer wieder neuen Transformationen und Varianten eines gemeinsamen hybriden Körpers treibt.“

Ja tatsächlich, besser kann man das kaum formulieren und all dies wird tatsächlich auch so sichtbar, wenn man sich hierauf einlassen und dem so folgen will.

Mit diesem Zitat will es sich der Rezensent nicht einfach leicht machen, sondern auf etwas ganz anderes hinweisen: ganz offensichtlich sind Kameraleute und Kameratechnik ein Teil dieser Inszenierung und Choreografie geworden. Anstatt Geschehen ab zu filmen, versuchen sie genau diese Intention des Werks sichtbar zu machen.

Dies wird das Live Erlebnis nicht obsolet machen, aber es vermag den Schmerz zu lindern, der durch das auseinander reissen der anwesenden Körper entstanden ist. Und gleichzeitig zeichnet sich hier eine Linie ab, die überschritten werden muss (durch viel zusätzliche Arbeit und finanziellen Aufwand), damit die Kunstform des Tanzes zumindest zeitweilig in ihrem digitalen Asyl überleben kann.

* trotz Live-Übertragung  hätte Michael Maurissens gestern eigentlich Geburtstag feiern dürfen, wir gratulieren ganz herzlich zu selbigem.

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance "HYBRIDITY"

Screenshot der Live Übertragung zur Eröffnung von tanz.tausch: CocoonDance “HYBRIDITY”