„Das Stück mit dem Schiff…“

…es wartet noch immer…

Am 22.November 2020 hatten wir letztmals in 2020 die Gelegenheit im Opernhaus Wuppertal Tanz auf der Bühne zu sehen, zu erleben und zu filmen. Hier unsere Proben-Impressionen und Randbemerkungen:

HIER geht es zu unseren Videoimpressionen der Probe

von Klaus Dilger

Als das Publikum am 16. Januar 1993 bereits zwanzig Minuten auf den Beginn der Premiere im Wuppertaler Opernhaus gewartet hatte, betrat zunächst ein Angehöriger der Theaterleitung die Szenerie, um zu verkünden, dass Pina Bausch und die Tänzer „ganz absolut der Meinung seien, dass dieses Stück noch nicht fertig sei…“. Gezeigt wurde daher auf Druck der Theaterleitung folgerichtig eine Art „Stand der Dinge“ unter dem vorläufigen Titel „Tanzabend I“.

Nun, beinahe 28 Jahre später, muss das selten gezeigte Stück von Pina Bausch, das jetzt den Titel „Das Stück mit dem Schiff“ trägt, Pandemie bedingt noch immer auf seine Wuppertaler Premiere warten, denn rechtzeitig fertig scheint auch diese Wieder- oder zutreffender Neueinstudierung nicht geworden zu sein, was durchaus daran liegen mag, dass das geplante Experiment mit einem externen Blick auf die Neuerarbeitung durch die Israelin Saar Magal und ihren Assistent Niv Marinberg zumindest zeitlich für Verzögerungen gesorgt haben dürfte, ohne dass hierdurch eine neue Qualität erkennbar wurde.

Hiervon konnten sich zuvorderst die Zuschauer des verunglückten Streaming-Versuchs überzeugen, der im Rahmen der Veranstaltung „under construction“ tonlos auf der Fassade des Alten Schauspielhauses und (mit oft zeitversetztem Ton) als Bildmix dieser Projektion im Netz zu sehen war. (Wir berichteten)

Das-Stück-mit-dem-Schiff@TANZweb.org_Klaus-Dilger

Das-Stü[email protected]_Klaus-Dilger

Das wirklich Bedauerliche an diesem Streaming war weniger der Ansatz als solcher, der vermutlich einem Kompromiss mit der Inhaberin der Aufführungsrechte (Pina Bausch Foundation) geschuldet war, als vielmehr der Umstand, dass die Verantwortlichen die Zuschauer im Glauben oder Unklaren belassen hatten, es handle sich um die Liveübertragung einer Premiere aus dem Wuppertaler Opernhaus. Damit lieferten sie zugleich die Grundlage einer vollkommenen Fehleinschätzung der Leistung der Künstlerinnen und Künstler, die in dieser ausgestrahlten Aufzeichnung in einer ihrer ersten vollständigen Durchlaufproben filmisch festgehalten wurden.

Noch wenige Tage zuvor hatte die Intendantin des Tanztheaters, Bettina Wagner-Bergelt, im Interview mit unserer Redaktion von TANZwebWUPPERTAL ausdrücklich erklärt, dass es sich keinesfalls um eine Premiere, sondern um eine Reihe von Durchläufen im Stil einer Generalprobe handle, weshalb hierzu auch keine schreibend berichtende Presse zugelassen werde.

Leider wurde dies in dieser Form nicht mit der nötigen Klarheit auch im Zusammenhang mit dem sogenannten Programm „Pina Bausch Zentrum – under construction“ kommuniziert.

Dass sich die Leitung hier schützend vor die Künstler_innen stellen wollte, ist gut, richtig und eigentlich selbstverständlich, denn die Basis jeder künstlerischen Arbeit ist das Vertrauen. Und nicht nur dort.

Weshalb diese sich dann plötzlich umentschieden hatte, darüber kann nur spekuliert werden.

“IM DELIRIUM”*

Diese Ungereimtheit führte letztlich auch dazu, dass die Zeitschrift „tanz“ in ihrer Januarausgabe über „Das Stück mit dem Schiff“ berichtet, ebenfalls im Glauben, man hätte hierzu höchst privilegiert an einer Premiere teilgehabt, wie auf Anfrage bestätigt wurde, und zudem habe man noch nicht wissen können, dass die geplanten Januaraufführungen in Wuppertal Corona bedingt nicht würden stattfinden können.

So löblich und interessant es ist, ein sehr selten gezeigtes Werk wieder auf die Bühne zu bringen, ein Werk, das kaum ein Zuschauer oder Kritiker kennt, so sehr scheint es doch mangels vergleichender Erinnerung manchem besonders geeignet, um seine Vorurteile zu transportieren:  Durch den Zugriff der externen Künstlerin Saar Magal sei “weit mehr möglich (ist), als das Tanztheater nur als einen Restaurierungsbetrieb zu unterhalten“, und weiter, Magal sei eine Künstlerin, die „ein ewig tanzendes Museum der Werke der 2009 verstorbenen Gründerin“ in die Zukunft führen und „Das Stück mit dem Schiff bergen“ kann und soll.

Zu lesen „ Im Delirium“ in der Januarausgabe der Zeitschrift „tanz“ – 01/2021.

  • per Definition:  ein „ Zustand geistiger Verwirrung, der sich vor allem durch Störungen des Bewusstseins und Denkvermögens auszeichnet“ (bleibt die Frage, wer damit gemeint sein könnte und mit welcher Motivation und Intention der Titel angewandt wurde.)
Stück-mit-dem-Schiff_Pina-Bausch©TANZweb.org_Klaus-Dilger

Stück-mit-dem-Schiff_Pina-Bausch©TANZweb.org_Klaus-Dilger

EIN WERK UND (S)EINE ZUKUNFT

Auch wenn “Das Stück mit dem Schiff” noch nicht seine Aufführungsreife erreicht hatte, so wurde doch deutlich, dass die neu hinzugekommenen Tänzer und Tänzerin auf einem guten Weg sind. Eine Feststellung, die wir gerne aus früheren Beobachtungen der meist exzellenten Arbeit des Probenleiter_innen-Teams übernehmen können.

Bleibt den Künstlerinnen und Künstlern zu wünschen, dass deren harte Arbeit doch noch vor zahlreichem Publikum stattfinden und belohnt werden kann, auch wenn hierfür noch kein Termin in Aussicht zu stehen scheint. Die Zeit für die weitere Arbeit an dem Stück wird allen guttun, denn auch dies ließ sich bereits in der Probe erahnen: Das Stück hat viele schöne Momente, auch wenn Pina Bausch darin manches nicht so gelungen sein mag, wie sie sich dies vielleicht erhofft hatte. Das macht es den Tänzerinnen und Tänzern, die das Bewegungsmaterial in Raum- und Zeitebenen mit ihrem ganz eigenen Tanz zum Leben oder mit ihrem Leben zum Tanzen bringen, vermutlich an einigen Stellen nicht einfacher.

Peter Pabst, von dem wir auch schon ganz Großartiges, wie etwa in „Palermo Palermo“ gesehen haben, hat dem Stück ein Schiff als Bühnenbild verordnet, bei genauer Betrachtung ist es ein Fischkutter, der bei offenem Bühnenvorhang scheinbar unbeschädigt auf einer felsigen Sanddüne liegt, die die Bühne des Wuppertaler Opernhauses in voller Breite vermisst.

Es entreißt der Bühne in seiner Konkretheit vom ersten Augenblick an vieles an Magie und scheint die Choreografin in einem fort mit der Frage zu belasten, weshalb dieses augenscheinlich intakte Wrack dort liegt und weshalb ihm der Grund seiner Existenz abhandengekommen ist, das Wasser. Kein Kapitän des Schiffes weit und breit, keine Fischer, nirgends. Im nassgelben Sand eine Akkordeon-Spielerin in Trauerbekleidung am Strand…

Vielleicht mag dieses einleitende Bild zur Metapher des Zustands geworden sein, wie er sich Pina Bausch im Hinblick auf das Tanztheater Wuppertal und die eigene Arbeit im Jahr 1992 | Beginn 1993 dargestellt hatte und gefühlt manchem im Jahr 2020 präsentiert. Tröstlich und hoffnungsvoll, wie die Tanztheater Ikone diese Krise mit ihren künstlerischen Mitstreiterinnen überwinden konnte und in Folge noch viele großartige Stücke ihrem Oeuvre hinzugefügt hat.

NOCH IMMER ZUKUNFTSWEISEND

Pina Bausch’s Werk, gehört in jeder einzelnen Wiederaufnahme noch immer und noch heute zum Spannendsten, das der Tanz weltweit hervorzubringen vermag und aus dessen visionärer Menschlichkeit will, kann und muss Neues entstehen. Das Dreigenerationen-Ensemble in eine solche Zukunft zu führen, wird die Aufgabe der neuen künstlerischen Leitung sein, die diesmal wohl auf Grund der vorausgegangenen Erfahrungen zwingend von einem Künstler oder Künstlerin besetzt werden will.

Seit Juni vergangenen Jahres wartet die Fachwelt, die Tänzer_innen und das Publikum noch immer auf dessen Nominierung, die in einem bis dato eher einmaligen Verfahren ausgeschrieben wurde, zu dem sich die Künstler_innen und Mitarbeiter_innen des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch das Mitbestimmungsrecht erkämpft hatten, nachdem sie bei der Besetzung der letzten beiden Intendanzen übergangen wurden. (Adolphe Binder und Bettina Wagner-Bergelt). (wir berichteten).

Wer immer die oder der Bewerber_in auch sein mag, schon sehr bald wird auch das geplante Pina Bausch Zentrum inhaltliche und organisatorische Gestalt annehmen müssen. Auch hierfür wird dringend eine gestalterische künstlerische Kraft benötigt, dies hat der inhaltlich mehr als defizitäre Versuch “under construction” im November letzten Jahres mehr als deutlich gemacht.