UNSERE VIDEOIMPRESSIONEN ZU Richard Siegals „New Ocean

  • Richard Siegal_NEW OCEANS©TANZweb.org_Klaus Dilger

UNSERE VIDEOIMPRESSIONEN ZUR

Uraufführung von Richard Siegals

„New Ocean (the natch’l Blues)“

  eine Hommage an Merce Cunningham

Richard Siegal mit dem Ballet of Difference im Depot 1, Köln

Nachtkritik von KLAUS KEIL

Dass ein anderthalb Stunden langes, völlig abstraktes Tanzstück, noch dazu im ersten Teil völlig tonlos und in einer außergewöhnlichen Bewegungssprache, die auf den ersten Blick völlig zusammenhangslos wirkt, dass solch ein Tanzstück also zum Schluss mit lang anhaltendem, begeisterten Applaus gefeiert wird, ist wohl eher die Ausnahme.

Dem Choreografen Richard Siegal mit den Tänzerinnen und Tänzern des Ballet of Difference ist dies gestern Abend im Depot 1, der Spielstätte des Schauspiels Köln, mit Bravour gelungen. Der Erfolg der Uraufführung von „New Ocean (the natch’l Blues)“, Siegals neuem Tanzstück an neuer Tanzstätte ist ein guter Auftakt für seine künstlerische Arbeit in Köln in den nächsten beiden Spielzeiten bis 2021. Ob die Zeit ausreicht, den Tanz neu in Köln zu etablieren, wird sicher nicht nur an den weiteren Fördergeldern zu messen sein, sondern vorwiegend an der Akzeptanz durch das tanzaffine Kölner Publikum.

Richard Siegal_NEW OCEANS©TANZweb.org_Klaus Dilger

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Siegals Tanzstück „New Ocean“ ist aber auch eine Hommage an einen der größten Erneuerer des modernen Tanzes, Merce Cunningham, zur 100. Wiederkehr seines Geburtstages 2019. Der hatte mit „Ocean“ (UA 1994 in Brüssel) ein auf dem Kreisprinzip basierendes Tanzstück entwickelt, das alle Tänzerinnen und Tänzer in diese Kreisbewegung einbezog. „`Ocean´ war ein großes Abenteuer“, sagte Cunningham 2008 in einem Gespräch, „wo ist denn vorn bei einem Kreis?“ Und lachend schob er nach: „Es ist alles vorn.“

„New Ocean“ von Siegal ist inspiriert von Cunninghams „Ocean“, ohne dass er mit tänzerischen Zitaten arbeitet. Seine Bewegungssprache ist erfrischend anders, nicht anders im Sinne von Neu, sondern anders in der inhaltlichen Qualität einer Bewegung, komme sie nun aus der Release-Technik oder dem klassischen Ballett.   

NEW-OCEAN_Richard-Siegal©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Bei Siegal startet das Stück mit leerer Bühne. Einziges Gestaltungselement ist ein großer Ring auf dem Bühnenboden. Der ist aber weder Rückzugsraum für die Tänzerinnen und Tänzer noch trennende Barriere, sondern als schöne, durchgängige Reminiszenz an Merce Cunningham zu verstehen. Damit ist er von Anfang bis zum Schluss dabei. Was er wohl zu „New Ocean“ sagen würde?

Diese „Leere“ bestimmte den gesamten ersten Teil der Choreografie. Keine Ausstattung, keine Musik – nur die reine Bewegung. Großartig. 45 Minuten lang. Man hätte eine Stecknadel fallen hören. Kein Hüsteln, kein Räuspern oder Rascheln, wie es oftmals gerade in die stillen Momente platzt, störte die erste Bewegungssequenz des Tänzerpaares, das zum tonlosen Einstieg die Bühne betreten hatte und nach einem kurzen Verzögerungsmoment zum Tanz ansetzte.

NEW-OCEAN_Richard-Siegal©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Mit diesem kurzen Stillstand nach Einnahme ihrer jeweiligen Ausgangsposition bringen die Tänzer sichtbare Ruhe in eine Choreografie, die vom Tempo der Tanzsequenzen und der Schnelligkeit der Bewegungen geprägt ist. Da schießt ein Arm in die Höhe, zeitgleich knickt das Standbein ein, der Schwung des fallenden Armes bringt den Körper in eine Drehung, die in einer Anspannung der Schultern mündet, die fallend die Bewegungssequenz abschließt. Weitere Tänzer betreten die Bühne, suchen sich ihren Ausgangspunkt und setzen zu einer eigenen Sequenz an. Die absolute Stille im gesamten ersten Teil des Tanzstückes (die auch vom Publikum durchgehalten wird) lenkt den Blick in konzentrierter Form auf die Ausführung des Tanzes. Nur ab und zu ertönt ein metallischer Schlag als würde ein Riegel ins Schloss fallen. Es ist ein fast nur still zu erfahrender Genuss, den Tanz dieses großartigen, technisch versierten und ausdrucksstarken Ensembles zu verfolgen. Deshalb ist es ein grober Ausrutscher an einer Stelle, die Tänzer im Schattenriss auf Kitschobjekte zu reduzieren.

NEW-OCEAN_Richard-Siegal©TANZweb.org_Klaus-Dilger

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Nun ist „New Ocean“ aber ein zweigeteiltes Stück. Und so wurde nach der Pause ein Schwenk von der kontemplativen Ruhe zum aktuellen Zeitgeschehen vollzogen. Plötzlich war der Klimawandel auch auf der Tanzbühne präsent. Kein Bruch zum ersten Teil, sondern inhaltliche Erweiterung, die auch vom Publikum goutiert wurde. Und selbst Merce Cunningham hätte dagegen sicher nichts einzuwenden, galten er und sein Lebens- und Arbeitspartner John Cage („Music of changes“) doch als Sozialutopisten.

Jetzt hieß es also Aufwachen. Die Musik, erst mit leisem Dauerton, dann sich dramatisch steigernd und zum Schluss in einer Kakophonie mündend, wurde führend für den Tanz. Videoprojektionen auf den Bühnenboden suggerierten abdriftende Eisschollen, Nebelschwaden waberten in den Zuschauerraum. Das Programm versucht eine Erklärung: „Im Reflex auf die ökologischen Entwicklungen der Gegenwart, entwirft Richard Siegal vielmehr ein streng mathematisches System, das mittels eines eigens entwickelten Algorithmus Datensätze des Klimawandels in choreografische Handlungen übersetzt.“ Um zu sehen, ob und wie das funktioniert, sollte man sich den Tanzabend „New Ocean“ auf jeden Fall ansehen.

Nächste Vorstellungen: Heute, 28.09. und morgen 29.09.2019. Weitere Termine folgen.

Richard Siegal_NEW OCEANS©TANZweb.org_Klaus Dilger

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Von |2019-12-05T17:42:37+01:005. Dezember, 2019|