Der Kurt Jooss Preis hat eine neue Trägerin: Chun Zhang

Choreographieren ist Organisieren

Nachtbesprechung von Melanie Suchy

Der Kurt-Jooss-Preis hat zwei neue Trägerinnen: Chun Zhang bekam ihn gestern Abend in PACT Zollverein in Essen von der offiziellen Jury zugesprochen für ihre Choreographie „Being far away from“, und das Publikum votierte für Emma Eveleins „Wolves“. Kai Strathmann war als dritter nominiert worden, mit „Regnet es?“, was auch schon eine halbe Auszeichnung ist. Der Preis als solcher müsste aber noch bekannter werden, erstens um seinem bahnbrechenden Namenspatron noch mehr Ehre zu machen, zweitens um diesen Glanz noch besser auf die seit 2001 alle drei Jahre Geehrten zu werfen. Ein paar Worte Laudatio oder Jurybegründung wären auch sehr wünschenswert, denn Kurt Jooss hat nicht das Schweigen über die Tanzkunst gepredigt. Im Gegenteil.

Klar, es ist „nur“ ein Förderpreis, so heißt er im Untertitel, früher mit 6.000, inzwischen, mit 10.000 Euro dotiert (der Publikumspreis  mit 1000 Euro), gedacht für choreographierende Profis, die „aber noch nicht arriviert sind“. Das ist ohnehin fast jeder Choreographiepreis, der einem Wettbewerb entspringt. Wer, wenn nicht Nicht-Arrivierte setzt sich dem aus? Nur ist es hier wiederum kein mehrtägiger Wettbewerb wie in Stuttgart oder Hannover. Sondern die Nominierten zeigen in nicht öffentlicher Aufführung ihre Werke vormittags der Jury und abends dem Publikum. „Über 80 Bewerbungen“ per Formular und Video-Einsendung aus aller Welt habe es gegeben, wurde verkündet von Seiten der Stadt.

Ob die jemand seit Ende Oktober 2018 vorgesichtet und eine engere Auswahl für die Jury oder die Jurykollegen hergestellt hat, wird geheim gehalten. Und so bleibt der Zuschauerin ein Rätseln darüber, aus welcher Menge von Choreographien genau diese drei herausgeragt haben und warum. Doch ergaben sie einen gelungenen Abend. Keinen sensationellen. Dass jedes Stück mit acht Tänzerinnen und Tänzern aufwartete, lässt sich als ein Statement werten. Es stimmt: Neben den in der Freien Szene dominierenden Winz-Besetzungen ist eben das gekonnte Arbeiten mit mehr als fünf Tänzern besonders zu unterstützen.

Zwei Essener Heimspiele und ein niederländischer Beitrag oder: Woher und wohin?

In „Regnet es?“ von Kai Strathmann zu ununterbrochen plinkernder und auf und ab orgelnder, etwas nervtötender  Synthesizer-Musik kommt der Schauer nie. Oder nur so strichweise, dass ein Mensch sich wegduckt, umdreht, drei Schritte davoneilt, aber niemand sonst, oder doch, weiter hinten jemand – unter einem anderen Strich. Strathmann inszeniert die Frage ans Unaufhaltsame. Wie bei dem berühmten „Sideways Rain“ von Guilherme Botelho aus Genf streben die nacheinander auftauchenden Tänzer von links quer über die Bühne nach rechts. Sie gehen: Ferse vorn absetzen, Arme schwingen so hoch wie bei Bilderbuchfußgängern. Aber alles so langsam, dass des eben nur das Bild eines Schwunges ergibt, gepaart mit der Erwartung des Weg-Endes: Was passiert am Ziel, am rechten Bühnenrand?

Immer weiter immer

Doch dann stört er das Vorwärtskommen mit Rucks im Getriebe, kleinen Einrastern. Und plötzlich geht jemand rückwärts, das Gesicht weiterhin dem Ziel zugekehrt. Jemand erstarrt. Dann weiter, weiter. Einzelne, mehrere, nacheinander oder gleichzeitig, klicken schnelle, harte Bewegungen in den langsamen Fluss hinein, heben Ellbogen neben den Kopf, strecken Arme überkreuz herab, bücken sich, knicken die Knie, legen sich, dann gehen sie wieder. Vorwärts. Rückvorwärts. Die Mienen reglos. Die An- oder Ausfälle mehren sich, vergrößern sich, das ist recht erwartbar, aber wird beim Zuschauen nie öde. Es ergibt ein Gesamtbild, in dem hier und da unversehens etwas aufpoppt. Was das ist, bleibt offen, und wohin all das Gehen führt, auch. Nur ein Spiel, eine Art Animation? Was sind dann die Tänzer? Solche inhaltliche Antwort vermisst man. Doch das klischeevermeidende Kombinieren von Popping aus dem Urban Dance, der früheren Heimat von Kai Strathmann, bevor er an der Folkwang Uni in Essen Tanz und Choreographie studierte und in  Wuppertal im „Sacre“ von Pina Bausch mittanzte, mit Modern-Zeitgenössischem Tanz, das hat Potenzial.

Weit weg sein von

Strathmanns Besetzung bestand zur Hauptsache aus Folkwang-Absolventen. Kein Wunder. Aber vielleicht fehlt bei solch geballter Kollegialität auch etwas Spritzigkeit. Mit einem  ähnlichen Ensemble, zum Teil denselben Tänzern, diesmal alle in Schwarz gekleidet, arbeitete Chun Zhang. Die erfahrene Tänzerin und Choreographin aus Shanghai hatte bis 2018 in Essen den Masterstudiengang Tanzkomposition absolviert. Bei ihr wiederum werden Elemente aus dem Chinesischen traditionellen Tanz erkennbar, die Sorgfalt bei Fingerhaltungen, die Zentriertheit, die den Körper als Eins, als unfragmentiert, und das Wechseln zwischen Langsam und Schnell zusammenhält. Ihre halbstündige Choreographie verschränkt eine Menge Einzelszenen und arrangiert sie auf der großen Bühne so, dass manche Gruppenformationen oder auch das Erscheinen Einzelner den Eindruck von Geistern vermittelt, die im Schatten agieren, flüstern, sich herumtreiben, verwirren, trösten. Aber nie fassbar werden oder bleiben. Ausgehend von der einen Frauenfigur, die zu Beginn die Hände an Kopf und Gesicht drückt, als wolle sie nichts  mehr sehen und denken wollen, scheint eine Geschichte sich durch „Weit weg sein von“ zu ziehen. Oder mehrere, wie Erinnerungen.

Halt – los

Es wird viel gerannt in dem Stück, wie auf der Flucht. Dauernd verschwinden Tänzer, kommen von woanders wieder. Ballen sich zur Gruppe, zu mehreren kleinen Arrangements, entfernt voneinander; und plötzlich sind nur noch zwei da. Wie im Tumult stehengelassen,  vom Schicksal da hingeworfen, stehen eine Frau und ein Mann ganz still und dicht voreinander. Später ist da wieder ein Paar, ein anderes, am identischen Ort. Die meisten Berührungen sind nur Fast-Berührungen. Manchmal wird auch grob geschubst. Weggeschaut. Suchend herumgelaufen, während Waldvögel zwitschern. So wie man beim Zuschauen nach Fäden hascht, um zu verstehen, aber nur fast begreift, treibt ein großes, vielfältiges Fremdsein auf der Bühne sein Un-Wesen. Samt dem ständigen Wunsch eben: anzukommen. Nicht mehr weit weg zu sein von – Dieser nicht eingängigen, aber größtenteils überzeugenden Arbeit und Arbeitsweise sind Chancen auf den Bühnen zu wünschen. Hoffentlich wirkt der Preis nun als Fürsprecher für Chun Zhang.

Hingegen werden die „Wolves“ von Emma Evelein, wie auch das Publikumsvotum bewies, flott ihren Weg machen. Es ist unterhaltsam, doch undurchsichtig, schnell, wirkt sehr heutig, an keine Traditionsleine gelegt. Dass die junge Niederländerin sich wolfsmäßig große Happen von Ohad Naharins Gaga-Bewegungsart einverleibt hat, ist auf den ersten Blick zu sehen: etwas, das aus dem Körper dräut, rieselt, pufft wie Launen, statt dass er einem planenden Hirn folge. Ein Virtuosentum, das in Israel viel zu sehen ist. Emma Eveleins Choreographie wechselt das Herausschießen und Einknäueln von Armen und Beinen ab mit vereinzeltem Flattern und Zittern, Rollen, Krauchen, giraffenartigem Staksen und Passgang. Dazu spielerisch schnappende Duette. Wenn Tänzer unvermittelt aufhören und nur stehen, schauen auf den, der liegt oder sich noch regt, wenn sie also warten, scheinen sie aus der Rolle getreten. Das Nichtstun gebiert eine seltsame Spannung. Die nächste Rolle, die  nächste Aktion sind total unvorhersagbar. Vielleicht sind Wölfe so. Oder Menschen. Ach: Sie drehen ab, hier jedenfalls. Sie haben keine Vorstellung vom Tod, sondern träumen vom veganen Wolfsein.

(Offenlegung: Melanie Suchy hat einen Lehrauftrag am Institut für Zeitgenössischen Tanz der Folkwang Universität der Künste Essen inne)