TRAJAL HARRELL…

…SILBERNER LÖWE – BIENNALE DANZA DI VENEZIA 2024

TRAJAL HARRELL…

… ist noch Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich. Am 21.Juli wird er an der diesjährigen Biennale Danza mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Das internationale Festival für den zeitgenössischen Tanz findet vom 18. Juli bis am 3. August 2024 in Venedig statt.

Natalie Broschat sprach mit Trajal Harrell anlässlich seiner beiden Aufführungen von „Sister or He buried the Body“, das er im Rahmen des schrit_tmacher festivals 2023 im Ludwig Forum in Aachen gezeigt hatte und im Juli in der Biennale Danza di Venezia zeigen wird, …

Trajal Harrell ist einzigartig,…

schreibt Wayne McGregor als Vorstellung des Trägers des Silbernen Löwen , den er bereits vor zwei Jahren mit Maggie the Cat zur Biennale Danza eingeladen hatte , einem Werk, das sich vom Text von Tennessee Williams inspirieren ließ, um die Frage zu stellen Macht, Geschlecht, Intoleranz, Inklusion.

„Trajal Harrell ist Absolvent der Yale University, des Centre National de la Danse (Yvonne Rainer) und der Martha Graham School of Contemporary Dance – heißt es in der Begründung für die Auszeichnung und japanischer Butoh-Tanz. Seine Arbeit stellt unsere Vergangenheit unabhängig von chronologischer, geografischer und kultureller Distanz neu vor und bringt seine Auftritte an Orte, die sowohl der bildenden Kunst als auch der Live-Unterhaltung gewidmet sind. Harrell nutzt die Werkzeuge des kritischen Denkens, insbesondere die Forschung zu Geschlecht, Feminismus und Postkolonialismus, um ihre tiefgreifenden Erkenntnisse zur Kunst- und Tanzgeschichte zu erforschen. Als Ergebnis umfangreicher Recherchen sind seine Performances wie viele sensible, hybride und freudige Objekte , die gleichermaßen auf Mode, Popkultur und Avantgarde-Künstler zurückgreifen. Es ist dieser einzigartige Genremix, das überraschende Nebeneinander von Formen und die große Bandbreite an Emotionen, die Harrells Werk fesselt und weckt. Wir lachen genauso schnell wie wir weinen, in einer Achterbahnfahrt der Gefühle.

Trajal Harrell kehrt zum 18. Festival mit zwei Werken zur Biennale Danza zurück: Tambourines und Sister or He Buried the Body .

FORUM LUDWIG

„Sister or He Buried the Body“ von Trajal Harrell im Ludwig Forum Aachen

Es ist eine intime Soloperformance, ein emotionales Tanzstück, das im offenen Raum des Ludwig Forum für Internationale Kunst seine Deutschlandpremiere feiert. Bereits 2021 wurde die Arbeit von der 13. Gwangju Biennale in Auftrag gegeben und konnte coronabedingt erst 2022 uraufgeführt werden.

Der US-amerikanische Tänzer und Choreograf Trajal Harrell setzt in „Sister or He Buried the Body“ den japanischen Butoh in den Fokus. Im großen Tanzlexikon von Annette Hartmann und Monika Woitas lautet die Definition wie folgt: „Butoh ist ein expressiver Tanz, der 1958 von den japanischen Künstlern Tatsumi Hijikata (1928-1986), Ōno Kazuo (1906-2010) und Mitsutaka Ishii (1939-2017) ins Leben gerufen wurde. Erste Impulse gehen auf den deutschen Ausdruckstanz der 1920er Jahre zurück. Es sollten entgegen der gängigen Ideale bewusst plumpe und unvollkommene Bewegungen ausgeführt werden, um bis dahin nicht genutzte Möglichkeiten des Tanzkörpers mit Phantasie und Freiheit zu erforschen. Butoh ist Ausdruck der Seele und bedient sich verdrängter Bewusstseinszustände.“

BUTOH DANCE

Seit 2013 beschäftigt sich Trajal Harrell intensiv mit dieser Tanzform, beispielsweise in „Used, Abused, and Hung Out to Dry“ für das MoMA in New York ; und irgendwann stoße man auf die Geschichte der Schwester von Tatsumi Hijikata, wie er selbst erzählt. Der Legende nach lebte sie als Prostituierte und starb einen frühen Tod. Hijikata sprach wohl oft davon, dass seine Schwester nun in seinem Körper weiterlebte, in ihm tanzte und ihr Körper somit in seinem archiviert wurde. Dieser Mythos ist Gegenstand der bemerkenswerten, halbstündigen Soloperfomance, die hauptsächlich im Sitzen mit Handtanz und sechs tief ins Herz gehenden Musikstücken (u.a. „Jezebel“ von Sade und „Why Don’t You Do Right“ von Lil Green) eine Form findet. Hijikatas Schwester hat als Prostituierte ihren Körper gegen Geld verkauft; Tatsumi Hijikata wiederum hat anscheinend Geld dafür verlangt, die eigene Schwester zu verkörpern; und Harrell wiederum verkörpert nun diese beiden Sphären durch unmissverständliche Gesten, wie das Ausstrecken der offenen Handfläche (Geld). Harrell denkt außerdem die afro-amerikanische Tänzerin-Choreografin Katherine Dunham (1909-2006) mit, die als Pionierin des modernen Tanzes gilt. Trajal Harrell widmete ihr die Performance „Deathbed“, die 2022 in der Kunsthalle Zürich zur Uraufführung kam. Jedenfalls, 1957 performte Katherine Dunham mit ihrer Dance Company in Tokyo; ihr Voodoo-Tanz und der Umgang mit der weiblichen Sexualität beeinflusste Hijikata ungemein und er soll daraufhin angefangen haben schwarzes Make-Up beim Butoh-Tanz zu tragen – es herrschte eine gängige Exotik-Faszination im damaligen Japan. Trajal Harrell gibt nun allen Dreien – Tatsumi Hijikata, dessen Schwester und Katherine Dunham – (s)einen Körper und lässt sie sozusagen im Hier und Jetzt wieder oder überhaupt in Dialog miteinander treten und somit auch eine aktuelle, zeitgenössische Tanzgeschichte schreiben.

ARCHIVE KONSERVIEREN…

… und ordnen die Mythen und die Geschichte des Butoh und machen sie gleichzeitig für Interessierte zugänglich. Insofern ist Trajal Harrells tänzerische Auseinandersetzung mit dieser Tanzform beinahe wie eine Zeitkapsel zu verstehen und im musealen Raum dahingehend perfekt verortet, ja beinahe tanzgeschichtlich kuratiert.

Eva Birkenstock, die seit Oktober 2021 die Direktion des Ludwig Forum Aachen innehat, freut sich überaus, mit dem Festival schrit_tmacher zu kooperieren und brachte direkt die Deutschlandpremiere der Koproduktion „Sister or He Buried the Body“ mit ins Spiel. Vor ziemlich genau 30 Jahren hat Rick Takvorian, der damals die Veranstaltungen im Ludwig Forum Aachen managte, im dortigen Keller das Festival gegründet. Über die Jahre wurde das Festival immer größer, die Kooperation und Verbindung zum Ludwig Forum jedoch immer kleiner, bis sie ganz verschwand. Deswegen ist es umso erfreulicher, dass sie nun wieder belebt wird und gleich mit einem solch eminenten Tanzstück ihren Auftakt findet und feiert.

LUDWIG FORUM AACHEN…

… war und wird hoffentlich ein hervorragender Ort für das schrit_tmacher festival, um solche Künstler präsentieren zu können – in Formaten, die eine ganz andere Nähe zum Publikum herzustellen vermögen…

credits:

Interview: Natalie Broschat

Kamera: Klaus Dilger

Editing und Gestaltung: DANSEmedia | berlin

Bildnachweise:

Seite 1, 14, 15 und 20: Klaus Dilger

Seite 4, 5, 7, 8, 17 und 18: Tambourines_Trajal-Harrell©Orpheas-Emirzas

Alle Videoeinspielungen:

Sister or He Buried the Body_Trajal Harrell©Klaus Dilger