Nicht eins sein

In der Ausstellungshalle des Alten Pfandhauses in der Kölner Südstadt findet auch der Tanz seinen Ort: das sehr besondere Solo „MIRA6_89°“

Eine Nachtkritik von Melanie Suchy

Nicht eins sein

Wo beginnt der Mensch, wo hört er auf? An seiner Haut, der Oberfläche, oder beim aufrechten Gang?  Bei der Erinnerung oder der Fähigkeit, sich selbst zu betrachten? Oder der Fähigkeit, das Selbst zu verlassen? Die Tanzperformance „MIRA6_89°“ kommt zwar mit dem klotzigen Untertitel „Ein Solo mit Gedächtnishüllen“ daher, ist aber viel feiner und vielfältiger, als er vermuten ließe. Das liegt zum großen Teil an dem Tänzer, Dong Uk Kim, der sich in der knappen Stunde immerzu verwandelt, nur im Gehen, im Schauen, in der Art, wie und wo er mit den Händen hinfasst, so dass sein Tanzen fast nur ein Werden oder Sein, Agieren und Reagieren ist. Kein Moment ist Dekor oder Füllsel, nichts muss er beweisen. Und es liegt an der Choreographin, Julia Riera, die diesen Fähigkeiten Raum gibt und sie im wörtlichen Sinne in Einklang bringt mit der Umgebung, die aus Lichtröhren, Lichtfarben, Folien und Kunststoffobjekten besteht und zu der auch Philip Mancarellas dezente Komposition aus Klavier-, Harfen-, Glöckchen- und röhrenden und pochenden Elektrotönen gehört. Dazu die Platzierung, erst oben, dann unten in der zweigeschossigen Ausstellungshalle des Alten Pfandhauses; das ergibt eine beglückende Stimmigkeit.

Denn wie lädt man Zuschauer am besten ins Thema „Hüllen“ ein: indem man die Performance eben nicht distanziert, abgrenzt, sondern sozusagen enthüllt. Sie ist ganz nah, auch durch die Töne, die von beiden Seiten hinter den Rücken erklingen. Dass sie durch Sensoren auf der Bühnenfläche ausgelöst werden, kapiert man beim Zuschauen nicht unbedingt; es könnte auch ein aufmerksam schaltender Musiker an seinem Pult sein. Der Zusammenhang zwischen Objekteberühren und bestimmten Klängen ist teilweise erkennbar, aber nicht immer, so dass dieses Töneleben eben nicht platt und mechanisch wirkt, sondern veränderlich wie Wetter. Oder wie dieser Mensch da vorn auf der kleinen Bühnenfläche, der ein anderer wird. 

Sind 89° viel oder wenig?

Die Tanzstücke namens „MIRA“, die das gleichnamige Kölner Kollektiv aus Julia Riera, Julia Franken und Emily Welther seit einigen Jahren immer in Kombination mit Künstlern anderer Sparten geschaffen hat, werden stets mit Nummern versehen. Das eindrucksvolle „MIRA“ im Museum Kolumba 2013 etwa war Nummer drei; das neueste ist die Nummer sechs. Vielleicht meinen die 89 Grad den nicht vollendeten Rechten Winkel oder heißes Wasser, das fast, aber nicht ganz kocht. Vielleicht die Temperatur, bei der Plastikfolie die Fassung verliert. Denn die erwähnten Objekte, die der Tänzer mit, an oder bei sich hat, sind aus rauhem, fast durchsichtigem hartem Kunststoff, der eine flüssige Vergangenheit zu haben scheint. Als seien mit ihm, wie mit Gips, menschliche Körperteile umformt und diese Verschalungen dann abgenommen worden: eine Hand, ein Arm- oder Ellenbogen, eine futzelige Schädeldecke, ein Oberkörper mit Brüsten, ein Penis mit Hodenpaar. Das ergibt keinen kompletten Menschen. Darum geht’s.

MIRA6_89° – ein Solo mit Gedächtnishüllen von MIRA Interaktive Tanzperformance
Künstlerische Leitung/Choreografie: Julia Riera I Konzept /Regie: Julia Riera/Philip Mancarella Musik/ Technik: Philip Mancarella I Tanz: Dong UK Kim I P&Ö: Caroline Skibinski

Passt, aber nie lange

Ein stacheliger Klumpen. So sehen die Teile zu Beginn aus, wenn sie, zusammengepappt, die Last bilden, die Dong Uk Kim an zwei Seilen hinter sich her schleift. Dann schultert er sie wie ein Wanderer und geht langsam ein paar Schritte; es wirkt wie eine Lebensstrecke. Wenn er das Gebildebündel in den Armen hält, wird es kostbar. Erst als er es entblättert und ein Teil nach dem anderen auf fast kindliche Weise entdeckt, an seinen Körper hält, an entsprechende Stellen oder an andere, erkennt auch die Zuschauerin, welcher Art diese Scherben, Hüllen, leeren Skulpturen sind. Er hält sich den Ellenbogen wie ein Trinkhorn an den Mund, fährt mit dem Genital auf dem Boden herum und macht „puch“, als schösse ein Spielzeugpanzer, er bettet im Liegen seinen Kopf auf einen Bauch, aber findet dort keinen Schlaf. An Fäden mit Haken gehängt, lässt der Tänzer diese Reste oder Hinweise auf Körper baumeln, pendeln, sachte kreiseln, wobei jedes Teil nun zu sprechen scheint, mit Klaviertönen, Klingeln, Schnackeln und einer männlichen Stimme, die einen Traum erwähnt. Ein Konzert entsteht, aber nur kurz. Denn die Inszenierung walzt nichts aus, die schönen Ideen tauchen auf und verwehen wieder. Loslassen ist Programm.

Verbinden und lösen

Wie Dong Uk Kim seinen Körper, in Hemd und Hose und mit unbewegtem Gesicht, diesen fremden – oder nicht fremden – Körperteilen begegnen lässt, verändert sich stets. Eine Sehnsucht nach Berührung oder Erinnerung wird sichtbar, wenn er seine Wange an die Hüllenhand legt. Er lauscht immer wieder und schaut. Aus der Ruhe und dem eigenen Schlängeln, Kreiseln, Schweben in Nachbarschaft zu den hängenden Teilen wird eckige Unruhe, ein andermal scheint ihn etwas von innen zu verrücken, dann wieder etwas von außen an ihm zu zerren und er sich selber fremd zu werden. Sein Gesicht wird zur schnellgrimassierenden Maske, er gestikuliert hektisch unverständliche Argumente. So wird dieser Mensch selbst zur Hülle, zur Show, zum Einzelteil in einer kommunikationsgestressten Welt. Oder er war schon vorher leer, aber unbewusst und im Frieden damit. Fast zeremoniell legt Dong Uk Kim schließlich fast alle Klamottenhüllen ab und wird zu Vierbeinern, staksig und affenwendig, einen Moment lang, dann zur Frau, die im stillen Tanz die Hüften verschiebt, während im veränderten Licht die hängenden Formen fast durchsichtig werden. 

Das Ende

nimmt sich Zeit: das Verschwinden mit und hinter dem Licht, einer senkrechten Linie. Auf brillante Weise vermeiden es „MIRA6_89°“ und dieser Tänzer, dramatisch oder sentimental zu werden. Es ist Tanz, der Hülle ist, ein Rest oder ein Zeichen von etwas, Spur, Erinnerung, Traum, und zugleich Inhalt und Fülle. Für die Zuschauer bleibt das offen.

Noch einmal am 20. und 21. Oktober 2017 jeweils um 20 Uhr, Ausstellungshalle, Altes Pfandhaus, Kartäuserwall 20

 

MIRA6_89° – ein Solo mit Gedächtnishüllen von MIRA Interaktive Tanzperformance
Künstlerische Leitung/Choreografie: Julia Riera I Konzept /Regie: Julia Riera/Philip Mancarella Musik/ Technik: Philip Mancarella I Tanz: Dong UK Kim I P&Ö: Caroline Skibinski

 

Von | 2017-11-14T07:53:57+00:00 19. Oktober, 2017|