INTERNATIONALES TANZSOLO FESTIVAL BONN 2020

Raimund Hoghe (DE)

LETTERE AMOROSE, 1999-2020

Sonntag, 25. Oktober 2020 // 20 Uhr SCHAUSPIELHAUS BONN 

1999, als Raimund Hoghe in Brüssel «Lettere amorose» probte, versuchten zwei Jungen aus Afrika im Fahrwerk eines Flugzeugs nach Europa zu gelangen. Als Yaguine Koita und Fodé Tounkara, 14 und 15 Jahre alt, in Belgien ankamen, wurden sie tot aufgefunden.  Bei sich hatten sie einen Brief, in dem sie die Situation in Afrika und ihre Hoffnung auf eine Zukunft in Europa beschreiben.

Nach wie vor riskieren Menschen ihr Leben und versuchen in Europa zu überleben,

und der Brief von 1999 wirkt als sei er heute geschrieben. Das war einer der Gründe, warum Raimund Hoghe vor einigen Jahren das Stück wieder aufgriff und aktualisierte.

Im Zentrum stehen Briefe wie jener von Yaguine Koita und Fodé Tounkara neben Briefen von in Deutschland lebenden Türken und ein Brief der deutschen Dichterin Else Lasker-Schüler, die nach dem 1. Weltkrieg einen Freund in der Schweiz um Asyl bittet.

«Lettere amorose, 1999 – 2020» ist somit eine aktuelle wie auch zeitlose Verneigung vor dem Schicksal Geflüchteter, Fremder und Exilanten. Auf ebenso kraftvolle wie poetische Weise verleiht Raimund Hoghe den Sehnsüchten nach einem anderen Leben Körper und Stimme und macht uns alle zu Adressaten dieser Briefe.

Raimund Hoghe, geboren in Wuppertal, verfasste zunächst Porträts von Außenseitern

und Prominenten, die in “Die Zeit” erschienen und auch in mehreren Büchern zusammen-gefasst wurden. Von 1980 bis 1989 arbeitete er als Dramaturg für das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, über das er auch zwei Bücher schrieb. Seit 1989 entwickelt er eigene Theaterarbeiten für verschiedene Tänzer und Schauspieler. 1992 begann seine Zusammenarbeit mit dem bildenden Künstler Luca Giacomo Schulte, der bis heute sein künstlerischer Mitarbeiter ist. 1994 realisierte er das erste Solo für sich “Meinwärts”,

dem “Chambre séparée” (1997) und “Another Dream” (2000) als Trilogie über das vergangene Jahrhundert folgten.

Neben seiner Theaterarbeit arbeitete Hoghe vielfach für das Fernsehen. Seine Bücher wurden in mehrere Sprachen übersetzt, mit seinen Stücken gastierte er in verschiedenen Ländern Europas, Nord- und Südamerika, Asien und Australien. Er hat zahlreiche Preise erhalten, darunter 2001 den “Deutschen Produzentenpreis für Choreografie”. 2006 erhielt er den “Prix de la critique Francaise” für “Swan Lake, 4 Acts” in der Kategorie “Beste ausländische Produktion”. 2008 wurde Raimund Hoghe in der Kritiker-Umfrage der Zeitschrift “ballet-tanz” zum “Tänzer des Jahres” gewählt. 2019 ernannte ihn der französische Kulturminister zum “Officier de l’ordre des Arts et des Lettres”. Raimund Hoghe erhielt die Auszeichnung in Anerkennung seiner “außerordentlichen Verdienste um die kulturelle Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Frankreich”. 2020 erhält er den Deutschen Tanzpreis.

Bücher über seine Theaterarbeiten sind in Frankreich, Deutschland, England und den USA erschienen. Raimund Hoghe lebt in Düsseldorf.

Das sagen die Kuratoren:

Raimund Hoghes ‚Lettere Amorose‘ ist auch über 20 Jahre nach seiner Entstehung ein politisch wichtiges Stück. Was mich jedoch besonders fasziniert hat, war die Haltung,   die dieses Stück an den Tag legt: In einer Zeit, in der das Ego, die Selbstdarstellung   und -inszenierung großgeschrieben wird, fand ich es bemerkenswert, mit welcher Hingabe und persönlicher Zurückgenommenheit sich Raimund Hohe den Schicksalen, Geschichten und Hoffnungen von Geflüchteten zuwendet und diesen eine Stimme verleiht. Behutsam und geradezu nüchtern bewegt sich Hoghe durch das Stück und die Texte, die durch den sparsamen, aber gezielten Einsatz theatraler Mittel eine besondere Kraft entfalten. (Daniela Ebert)

Produktion: Raimund Hoghe – Hoghe + Schulte GbR (Düsseldorf). Gefördert durch: Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW, Kulturamt der Landeshauptstadt Düsseldorf, Kunststiftung NRW; Unterstützt durch: La Ménagerie de verre (Paris) im Rahmen von Studiolab, Teatro Municipal do Porto.

Konzept, Choreographie, Tanz, Ausstattung: Raimund Hoghe // Künstlerische Mitarbeit: Luca Giacomo Schulte // Licht: Raimund Hoghe, Amaury Seval // Sound: Ansgar Kluge

© Luca Giacomo Schulte