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UNDERGROUND IX – Zwischen Widerstand und Selbstbezug
Beobachtungen, nachgereicht von
Klaus Dilger
Sieben überwiegend neue Choreografien und sogenannte „works in progress“ von Tänzerinnen und Tänzern des Ensembles des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch, Dauer zwischen 10 und mehr als 24 Minuten, sollten Gelegenheit geben, 13 der Ensemblemitglieder jenseits des Pina Bausch „Sprach- und Bewegungskosmos“ zu entdecken. Qualitativ wurde dies ein gemischter Abend.
„Underground steht für kreative Eigeninitiative, künstlerische Freiheit und Zusammenarbeit innerhalb der Kompanie. Es lädt dazu ein, neue Wege zu gehen und persönliche, risikofreudige, oft auch sehr intime Arbeiten auf die Bühne zu bringen. Die Reihe steht weiterhin für offene künstlerische Prozesse, kollektives Forschen und eine klare Einladung: Mitdenken, mitfühlen, mitgestalten.
Auf der Suche nach einer eigenen Sprache und Ästhetik – mal nah am Tanztheater, mal bewusst davon entfernt – erhalten die Tänzer*innen freie Hand. Die Idee des Werdens und des Unfertigen bleibt dabei zentral.“
So die Ankündigung des Tanztheaters.
Wenig (vor)weihnachtlich oder gar festlich…
Wer eine (vor)weihnachtlich oder gar festliche Stimmung erwartet hatte, wurde enttäuscht. Eher kalt präsentierte sich das geplante Pina Bausch Zentrum am 19. Dezember und an den zwei folgenden Tagen anlässlich der neunten Ausgabe von „underground“ des Tanztheater Wuppertal Pina Bausch im Alten Schauspielhaus an der Kluse. Dunkle Stimmung (hier hat jemand den Begriff „underground“ wohl zu wörtlich genommen). Keine atmosphärische Beleuchtung, keine Gastlichkeit, ja sogar auf professionelles Personal für die „Hospitality“ wurde verzichtet. Stattdessen Stuhl an Stuhl für die Zuschauenden aufgereiht, Körperkontakt unausweichlich, bei einem insgesamt sich doch in die Länge ziehenden Abend. Entsprechend verärgert reagierten nicht wenige der anwesenden Tanzinteressentinnen und -Ínteressenten.
DEM WELTGESCHEHEN OFT ZUM TROTZ
Die Veranstaltungsreihe Underground, die während des PINA40-Festivals Premiere feierte und seitdem acht Mal an verschiedenen Orten in der Stadt zu sehen war, fand zuletzt 2019 statt. Die eigenen kreativen Impulse und Fragestellungen des künstlerischen Personals waren also nach dem Charmatz-Intermezzo wieder ausdrücklich gefragt und doch:
Nie zuvor musste sich eine Ausgabe dieses experimentell gedachten Formats so sehr wie Heute am aktuellen Weltgeschehen und der Frage, wie geht die Kunst damit um, messen lassen.
Fazit: Nicht nur in Wuppertal, sondern weltweit, scheint die Tanz- und Performanceszene Mühe zu haben, sich im Weltgeschehen aus Politik und Gesellschaft(en) zu positionieren und Stellung zu beziehen. Geschichte wiederholt sich, ein Umstand, der Fragen aufzuwerfen droht, vielleicht erst in vielen Jahren, aber die Fragen nach dem Schweigen Heute werden ebenso kommen wie im letzten Jahrhundert.
SYMBOLIC FISH von Frank Willens
Der einzige Beitrag des Abends, der überhaupt und direkt auf die unfassbaren politischen und gesellschaftlichen Ereignisse reagiert, die aktuell unser tägliches Leben bestimmen, war SYMBOLIC FISH von Frank Willens (Tanz, Konzept & Choreografie von Frank Willens – Künstlerische Unterstützung Daniel Aguilar), dessen Titel nun in ein COULD BE verwandelt wurde. Und es war mit der Anspruchsvollste.
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„Man muss etwas machen. Nichts machen ist keine Option. Das wäre ein Vorschlag, was man machen kann. Mehr möchte es nicht sein,“ sagt Willens zu seiner Intervention im Programmheft.
Willens tritt als lebendig gewordenes Warn- und Tonsignal, als Sirenenalarm, vom kargen Zuschauerraum auf die schwarze Bühne, an deren mittigen Ende ein Schlagzeug-Set aufgebaut ist. Er wird mal rhythmisch, meist aber verzweifelt darauf eindreschen, wenn er nicht gerade (selbstironisch) körperlich physisch und verbal proklamiert und demonstriert, dass er doch eigentlich hätte der beste Tänzer der Welt werden und sein wollen. Gestische und choreografische Anleihen an Pina Bausch sind ebenso erkennbar, wie Zitate post-moderner Choreografie-Größen. Ein fragwürdiges Antanzen gegen eine (oft selbstgefällige) Sinnlosigkeit, angesichts der sich immer schneller drehenden Spirale einer beispiellosen Wertezerstörung. Dann wird er im Wortsinn „die Hosen runter lassen“, um nach einer guten viertel Stunde in einem tonlos werdenden Schrei hinaus zu brüllen, was Viele Heute empfinden, wenn sie an die USA und ihren Präsidenten denken…. „…..loch!“
Von Fundusmöbeln und -Kleiderwechseln
Dabei hatte der Underground-Abend ziemlich leicht begonnen, auch wenn sehr Persönliches durchaus spürbar geworden war:
WHO YOU ARE, WHO YOU WILL BE,AND WHO YOU’VE ALWAYS BEEN
Konzept & Choreografie von Nicholas Losada mit Andrey Berezin, dessen Tochter Antonina Berezin und Naomi Brito
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Ein Stück Selbstfindung, das mit reichlich Fundusmöbeln und -Kleiderwechseln agiert, in dem Naomi Brito, zunächst heimlich hinter „verschlossenen“ Türen, ihr wahres Ich sucht, stets in Furcht, wie es scheint, dabei entdeckt zu werden. Doch irgendwann ist da die kleine Antonina (Berezin) in das Geschehen gelangt und fortan werden die Beiden Verbündete und tanzen gemeinsam in wechselnden Kostümen, allein, zu Zweit, bis das wohl „unvermeidliche“ geschieht und der Vater (Andrey Berezin) die Szenerie betritt. Was wird geschehen. ALLE denkbaren Varianten der weiteren Entwicklung sind plötzlich präsent… Suspense mit augenzwinkerndem Happy Ending.
Es scheint eine der ersten Arbeiten von Nicholas Losadas als Choreograph gewesen zu sein.
Michael Strecker überzeugt mit feiner und sehr musikalischer Choreografie für
EDD JAN LUCIÉNY MARIA GIOVANNA & TAYLOR
So der Titel der Hommage an seine Tänzerinnen und Tänzer Edd Arnold , Maria Giovanna Delle Donne , Taylor Drury , Luciény Kaabral und Jan Möllmer
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Schon in UNDERGROUND VII konnte Strecker in seinem Duo mit Nazareth Panadero „TWO DIE FOR“ im Skulpturenpark Waldfrieden choreografisch überzeugen. War es in 2019 noch die Bewegungsprache und „Erzählstruktur“ einer Pina Bausch, die das Verhältnis der Tanztheaterikonen prägte, so hatte Strecker knapp sieben Jahre später ein ganz eigenes, fliessendes Bewegungsvokabular gefunden.
LAYERS
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Von Julian Stierle bleibt dagegen sehr eng dem Tanztheaterkanon verhaftet: Andrey Berezin, Dean Biosca, Emily Castelli, Aida Vainieri haben sichtlich Spass, zusammen mit Stierle, dessen skurrilen Einfälle, die mit Situationskomik spielen, auszuleben. Dann wieder führt er seine Protagonisten zusammen, um in einem Maskenspiel den Einzelnen und dessen Rollenklischees zu hinterfragen, sie aufzubrechen, um doch immer wieder in sie zurück zu fallen. Diese hintersinnige Leichtigkeit wird plötzlich von der Malerei von Hyerim Stierle-Lee großflächig kontrastiert, ohne dass sich hierbei für die Zuschauer ein neuer Horizont oder eine neue Dimension auf der Bühne öffnen würde.

My-heart-will-stop-in-joy.-A-confusion-so-thick-you-forget-forgetting-von-Naomi-Brito-c-Laszlo-Szito
Mit das stärkste Stück des Abends gelingt Naomi Brito mit ihrem Solo für Luciény Kaabral:
MY HEART WILL STOP IN JOY-A CONFUSION SO THICK YOU FORGET FORGETTING…
Arnulf Eichholz hat ihr hierfür einen weissen, stark reflektierenden Würfel in die Rückwand des schwarzen Bühnenraums eingelassen, der nur zum Publikum hin offen bleibt. Leider erweist sich der Bühnen- und Zuschauerraum des Alten Schauspielhauses als nicht ideal, da Beide viel zu breit angelegt sind und ihnen die Tiefe fehlt, um von allen Plätzen aus Sicht zu haben in das Innere dieses Würfels.
Dennoch erreicht dieses „PeopleOfColour“-Manifest das Publikum dank der eindringlichen und sensiblen Präsenz von Luciény Kaabral, die nicht nur tänzerisch überzeugt, sondern auch mit dem erstaunlichen Einsatz und Präzision ihrer Stimme. Ein ungewöhnliches Lichtdesign zwischen Stroboskop und nuancierten Brüchen, lassen die profunde Auseinandersetzung mit dem Thema erahnen. Intuition, Gewalt, Wut, Verzweiflung, Stille im Sturm des Windkanals, der die Tänzerin einem optischen Wirbelsturm aussetzt, vorangetrieben von Frank Willens peitschendem Schlagzeugspiel. Sehr viel Raum für Assoziation, auch im Setting unserer Wirklichkeit.
Taylor Drury betitelt ihr augenzwinkerndes Intermezzo, getanzt von ihr selbst, Naomi Brito, Michael Strecker und Jan Möllmen, ganz bescheiden mit
NEUES STÜCK TAYLOR,
das sie gemeinsam mit den Tänzern choreografiert hat.
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Fünfzehn Minuten Tanz, Musik, in rabenschwarzen Frack-Kostümen und gemeinsames experimentieren ganz ohne Prätention … dankbar angenommen vom Publikum.
Rabenschwarz, (nicht nur die Köstüme), auch das letzte Stück des Abends: Julie-Anne Stanzak, seit Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts/Jahrtausends als Tänzerin zu einer der Ikonen beim Tanztheater Wuppertal Pina Bausch geworden, beschreibt ihren Anspruch im Programmheft so:
WENN WANN DANN
SAGT DER RABE
„Ich saß allein am Küchentisch, der herbe Duft verbrannten Toasts schwebte noch in der Luft. Draußen zog der Regen lange, geduldige Fäden über die Scheibe. In diesem Moment setzte sich ein Rabe auf den Fenstersims.
Er sah zu mir herüber – ohne Groll, ohne Güte, nur mit einem Blick, der wirkte wie erschöpfte Erkenntnis.
„wenn wann, dann“, sagt der Rabe
Ich antwortete nicht.
Ich wusste nicht wie.
Eine Begegnung mit Beethoven und seinem Adagio der Sonate „Hammerklavier“ Op.106 „
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Doch wie sah diese Begegnung aus? Julie Anne Stanzak schleppt die Pianistin Maki Hayashida auf ihren Schultern zum schwarzen Flügel auf der linken Bühnenseite, vorbei an einem Raben, der auf einer schwarzen Leiter im Bühnenhintergrund abgestellt ist… Es folgt eine Aneinanderreihung von kurzen (bis hin zu indianisch anmutenden) Tanzschrittfolgen, weiße Kaligrafie auf schwarzem Bühnenboden, die wie das angeeignete Negativ einer bekannten Rauminszenierung wirkte. Sand in Cowboystiefeln, die Tänzerin malt sich rote Zeichen im Wodoo-Blick-Kontakt mit dem ausgestopften Raben auf die rechte Hüfte, Haare-Zieh-Duette mit der japanischen Pianistin, viel Dramatik, auch in Rabenmaske.
Die Bilder häufen sich, ohne sich zu verdichten; sie verweisen aufeinander, nicht über sich hinaus.
Nach fünfundzwanzig Minuten schultert die Tänzerin-Choreografin-Regisseurin die Pianistin erneut, trägt sie – wiederum vorbei am Raben – von der Bühne. Der selbstreferentielle Kreislauf schließt sich. Eine Begegnung mit Beethoven bleibt behauptet, nicht eingelöst.
So endet die neunte Ausgabe von UNDERGROUND leider wenig experimentell in einer Selbstbespiegelung, die eine unwirtliche, von Narzissmus geprägte Welt noch unwirtlicher macht.



