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„Impossible Flight“

Erneut zu sehen am Samstag und Sonntag, den 10. und 11.Oktober  in Köln in den Ehrenfeld-Studios, Beginn jeweils 18 Uhr

Hier zur Erinnerung unsere Premierennachtkritik:

Ein zeitgenössisches Tanzstück von Tanzwerke Vanek Preuß

Nachtkritik von Klaus Keil

Leise und verhalten beginnt „Impossible Flight“, das neue Tanzstück der Tanzwerke Vanek Preuß, das gestern Abend in der Brotfabrik Bonn uraufgeführt wurde. Aus dem Dunkel der Bühne schält sich nach und nach ein eng umschlungenes Knäuel Mensch. Drei Personen sind es, die sich da gegenseitig eng aneinander klammern, dem Anderen mal Augen oder Mund zu halten, am Körper packen, als wollten sie ihn davon abhalten, irgend eine Art von Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die sich wie eine Zwangsjacke über diesen Ort legt. Ihre Körpersprache signalisiert hier im Prolog des Stückes Hoffnungslosigkeit: eine verzweifelte Schicksalsgemeinschaft, die auf Gedeih und Verderben aufeinander angewiesen ist. Im kalten Seitenlicht lässt sie der Schattenwurf ihrer Körper noch stärker als amorphe Masse erscheinen – apathisch und antriebslos.

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günther Krämmer

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günter Krämmer

Doch der Schein trügt. Auf der Bühne der Brotfabrik ebenso wie im wirklichen Leben. Zwar verorten Vanek/Preuß das Thema ihres Stückes in der widerspruchslosen Vereinnahmung der Menschen im globalen Stockholmsyndrom, das sie auf alle gesellschaftlichen Bereiche ausdehnen. Doch immerhin sollte etwa „Fridays for Future“ (um nur ein Beispiel zu nennen) auch dem Produzenten-Duo ein wenig Hoffnung bringen. Jedenfalls werden in der nächsten Stunde die Tänzerin Nora Vladiguerova und die beiden Tänzer Dwayne Holliday und Tobias Weikamp etwas Widerständiges aus sich herauskehren, das wesentlich für diese Inszenierung ist: Ihre großartige tänzerische Präsenz.

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günther Krämmer

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günter Krämmer

„Impossible Flight“ ist ein Tanzstück, das mehr als andere von der absoluten Präsenz seiner Tänzer lebt. Dabei geht es vor allem um die glaubhafte Darstellung der Zweifel und Ängste, die alle Drei vorantreibt. Der Inszenierung gelingt es mit einer großartigen Gemeinschafts-Choreografie unter Leitung von Karel Vanek, die jeweiligen Besonderheiten, Bewegungs- und Ausdrucksstärken der Tänzer aufzunehmen und in die Gesamtkonzeption zu integrieren. Großartig gelöst haben die drei Protagonisten auf ihre jeweils eigene tänzerische Ausdrucksweise die schwierige Artikulierung von Apathie, von Demut, Rückzug und stillem Widerstreben.  Die Teilnahmslosigkeit und Apathie des Prologs werfen sie ab wie lästigen Ballast, auch wenn ihnen bis zum Ende des Stückes der komplette Wandel von der Inszenierung verwehrt wird. Doch das Stück bleibt damit der Realität verbunden und folgt nicht dem schönen Schein. Gut so. Bis zum Ende des Stückes steigert sich der Percussions-Background mit oft schmerzhaftem metallischen Kreischen wie leitmotivisch für den Tanz. Mit einem starkem Bewegungs- und tänzerischem Ausdrucks-Vokabular kämpfen Nora Vladiguerova, Dwayne Holliday und Tobias Weikamp gegen Ohnmacht und Resignation, gegen Wohlstands-Apathie und innere Fluchttendenzen. Von 36 (!) Scheinwerfern  eingesperrt auf der Bühne stellen sich die drei Protagonisten mit kleinen Fluchten allein oder mit den jeweils beiden Anderen dem Kampf gegen diese innere Leere und Apathie.

„Impossible Flight“ ist ein ebenso ungewöhnliches wie anspruchsvolles Tanzstück, das auch zum Diskurs herausfordert.

P.S.  Das Stockholm-Syndrom geht zurück auf eine Geiselnahme 1973. Es beschreibt einen psychologischen Effekt, nach dem das Opfer positive emotionale Gefühle zu seinen Entführern aufbaut.

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günther Krämmer

IMPOSSIBLE FLIGHT©Günter Krämmer