Pina Bausch Fellowships: „Warum denn nicht… „

… die Künstler frei bestimmen lassen, wohin es gehen soll?

 

Ein Kommentar zu „Pina Bausch Fellows 2018“ von Klaus Dilger

 

Professionelle Tanzbefasste und Tanzbegeisterte ohne berufliche Verbindung, Tänzer- und ChoreographINNEN-Kollegen, selbst das Ministerium für Kunst und Wissenschaften des Landes, in Form seiner Tanzbeauftragten, stellten sich in den Dienst eines Projekts, zu dem zwei Stiftungen, die Pina Bausch Foundation und die Kunststiftung NRW, alle Werkzeuge und Bestandteile zur Verfügung gestellt hatten, geleitet von dem einzigen Wunsch, dass die Umsetzung des Künstlervorhabens bestens gelingen möge und das Ergebnis begeistert oder zumindest neue, interessante Sinneseindrücke vermitteln wird: SUPPEN!

Ja, es ging ums Suppen kochen (vorbereiten) – und dabei mit den Rezeptelieferanten (den vier ausgewählten Künstlern) nicht nur über deren Lieblingssuppen zu sprechen (denn gekocht haben dann die Köche)!

So Wirklichkeit geworden, am Samstag in Wuppertals UTOPIA-Stadt – dort nämlich wurden die vier neuen Stipendiaten, Fellows genannt, der Pina Bausch Foundation der Öffentlichkeit vorgestellt.

Kein neues, aber ein gutes Format

Nicht Jede und Jeder ist beim Gemüseschnippeln ein gleich eloquenter Entertainer und über die eigene Kunst und künstlerisches Forschen zu reden, ist nicht allen gegeben noch Jederfraus Anliegen, eher im Gegenteil, – wir erinnern uns an die Namensgeberin der Fellowships.

Dennoch scheinen die Suppen den neugierigen Gästen geschmeckt zu haben; auch war dieses Format und der Ort der Präsentation bestens geeignet, ganz unverkrampft einander zu begegnen, Gespräche zu führen, Erfahrungen zu sammeln und auszutauschen.

Zeit und Chancen zu geben zu entdecken, das sind die Visionen der Stiftung, auch für die Vergabe der bis zu sechs Monate dauernden Stipendien:  „…künstlerische Entwicklung zu erweitern, neue Ausdrucksformen zu erlernen und durch die Arbeit mit Kooperationspartner*innen ihrer Wahl in intensive künstlerische Prozesse einzutauchen.“ das sind die Anliegen zur Vergabe der Stipendien an Einzelkünstler*innen ohne jegliche Altersbeschränkung. Im Gegensatz zu Projektförderungen wird hier keine Stückentwicklung erwartet.

Photo: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation

Die Jury, bestehend in diesem und kommenden Jahr aus dem Chilenen Enrique Rivera, Kurator und audiovisueller Forscher, Shantala Shivalingappa aus Indien, die auch in der Arbeit von Pina Bausch als Tänzerin bezauberte, und der Choreographin und Tänzerin Eun-Me Ahn aus Korea, wählte vier Stipendiaten aus insgesamt 126 Bewerber*innen im Alter zwischen 19 und 65 Jahren aus. Diese sind:

 

Alexandre Achour

… er wurde 1982 in Frankreich geboren und lebt mittlerweile als Choreograf und Tänzer in Berlin. Seinen Master in Choreografie hat er am Hochschulübergreifenden Zentrum Tanz Berlin gemacht. Außerdem absolvierte er einen Bachelor of Arts (1st Class Honour) an der London Contemporary Dance School und einen Bachelor of Biology an der Université Claude Bernard Lyon, Frankreich. Alexandre Achour interessiert sich für den Prozess wie Performances die öffentliche Wahrnehmung des Tanzes prägen. Seine Stücke wurden bereits national und international gezeigt.

Die Jury über Alexandre Achour: „One of the main decisions to select Achour’s works was his intentions to deconstruct the conventional relation between audiences and the observed work and his very unusual approach to collecting, staging and refining content. His work displays a bold choice, developed in depth, with detail and refinement, layered with simple elements that evoke social and political references to current situations in the world. His work was striking, almost hypnotic it its carefully designed minimalism.“

Sein Kooperationspartner ist Xavier LeRoy, mit dem er bereits als Performer zusammengearbeitet hat. LeRoy zeigt seine Arbeiten im öffentlichen Raum, in Museumsausstellungen und in Theatern. Er setzt sich dabei immer wieder mit dem Thema der Spezifität von Räumen und deren Auswirkungen auf das Publikum auseinander. In Mexiko wird Alexandre Achour ein choreografisches Praktikum machen und so in die Entstehung der neuen Arbeit von Xavier LeRoy involviert sein. Die Aufführungen werden im Herbst 2018 in Mexiko in der Jumex-Stiftung stattfinden.

Marie-Lena Kaiser

… sie ist Choreografin und Performerin mit Sitz in Essen. Sie beendete 2016 ihr Tanzstudium an der Folkwang Universität. Während ihres Studiums entwickelte sie bereits eigene Choreografien, die sie im Tanzhaus NRW, Tanzfaktur Köln und Zeche1 Bochum und auf verschiedenen Festivals gezeigt hat. Die Sprache, die sie entwickelt, ist geprägt von der Folkwang-Tradition, gleichzeitig zeichnet sie sich durch einen kritischen und spielerischen Umgang mit dieser Tradition aus. Marie-Lena Kaiser hat ein großes Interesse an Tanz in verschiedenen Kulturen. Dafür ist sie nach Ghana, Burkina Faso, Mosambik und Südafrika gereist, um sich mit Performancekünstler*innen auszutauschen. Mit der Company „Performing Group“ tourt sie als Performerin in verschiedenen Ländern wie China, Rumänien und Litauen.

Die Jury über Marie-Lena Kaiser: „In a first impression you can understand that Kaiser’s work is pushing it’s own boundaries of experience and intensity. She displays a bold and unusual choice, developing the selected idea in depth, in a refined mix of ludic and dramatic expressions, using minimalism as well as an explosive energy. We feel there is strong potential in her partnership with cooperating partner Macuacua, with whom she already started a very stimulating dialogue. Both artists have a strong sense of musicality developed in unconventional ways, as well as a powerful physicality, though from very different aesthetics and formal structures.“

Marie-Lena Kaiser reist nach Mosambik und wird dort den Choreografen Horacio Macuacua bei seinem neuen Stück „Teka“ begleiten und unterstützen. Im Rahmen des Fellowship wird sie auch an ihren eigenen choreografischen Ideen und Konzepten arbeiten und dabei von ihrem Mentor betreut werden.

Kareth Schaffer

… sie wurde 1987 geboren und ist in den USA und den Niederlanden aufgewachsen. Sie ist Choreografin und Performerin und lebt in Berlin. Ihre choreografischen Arbeiten wurden in zahlreichen europäischen Ländern gezeigt. Kareth Schaffer ist Gründungsmitglied des Choreografenkollektivs Temporary Archipel mit Ana Laura Lozza, Lee Meir und Claudia Tomasi und (Mit-) Initiator des Artist‘s Pledge. Sie hat mit und für Künstler wie deufert & plischke, Tino Sehgal, Stefanie Wenner, Christian Falsnaes, Alexandre Achour und Kyla Kegler gearbeitet.

Die Jury über Kareth Schaffer: „Her own work displays a conceptual approach, and strong theatrical elements combined with movement, we were struck by her desire to “tell stories” through dance and her notion that dance is not a very good medium to tell stories: Balinese dance revolves around telling stories! This partnership is exciting for many reasons: the distance that separates Kareth’s dance training and cultural environment from her chosen place of immersion promises a plunge into a totally new world, with all the stimulation, challenges and discovery such a journey will trigger on multiple levels, be it pure movement i.e. how you think and feel the movement, what type of muscle structure is needed, to what motivates movement, and what it seeks to convey, express and portray, through specifically codified tools.“

Durch die Kooperation mit Putu Edie Suyadnyani (Tänzerin, Dozentin) in Bali verspricht sie sich einen Sprung in eine völlig neue Welt und in eine unbekannte Bewegungssprache, die für ihre weitere Arbeit wichtig ist. Gleichzeitig stellt sie die Frage: Wie würde zeitgenössischer Tanz aussehen, der sich aus balinesischem Tanz und nicht aus Ballett entwickelt hätte.

Scott Elstermann

… ist ein unabhängiger australischer Tänzer und Choreograf. Er erhielt den Palisade Award als herausragendster Absolvent des Bachelor of Arts (Tanz) an der Western Australian Academy of Performing Arts im Jahr 2014. Er hat einen vielseitigen Hintergrund und hat Titel wie Junior Australasian Jazz Champion und Youth Queensland Ballroom Champion gewonnen. Er hat für führende australische Künstler wie Lucy Guerin Inc. und Shona Erskine getanzt. Er performte beim World Dance Alliance Globalgipfel Choreolab in Angers, Frankreich und im Vondelpark Openluchttheater in Amsterdam. Seine Arbeit „Awkward Con-nections“ wurde beim Perth Fringe World Festival 2016 mit dem Overall Dance & Physical Theatre Award ausgezeichnet. Seine Interessen in Performance und Choreografie konzentrieren sich auf komplizierte gestische Bewegungen und unregelmäßige rhythmische Strukturen.

Die Jury über Scott Elstermann: „Coming from an insular geographical location, Elstermann had the ability to develop and maintain himself in an intelligent and ambitious international level. Combining a high technical level with a compelling stage presence and a very sensitive and expressive body language, his skills and talent as a dancer are extremely promising and we feel that an immersion in a stimulating and challenging dance environment is crucial for the next phase of his artistic development.“

Scott Elstermann wird mit seiner Kooperationspartnerin Marina Mascarell Martinez zu ihren verschiedenen Produktionen an Spielstätten in ganz Europa reisen. Dort wird er sowohl an den Trainingsklassen als auch an den Produktionsabläufen teilnehmen, um sein Potenzial als Tänzer zu entdecken und weiter zu entwickeln. Er wird tiefe Einblicke in die aktuelle europäische Tanzszene und in Produktionsabläufe renommierter Kompanien erhalten.

STIPENDIATEN 2017

Wie im vorausgegangenen Jahr gaben die beiden Stipendiaten des Jahrganges 2017 einen erzählerisch, visuellen Einblick ihrer Fellowships:

Antonio Ssebuuma „Bukhar“

… ist Performer, Choreograf und Social Entrepreneur aus Kampala in Uganda. Seine künstlerische Arbeit ist geprägt durch Tanzstile wie Hip Hop, zeitgenössischer Tanz, Dancehall, Breakdance und traditionelle Tanzformen aus seiner Heimat. Er leitet die Künstler*innen-Kollektive Kuenda Productions, eine Plattform für transglobalen, künstlerischen Austausch und Arts 2 Hearts, dessen Ziel es ist, Tanz und Kunst im Allgemeinen als eine wichtige und wertvolle Ausdrucksform in Schulen und Communties zu etablieren. Im Jahr 2007 war er Gründungsmitglied der Tanzkompanie Tabu Flo Dance Company, die durch CNN African Voices und das britische Magazin The Economist bekannt geworden ist.

Antonio Ssebuuma „Bukhar“ reiste mit dem Fellowship nach Neuseeland, um dort an der Universität von Auckland seine persönliche künstlerische Entwicklung als Tänzer voranzutreiben. Im Dialog und Austausch mit seiner Kooperationspartnerin Dr. Rose Martin hat er zudem theoretische Grundlagen von Tanztechnik und Methoden des Community Dance erforscht.

Mohamed Yousry „Shika“

… stammt aus Ägypten und studierte in Kairo Tanz. 2012 schloss er sich dem Cairo Contemporary Dance Center (CCDC) an. Im Jahr 2015 ging er als erster ägyptischer Tänzer an die Ecole Des Sables (EDS) im Senegal, im selben Jahr wurde er mit einer CEC ArtsLink Residency ausgezeichnet. Er wurde geprägt durch international bekannten Lehrer*innen, z.B. Vincent Mantsoe, Germaine Acogny, Francesco Scavetta, Sophiatou Kossoko, Frey Faust and Reggie Wilson.

Mit dem Stipendium reiste er nach Harare und New York City zu der Performerin und Choreografin Nora Chipaumire. Sie war seine künstlerische Mentorin und unterstütze ihn bei der Erforschung neuer, zeitgenössischer Perspektiven auf den afrikanischen Tanz und dessen Körperkonzepte.

Die Stipendiaten 2017: Antonio Ssebuuma Bukhar und Mohamed Yousry Shika (v.l.n.r.).
Foto: Sala Seddiki, © Pina Bausch Foundation

Von | 2018-02-08T10:33:23+00:00 29. Januar, 2018|