“…Feel Free to Get Lost…”

Ben J. Riepe & Company LIVE mit “CREATURE” im Alten Schauspielhaus Wuppertal

Ein kurzer Reisebericht in Bildern und Worten von Klaus Dilger

Nachdem im April diesen Jahres, im Rahmen von TANZ NRW 21, die virtuelle Fassung von “CREATURE” zu sehen war (wir haben diese Fassung HIER besprochen), durften interessierte Zuschauerinnen und Zuschauer nun in kleinen Gruppen, durch kurze zeitliche Abstände getrennt, durch das Foyer des Alten Schauspielhauses wandeln und für eine halbe Stunde in die fünf Stationen der Performance “eintauchen”.

Wir haben eine solche kleine Gruppe mit der Kamera auf dieser “kurzen Reise” begleiten dürfen, die Ben J. Riepe auf seiner Webseite so verortet:

“…Inhaltlich reflektiert CREATURE die Phase des Übergangs an der Schwelle zu einer neuen Zeit zwischen Pandemie und Klimakrise. „Die Wuppertaler Fassung von CREATURE thematisiert, welche Erinnerungen aus der Welt, aus der wir kommen, uns in dieser Zeitenwende, diesem Transformationsprozess, begleiten“, so Riepe, „und auch, wovon wir vielleicht auch Abschied nehmen müssen, um uns der Frage zu nähern, welche Gemeinschaften und neue Allianzen wir im Lichte dieser Krise bilden können und müssen- vielleicht mit dem Menschen nicht als Krone der Schöpfung sondern als einem von vielen innerhalb der Natur gleichberechtigten Erdenbewohnern. In all diesen Fragestellungen ist CREATURE eine sehr aktuelle Arbeit. Dass es nun die Möglichkeit gibt, sie mit den Kolleginnen und Kollegen des Tanztheaters doch noch einmal live erfahrbar zu machen, ist wirklich wunderbar. Ich lade das Publikum ganz herzlich ein, dieses Performance-Erlebnis mit uns zu teilen…“

Ben J. Riepe CREATURE©Screenshot TANZweb.org

Ben J. Riepe CREATURE©Screenshot TANZweb.org

“…Feel Free to Get Lost…”

…war die freundliche Einladung unseres “Reiseleiters” nach einer kurzen Ablauf-Erklärung, –  fünf Stationen mit je fünf Minuten Aufenthalt – , ein Wunsch, der sich sofort erfüllte, als er uns die Tür zu Riepe’s Nebelreich öffnete… blendend helles Licht und viel Nebel, so stellte sich schon manche Filmregie die Begegnung mit der anderen Seite des Lebens vor und so watete unsere kleine Gruppe mit rudernden Armen symbolisch durch diese himmlische Leere des Nebellichts… irgendwann erreichten wir das Dunkel des Foyers des Schauspielhauses, wo rasch zwei schwarz gekleidete Gestalten aufgeregt herbeieilten um uns zu bedeuteten, “Ihr seid völlig falsch hier, wo ist Euer Guide?” – Der war nirgendwo… Erleichtert, nicht im Hades gelandet zu sein, tasteten wir uns zurück ins Licht, fanden unsere “Reiseleitung”, oder sie uns, und erreichten gemeinsam das ausgestopfte Dammwild, das in einem der Innenhöfe von Kunstnebel umwabert wurde, so wie wir von den Fragen unseres Guides: “Kunst oder künstlich, Natur oder natürlich, und überhaupt, die Bühne…”, ehe wir nach ein paar Atemübungen und den Antworten im Bauch den benachbarten Innenhof betreten durften, in dem sich die wartenden Tänzerinnen und Tänzer orgastisch in ihren Atemübungen steigerten. So nahe und so fern kommt das Publikum den verstreut mitwirkenden Mitgliedern des Tanztheaters Wuppertal selten…, dann nächste Station: fünf Ikonen des Pina Bausch Ensembles auf fünf Bildschirmen. Sie reden über das Alte Schauspielhaus und ihre Erinnerungen mit demselben. Die Zeit ist viel zu kurz, um jedem zuzuhören, es geht um die Ecke. “Something will happen…”, meint unser Reiseleiter, “…or NOT… past or future?“. Drama! so will es auch die eingespielte Musik… in Fetzen ist Strawinskys “Sacre” eingestreut zu hören und die geniale Pina Bausch Choreografie erscheint vor dem geistigen Auge, während wir auf zuckende, motorisierte Puppenteile starren. Zerschlagene Roboter? Ist dies die Konsequenz eines Transformationsprozesses, jener Begriff der spätestens seit Wagner-Bergelts Intendanzantritt das eigentlich weltberühmte Ensemble ständig begleitet? Transformation, die in Wahrheit erst Dekonstruktion, dann mehr noch Zerstörung, wird? Es sind nicht die gleichen Bildschirme, auf denen eben noch die prägenden Bausch-Künstler_innen zu sehen waren, aber es sind Bildschirme, Erinnerungen, die sich zwei junge Tänzer_innen umgeschnallt haben, die sie verhindern, sich frei zu bewegen und zueinander zu kommen. Abgeholzte Wälder mit  Tänzer_innen. Atmen übend oder versuchend Luft zu bekommen? Dann dürfen sich die Zuschauer_innen auf der Empore des Foyers das Bild malen, das sie sich in der letzten halben Stunde machen konnten und das Ganze dann versiegelt nach Hause tragen…

„Kunst muss zu weit gehen…“ sagte Nazareth Panadero irgendwann auf einem der Bildschirme… Damit kann sie eigentlich an diesem Ort und Kontext nur von Pina Bausch gesprochen haben.

Künstlerische Leitung/Konzept/Choreografie: Ben J. Riepe – Performance – Ben J. Riepe Team: Izaskun Abrego, Eray Gülay, Jolinus Pape, Paula Pau, Waithera Schreyeck, Igor Sousa, Leonie Türke – Performance – Tanztheater Wuppertal Pina Bausch: Emma Barrowman, Dean Biosca, Gabriel Brito, Maria Giovanna Delle Donne, Taylor Drury, Alexander Lopez Guerra, Oleg Stepanov, Julian Stierle, Christopher Tandy, Tsai-Wei Tien – Videointerviews – Tanztheater Wuppertal Pina Bausch: Nayoung Kim, Nazareth Panadero, Héléna Pikon, Julie Shanahan, Julie Anne Stanzak, Michael Strecker – Choreografische Assistenz: Víctor Zapata
Video – Wald: Alexander Basile – Videointerviews: Kurt Heuvens – Filmkonzept, Kamera, Schnitt: Nina Wesemann – Kamerassistenz: Linda Schefferski – Mischung: Max Walter – Grading: David Wesemann – Technische Leitung: Philipp Zander – Koordination: Izaskun Abrego – Management/Kommunikation: Nassrah-Alexia Denif – Projektleitung: Jessica Prestipino – Visuelle Kommunikation: dasbuero. Puder und Müller
Die neue Version von CREATURE in Wuppertal wurde auf Einladung des Kulturbüros Wuppertal und in Kooperation mit dem Tanztheater Wuppertal Pina Bausch produziert.
Ben J. Riepe CREATURE©Screenshot TANZweb.org

Ben J. Riepe CREATURE©Screenshot TANZweb.org