TANZwebNRW AUDIODESKRIPTIONEN

Willkommen in unserem Versuchslabor, Tanz für nicht-sehende Menschen oder solche mit eingeschränkter Sicht, erlebbar zu machen. Sie einzuladen und ihnen Lust zu machen, Tanz auch ohne zu sehen mitzuerleben, vielleicht sogar sie zu ermuntern, das Angebot einer immer grösser werdenden Zahl von Tanz-Theatern auszuprobieren, die mittlerweile beginnen, Audiodeskriptionen für Tanzaufführungen anzubieten. Einschließlich haptischer Einführungsveranstaltungen zum Orientieren und Begreifen der Bühnensituation und zum Kennenlernen der Künstlerinnen und Künstler. Wir von TANZwebNRW besuchen Tanzaufführungen und besprechen sie in Wort, Bild, Film und Ton, indem wir Nachtkritiken schreiben und kurze, drei Minuten lange Videoimpressionen verfassen, die komplementär zum Wort sein können oder aber eine zweite Meinung wiedergeben, die der geschriebenen widerspricht. Lassen Sie sich ein….

KONTAKTHOF Pina Bausch

ÜBER DAS STÜCK

Kontakthof ist ein Stück von Pina Bausch und den Tänzerinnen und Tänzern des Tanztheater Wuppertal, das in 1978 zum ersten Mal im Opernhaus Wuppertal aufgeführt wurde.

Pina Bausch hat in späteren Jahren noch eine Fassung erarbeitet für Damen und Herren über 65 und eine Fassung für Jugendliche.

Neun Frauen und zehn Männer unterschiedlichen Alters und Aussehens treffen in einem Raum aufeinander, der bis auf die sauber an den Wänden aufgereihten Stühlen und einem Klavier und einem mechanischen Schaukelpferd leer ist. Die Atmosphäre von Fremdheit untereinander ist spürbar, ebenso wie der Wunsch dieser Menschen, sich kennen zu lernen.

Das Stück spielt in einem typischen grossen Saal, wie er oft in Kleinstädten in den siebziger Jahren noch anzutreffen war und der gleichzeitig für Versammlungen, Bälle, Kino und Theater dienen musste:

Circa 20 Meter breit und 18 Meter tief und 8 Meter hoch. An der Stirnseite des Saals ist eine 1 Meter hohe Bühne erkennbar, deren Portal eine Öffnung von etwa 6 Metern Breite aufweist. Der dunkelgraue Bühnenvorhang ist geschlossen. Davor sind 20 schwarze Holzstühle in einer Reihe aufgestellt. Links und rechts davon, etwas versetzt, sind je zwei weitere Stühle zu sehen.

In der rechten hinteren Ecke des Saals steht ein schwarzes Klavier und ein Mikrofon. Weiter vorne an der Wand sind weitere Stühle aufgereiht. Ebenso wie vor der gegenüber liegenden Wand.

Vorne links steht ein altes weisses Schaukelpferd, wie sie früher auf Jahrmärkten zu finden waren, mit einer roten Blechkiste zum Einwerfen von 10 Pfennigen, damit es anfängt zu schaukeln.

Der Boden besteht aus einem dunklen Parkett-Holzboden. Die Wände sind weiss gestrichen und haben eine braun-beige, 1Meter20 hohe Holzvertäfelung und hinten, auf der rechten Seite eine gleichfarbige Holztür.

 

VIDEO MIT AUDIODESKRIPTION

 

„… vergaloppieren Sie sich ruhig, sonst lohnt’s ja nicht.“

„KONTAKTHOF“ von Pina Bausch in Wuppertal (und jetzt in Paris)

Nach(t)kritik von Klaus Dilger

„…Variete? ein Zeigespiel. Von Traurigem, Verzerrtem, von Engem und Schrei, von Schreck und Gelächter und soviel Lust dabei, soviel Laune und Fühlen und Überraschung und Zärtlichkeit, tanzen und flüstern und launige Lieder

Gezeigt wird, und wie wir zeigen, wie wir verstecken oder auf dem Zugedeckten, Verstellten und etwas zu sehen suchen müssen, mühsam oft, fast bräuchte man Sehakrobatik, als wären wir im Zeigezirkus. Hier im Tanzsaal, hier ist Zirkus, hier ist Überallzirkus, Kino.

Alles zeigen oder von allem das, was nie selbst verständlich ist, dieses tief in uns Verzweigte, unsere Selbstverständlichkeiten. Mit den Augen der Pina Bausch sehen wir wie Kinder. Ohne Einübung in Distanzen, auf kein Maß reduziert. Unbegreiflich, unser Selbstverständliches.

Für zwanzig Pfennig oder zwei Groschen, wie es zu einem Zirkuspferd passt, (zu einem Automaten aber eher zwanzig Pfennig) kannst du dich hernehmen lassen zu einem Ritt auf der Stelle; die besten Bewegungsarten haben das auch für sich: man kommt nicht weit weg und hat doch was davon.

Träumen Sie sich einen Rosengarten oder seien Sie Fräulein Grete nachts am Kongo, Sie haben freie Fahrt und Eintritt frei und vergaloppieren Sie sich ruhig, sonst lohnt’s ja nicht. Und falls Sie nicht auf Ihre Kosten kommen, zahlen Sie halt mehr, Sie wissen, eine Theaterkarte ist teuer, sie kostet den Staat Stattliches und deshalb Sie nur die Hälfte und die Frau an der Kasse einen Salto mortale, sehen sie, sie sitzt da mit offenem Mund…“ (aus dem Originalprogrammzettel von 1978)

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

Das war frech, was Pina Bausch da von llle von Chamier 1978 in ihren Programmzettel zur Premiere von „Kontakthof“ im Wuppertaler Opernhaus zitiert hatte und nicht nur „damals“.

Das hatte Biss, besonders in jener Zeit, als die Wuppertaler Gesellschaft ein „Wuppertaler Ballett“ und eigentlich natürlich „Ihresgleichen“ sehen wollte, nur eben im Opern-Foyer und nicht in einem „Spiegel“ auf der Bühne. Das hatte vor allem auch deshalb Biss, weil ihre Tänzerinnen und Tänzer in Pina Bauschs Arbeit „Zähne zeigen“ konnten, – nicht nur zum Lächeln.

Pina Bausch siedelte ihren „Kontakthof“ Ende der Siebziger, lange vor „Google“ und „YOUtube“, in einer Welt des frühen zwanzigsten Jahrhunderts an, mit Musik von Sibelius, nostalgischen Schlagern und europäischem Tango. „Kontakthof“ bezeichnet hierbei die Gesteins-Zone zwischen flüssigem und erstarrten Gestein unterschiedlicher Dichte und Dicke, also den Berührungspunkt, der jeder Eruption, jedem Vulkanausbruch vorangestellt ist. Dass Gefängnishöfe und manche Zonen in der Prostitution diesen Namen tragen, widerspricht den zitierten Gedankenbruchstücken des Programmzettels nicht, in dem alles gesagt ist…, der Rest ist schauen und erleben.

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

Wer „Kontakthof“ (und andere Werke von Pina Bausch) mit dem sich rasant verjüngenden Ensemble des Tanztheater Wuppertal zum ersten Mal sieht, wird sich kaum die Frage stellen und schon gar nicht beantworten können, wieviel von dem Werk, von seinen Co-Autoren und deren Nachfolgerinnen und Nachfolgern an die jetzt Tanzenden vermittelt werden konnte und als lebendige Performance erhalten geblieben ist. Irgendwann in naher Zukunft werden die Zeitzeugen fehlen, die dies noch könnten. Dass die Werke der Tanztheater-Ikone ein heterogenes Ensemble mit starker Technik und Ausdruckskraft benötigt, das sich vorwiegend diesem Repertoire widmet und aus ihm schöpft, scheint nahezu gewiss. Dies ist nicht zuletzt abzulesen an den Entwicklungsschritten der Tänzerinnen und Tänzer in den Stücken von Pina Bausch.

Deutlich unterstrichen wird dies auch durch die Premiere nach der Übernahme des Werks in das Repertoire des Ballet de L’Opéra de Paris in der vergangenen Woche. Da sitzt jeder Takt, jedes Lächeln, jede Frisur dieses uniformen Ensembles aus Sternen-, Sternchen- und Corps de Ballet- Tänzerinnen und Tänzern, nur Biss(wunden) oder Anderes, das möglicher Weise geeignet wäre, (s)eine Welt durch Tanz(Theater) von Pina Bausch verändern zu lassen, darf nicht erwartet werden…

Wie hiess es doch im Programmzettel 1978? „… Träumen Sie sich einen Rosengarten oder seien Sie Fräulein Grete nachts am Kongo, Sie haben freie Fahrt und Eintritt frei und vergaloppieren Sie sich ruhig, sonst lohnt’s ja nicht.“

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

Kontakthof_Pina Bausch©TANZweb.org_Klaus Dilger

KONTAKTHOF von Pina Bausch

Von |2024-03-30T22:20:32+01:0029. Dezember, 2023|

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