MOVE! In Town

Liminality – Die Choreografie des Dazwischen

Cooperativa Maura Morales aus Düsseldorf begeistert bei der Uraufführung im Innenhof der Fabrik Heeder in Krefeld

HIER geht es zu unseren Videoimpressionen

Es gibt Abende, an denen Tanz die reine Darstellung überwindet und ein Zustand wird, in den man hineingerät. Die Uraufführung von Liminality der Cooperativa Maura Morales im Innenhof der Fabrik Heeder gehörte zu diesen seltenen Erfahrungen. Schon bevor sich die erste Bewegung formte, war spürbar, dass dieser Ort nicht bloß Spielstätte sein würde. Der Hof der Fabrik Heeder – halb Industriearchitektur, halb urbaner Zwischenraum – trägt selbst die Signatur des Übergangs: zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Innen und Außen, Öffentlichkeit und Intimität. Genau hier setzt Maura Morales an.

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org

Der Begriff der Liminalität, geprägt vom Ethnologen Arnold van Gennep und später von Victor Turner weitergedacht, bezeichnet jene Schwellenzustände, in denen Gewissheiten ihre Gültigkeit verlieren. Man ist nicht mehr, was man war, und noch nicht, was man werden wird. Morales interessiert sich jedoch nicht für die Theorie, sondern für ihre körperliche Konsequenz. Wie bewegt sich ein Körper, der keinen festen Ort mehr hat? Wie verändert sich Gemeinschaft, wenn ihre Regeln instabil werden? Und kann Unsicherheit selbst zu einer produktiven Kraft werden?

Die Antwort gibt diese Choreografie nicht in Bildern, die man „versteht“, sondern in Bewegungen, die man körperlich nachvollzieht. Von Beginn an arbeitet Liminality mit Fragmentierung: Gesten brechen ab, Richtungen kippen, Formationen entstehen nur, um sich im nächsten Moment wieder aufzulösen. Nichts darf sich verfestigen. Wiederholung bedeutet hier nicht Ordnung, sondern die Erfahrung, dass derselbe Impuls unter veränderten Bedingungen eine andere Bedeutung annimmt.

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org

Das Erstaunliche ist, mit welcher Präzision Morales diese Instabilität komponiert. Viele zeitgenössische Arbeiten, die vom „Dazwischen“ sprechen, geraten in ästhetische Beliebigkeit. Liminality tut das nie. Jede Unterbrechung besitzt Gewicht, jede Beschleunigung eine dramaturgische Notwendigkeit. Man spürt, dass hier nicht improvisierte Unsicherheit gezeigt wird, sondern eine hochgradig strukturierte Choreografie des Kontrollverlusts.

Die drei ausgezeichneten Tänzer:innen – Emy Liljegren, Noemi Piazzi und Pedro Sanchez – tragen diese Struktur mit außergewöhnlicher Hingabe. Sie tanzen nicht, als wollten sie etwas demonstrieren, sondern als stünden sie tatsächlich auf einer Schwelle. Liljegren verfügt über eine faszinierende Fähigkeit, zwischen explosiver Kraft und beinahe schwereloser Suspension zu wechseln. Piazzi entwickelt eine stille, konzentrierte Intensität, in der selbst das Innehalten Spannung erzeugt. Sanchez bringt eine geerdete Präsenz ein, die den ständig wechselnden Beziehungen Halt gibt und zugleich immer wieder von ihnen erschüttert wird.

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org

Bemerkenswert ist, dass keine dieser Personen als „Figur“ erscheint. Die Tänzer:innen verkörpern keine Charaktere, sondern Prozesse. Ihre Körper werden zu Orten permanenter Aushandlung: Nähe entsteht, kippt in Distanz, wird wieder gesucht, wieder verloren. Daraus entstehen Bilder flüchtiger Gemeinschaften – temporäre Bündnisse, die sich im selben Moment auflösen, in dem sie entstanden sind.

Einen wesentlichen Anteil an der Intensität des Abends hat die Live-Komposition von Michio Woirgardt. Seine Musik begleitet die Choreografie nicht, sie atmet mit ihr. Elektronische Klangflächen, rhythmische Impulse und abrupte Stille bilden eine zweite Ebene der Schwellen-Erfahrung. Besonders in der offenen Architektur des Innenhofs entsteht ein akustischer Raum, der sich ständig verändert: Klänge scheinen an den Mauern zu hängen, verschwinden im Himmel, kehren aus der Ferne zurück.

Woirgardts Live-Performance besitzt dabei eine seltene Qualität von Gegenwärtigkeit. Man hört nicht ein fertiges Musikstück, sondern den Akt des Entstehens. Genau dadurch entsteht die produktive Reibung zwischen Tanz und Klang: Die Musik antizipiert Bewegung, widerspricht ihr, erinnert sich an sie. Nie illustriert sie, nie dominiert sie, auch wenn sie in der Anfangsphase enorm treibt. Statt Synchronität entsteht ein Dialog, der die zentrale Idee des Stücks – das Leben im Übergang – auf musikalischer Ebene fortsetzt.

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org

Was Liminality so stark macht, ist seine Weigerung, Unsicherheit als Defizit zu behandeln. In einer Zeit, die nach Eindeutigkeit, Kategorisierung und festen Identitäten verlangt, setzt Morales einen anderen Akzent. Der Zwischenraum erscheint hier nicht nur als Krise, sondern als Möglichkeit. Gerade weil die Ordnung instabil wird, können neue Formen von Beziehung, Wahrnehmung und Widerstand entstehen.

Darin liegt auch die politische Dimension des Abends, obwohl das Stück keine direkten politischen Botschaften formuliert. Es spiegelt die Erfahrung einer Gegenwart, in der viele Menschen zwischen sozialen, kulturellen und existenziellen Zuständen leben: zwischen Herkunft und Ankunft, analog und digital, Kontrolle und Überforderung. Liminality macht diese Erfahrung spürbar.

Der Innenhof der Fabrik Heeder wird dabei zum idealen Resonanzraum. Unter freiem Himmel, umgeben von den Spuren industrieller Vergangenheit, wirkt jede Bewegung wie eine Verhandlung mit dem Raum selbst. Der Ort erinnert daran, dass auch Architektur liminal sein kann: ein Speicher vergangener Arbeit, der heute Kunst beherbergt und damit eine neue Bedeutungsschicht trägt und ist gleichzeitig Mahnung, diesen für den Tanz in NRW so wichtigen Ort wieder vollständig herzustellen durch die Renovierung der grossen, derzeit geschlossenen Bühne.

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org

FAZIT

Mit Liminality zeigt die Cooperativa Maura Morales eine kompromisslose, präzise Choreografie, die furchtlose Präsenz der Tänzer:innen und die inspirierende Live-Komposition von Michio Woirgardt verbinden sich zu einem unprätentiösen und umso wirkungsvolleren Werk von seltener Geschlossenheit. Es ist ein Tanzstück über das Dazwischen – und zugleich ein Plädoyer dafür, die Schwelle nicht möglichst schnell zu überwinden, sondern sie als Ort der Verwandlung auszuhalten.

Selten hat ein zeitgenössisches Tanzwerk die Schönheit der Unsicherheit so überzeugend und gleichzeitig unterhaltend sichtbar gemacht.

Erneut am kommenden Sonntag, den 26. Juli um 18 Uhr an gleicher Stelle. – Absolut empfehlenswert!

LIMINALITY©TANZweb.org

LIMINALITY©TANZweb.org