„TANZ“ in Berlin

Die große Ermüdung

Zu Sasha Waltz’ 100. Aufführung von Dido & Aeneas in der Staatsoper unter den Linden in Berlin

Meinung von Klaus Dilger

Es gehört zu den seltsamen Mythen des deutschen Tanz- und Opernbetriebs, dass Sasha Waltz’ Dido & Aeneas als „ikonische“ Verbindung von Purcell und zeitgenössischem Tanz gilt. Ein Werk, das angeblich Maßstäbe gesetzt habe. Doch wer die Inszenierung heute betrachtet, sieht vor allem eines: die spektakuläre Einfallslosigkeit einer Choreografie, die sich hinter großen Bildern versteckt.

Die immer wieder behauptete „Atemlosigkeit der Körper“, die „Entgrenzung von Oper und Tanz“, die „archaische Bildsprache“ – es sind längst abgegriffene Zuschreibungen, die bei genauer Betrachtung nicht tragen. Waltz inszeniert Atmosphären, aber keine Notwendigkeiten; sie arrangiert Körper, aber sie denkt nicht choreografisch. Die Bewegungen bleiben in dekorativer Selbstwiederholung stecken: Wellen, Impulse, Formationen – gediegene Oberflächen ohne innere Entwicklung. Selbst mit den grossartigen Möglichkeiten des riesigen Bassins in der Eingangsszene weiss Waltz, ausser ein paar angedeuteten Ballettexerzitien und diversen „Tauchgängen“ nichts anzufangen.

Dass diese bildhafte Kulisse so oft als künstlerische Tiefe missverstanden wurde, hat viel mit ihrer Monumentalität zu tun und wenig mit der choreografischen Substanz. Die Bilder überwältigen – und verdecken damit die konzeptionelle Leere dahinter.

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

Eine Inszenierung, die Purcell eher erdrückt als berührt

Waltz’ Version von Dido & Aeneas ist weniger eine Auseinandersetzung mit Purcell als ein ästhetischer Filter, der die Musik in Daueremotion verwandelt. Wo die Partitur Klarheit verlangt, produziert die Inszenierung Stimmung; wo sie Dramatik bietet, erzeugt Waltz visuelle Sedierung bis hin zur einschläfernden Langeweile. Wo Tates Libretto nach Prägnanz und Kürze verlangt, blähen Waltz und Dramaturg Jochen Sandig nichts sagend auf.

Die vielbeschworene „Integration von Sängerinnen und Tänzerinnen“ führt in Wahrheit zu einem eigentümlichen Nebeneinander: Die Körper illustrieren, statt zu formulieren; sie schmücken aus, statt zu präzisieren. Der Tanz wird zum dekorativen Ornament der Musik – und verliert gerade dadurch jede Reibung, jede Notwendigkeit.

Eine Aufführung, die das Risiko scheut

Dido & Aeneas ist ein Werk über Erschütterung, Entscheidung und die Unmöglichkeit des Glücks. Waltz jedoch wählt die glatte Form: Schönheit ohne Abgrund. Ihre Choreografie scheut den Konflikt – und damit das, was Tanz als Denkbewegung auszeichnet.

Im Ergebnis bleibt dies so ein Werk, das sich selbst genügen will, eine Behauptung ohne je zu riskieren.

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

Der traurige Höhepunkt

Wer Clementine Deluy in Pina Bauschs Café Müller gesehen hat – dieses vibrierend zerbrechliche Wesen in Purcells Klangraum –, dem musste das Herz brechen, dieselbe Tänzerin hier solch banalen Gesten, mechanischen Gruppendynamiken und atmosphärischem Dauernebel ausgesetzt zu sehen. Der Kontrast hätte kaum brutaler ausfallen können: Dort die existenzielle Präzision einer Pina Bausch, das choreografische Denken in Schmerzlinien; hier das ornamentale Auffüllen eines Raumes, der nichts zu sagen weiß.

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

Fazit

Diese Dido & Aeneas ist nicht das visionäre Gesamtkunstwerk, für das Sasha Waltz jahrelang gefeiert wurde. Sie ist ein ästhetisches Museumsexponat: groß, glänzend, leer. Der Tanz bleibt stehen, wo er beginnen müsste. Aber die Bilder vermögen nicht zu verdecken, was choreografisch fehlt.
Statt einer choreografischen Wahrheit erlebt das Publikum in der ausverkauften Staatsoper Unter den Linden in dieser Inszenierung vor allem eines: die große Ermüdung, die einsetzt, wenn wirkliche künstlerische Präzision durch visuelles Spektakel ersetzt wird.

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch

DidoAenaeas_Sasha-Waltz©Sebastian-Bolesch